Zagreb – Belgrad  30.10 – 4.11.12

Start bei kaltem Wetter (ca. 3°C), aber Sonnenschein. Sehr viel Verkehr auf der Strasse stadtauswärts und leider keine Velowege. Wir nehmen es gelassen. Die Autofahrer machen meist einen grossen Bogen um uns und Hupen im Verkehr allgemein ganz selten. Und wenn einer wirklich noch bei Gegenverkehr durchschlüpfen will, dann heisst es für uns: in die Fahrbahnmitte ziehen und ein Überholen verzögern. Irgendwie läuft alles gemächlicher und ruhiger als in der Schweiz. Nach ca. 15 km können wir endlich auf die Strasse entlang des Flusses SAVA einbiegen. Nur selten kommt ein Auto.

Ab Sisak am Morgen leichter Frost. Fahren gut vermummt weiter entlang der Hochwasser führenden Sava, die viel Treibgut mitführt und bis zu den Deichen Überschwemmungen verursacht. Wie an einer Schnur reihen sich Weiler und Dörfer mit alten Holzhäusern entlang des Flusses. Schade, dass ein grosser Teil der alten Häuser verfallen. Keine Industrie, kaum Gewerbe dafür viel Kleinlandwirtschaft. Hier gibt es nur sehr bescheidenen Verdienst. Die Bewohner staunen mindestens so viel über uns wie Hunde wild bellen. Wie kann man mit dem Velo reisen, wenn es Autos gibt?
Nach ca. 60 km kehren wir zum Essen in einer originellen und liebevoll eingerichteten Landbeiz ein. Es gefällt uns ungemein gut und da Bier und Wein uns die Lust aufs Weiterfahren nehmen, ist uns ein kleines mit alten Möbeln eingerichtetes Häuschen zum Übernachten ganz recht. Heute nur 65 km gebummelt.

 

Heute, am Allerheiligen (1.11. 2012), lange Etappe bis nach Slavonski Brod. 110 km. Milder Morgen mit Sonne, am Nachmittag etwas Regen (so, dass man nicht richtig nass wird, aber unter den Regenklamotten schön schwitzt). Auf ca. 25 km kommen wir an vielen Häusern mit Beschädigungen aus der Zeit des Bosnien-Krieges vorbei. Schweigend und nachdenklich treten wir in die Pedale. (Eine Ausstellung in Zagreb zum Krieg, Kroatisches Nationalmusem, war eindrücklich und beklemmend).
Viele parkierte Autos verstopfen die Strassen. Zuerst glauben wir an ein Fussballspiel. Anlass ist aber Allerheiligen. In Scharen strömen die Menschen, jung und alt, auf die Friedhöfe und zünden Grablichter an. Es müssen tausende sein. So eine tiefe Verwurzlung im Glauben haben wir noch nirgends erlebt. Da sind wir doppelt verwirrt, dass die Müllabfuhr fährt, Betonmischer unterwegs sind und fleissig gehämmert und gesägt wird, was das Zeug hält. Das übrigens auch an normalen Sonntagen. Oder verwechseln wir schon die Wochentage?


Am Abend suchen wir lange nach einem Nachtessen. Viele Restaurants sind geschlossen. Zuletzt bleibt nur ein Hamburger mit Coca/Schweppes Bitter Lemon bei „Super Mac Bruno“. Sind froh, etwas zu Essen zu bekommen. Bier in der Hotelbar und ab ins Bett. Sind auf der Nase . . .

 

Evica und Aldo, herzlichen Dank!
Evica und Aldo, herzlichen Dank!

Bis Vinkovci (2.11.) machen wir vor allem Kilometer. Die Strecke führt immer wieder durch Dörfer, Verkehr mittelmässig. Wir finden ein schönes Hotel (Villa Lenija, dank Internet und Laptop).

10 Min. nach Ankunft giesst es in Strömen und Windböen fegen über die Stadt – Glück gehabt! 72 km


Bis Sremska Mitrovica, Serbien, 79 km (3.11.)
Bea kauft noch in Kroatien Wasser in einem kleinen Laden. Die Verkäuferin spricht sie auf Deutsch an und meint, wir müssten unbedingt ihren Schwager, einen Schweizer der zwei Strassen weiter wohnt, besuchen. Und so sitzen wir 10 Min. später beim Kaffee bei Aldo und Evica, die sich sehr freuen. Vielen Dank für die nette Begegnung! Leider können wir nicht länger bleiben.


„Dobra“, „go to . . .?“, „Belgrad – Bulgaria – Turska“, „Tourist?“, „yes“ . . . und mit einem Wink sind wir in Serbien. Also ein problemloser Grenzübertritt. (Hoffen, dass das bei der Ausreise auch so ist. In Serbien gibt es eine 24 Std.-Meldepflicht, die normalerweise das Hotel übernimmt. Also die Quittungen gut aufbewahren. Vielleicht fragt auch niemand danach).

Serbien ist deutlich anders als Kroatien: Viel Abfall entlang der Strassen, nur weit weg von bewohntem Gebiet ist die Luft sauber, Strassenhunde (auch tote am Strassenrand). Wir begegnen ersten Pferdefuhrwerken. Die Serben sind uns gegenüber weniger zurückhaltend als Slowenen und Kroaten, aber nett und hilfsbereit. Die Strecke ist für uns eher langweilig. Viele Geraden, leichter Gegenwind, Verkehr wenig, aber z.T. sehr rasante Fahrweise. Müssen immer auf der Hut sein. Wir gewöhnen uns nur langsam an Abfall und Gestank. Ab und zu Hunde die uns bellend nachlaufen. Unangenehm, wir gewöhnen uns aber daran.
Belgrad (Beograd) begrüsst uns mit sehr viel Verkehr, z.T. schlechten Strassen und ganz wenigen Velowegen.
Nach vielen Umwegen ist das Hotel (Design Residenz) endlich gefunden (dank Navi und Laptop). Sehr zentral in der Altstadt. Wir bekommen ein grosses Zimmer, für uns ideal. Machen nun zwei Tage Pause, waschen Wäsche (Bea), planen die weiteren Etappen und ergänzen die HP (Pit). Lesen, schlafen und relaxen nach gut 1700 km auf dem Velo.

 

Belgrad – Vidin (Bulgarien)
6.11. – 14.11. 2012

Nach Belgrad gelangen wir an der rumänischen Grenze auf den Donauradweg. Die nächsten Tagesetappen versprechen viel Schönes und Interessantes – wir werden nicht enttäuscht!
Serbien zeigt sich für uns von einer Seite, die wir noch nicht kennen: Strassen mit sehr wenig Verkehr und kaum mehr Abfall an den Strassenrändern, wunderbar farbige Wälder entlang der Donau, hübsche Dörfer und wie bisher sehr hilfsbereite Menschen – und dazu scheint seit Tagen die Sonne. Was wollen wir mehr!
In Golubac kommen wir gar nicht dazu, vor einem Restaurant vom Rad zu steigen und uns nach einem Hotel zu erkundigen. Der Wirt eilt auf uns zu und nach einem Telefongespräch („Sie suchen Zimmer? Kein Problem, kein Problem. Ich finden für sie ganz nah Zimmer zu gutem Preis. Kein Problem, kein Problem . .“) sitzen wir kaum zehn Minuten später in einer schön renovierten Ferienwohnung. Die Velos stehen sicher unten im Korridor der Wohnung, etwas anderes kommt für den umtriebigen Vermieter nicht in Frage. Sicher ist sicher. Herzlich danken wir für den tollen Service.


Zwei Tage rollen wir gemütlich dahin. Rechts ein Nationalpark und links die mächtige Donau, mal wenige hundert Meter und dann wieder über 6 km breit. Meist fahren wir nebeneinander, die wenigen Autos stören kaum. Es ist am Morgen mit nur 3 Grad empfindlich kalt. Schöööön, wenn die Sonne den Rücken wärmt. Velofahren bei niedrigen Temperaturen ist kein Problem. Wir nehmen uns (meist) die Zeit, die Bekleidung der Strecke anzupassen. Und doch schlottern wir bei flotten Abfahrten wie die Schlosshunde wenn der Aufstieg vorher schweisstreibend war. Velofahreralltag . . .

Kurz vor der Grenze zu Bulgarien zeigt der Kilometerzähler 2000 an. Keine Allerweltsstrecke – wir freuen uns aber trotzdem und möchten einmal mehr mit niemandem tauschen.

Der Grenzübertritt geht problemlos. Die Serben wollen nur die Pässe sehen und der bulgarische Zöllner fragt, ob wir noch einen Stempel als Souvenir wollen. Aber klar!! Благодаря! Besten Dank. Die Bulgaren begegnen uns offen und freundlich. Und als ein Gast bei einem Kaffeehalt in einem kleinen Dorf sein Gebiss auf dem Tisch vergisst (beim Anblick unserer Fahrräder?) lachen alle herzlich – dafür brauchen wir die Sprache des anderen nicht zu verstehen. Solche kleinen Begebenheiten und Begegnungen machen das Reisen mit dem Velo für uns so einmalig.
In Vidin gibts nun zwei Tage Pause. Gemäss Navi sind die nächsten Tagesetappen mit dem einen oder anderen Hoger (Bärgli) garniert. Also Kräfte auftanken und Ausrüstung auf Vordermann bringen.

Velofahrer trinken Velofahrerwein! Witzige Etikette und erst noch guter bulgarischer Wein.
Velofahrer trinken Velofahrerwein! Witzige Etikette und erst noch guter bulgarischer Wein.

Vidin – Eterpole 15.-18.11.2012
Der trübe Himmel passt zu den heruntergekommenen Dörfern, die wir durchradeln. Viele Gebäude sind mehr Hütten als Häuser, erbaut aus einfachen Tonziegeln, unverputzt und umgeben von zugemüllten Höfen und Gärten. Die Armut ist für uns seh- und greifbar und verwirrend zugleich. Holprige und von Schlaglöchern übersähte Dorfstrassen lenken uns ab und fordern ganze Konzentration. Wir legen nur kurze Trinkpausen ein und fahren zügig nach Lom. Wie glücklich wir sind, nicht so leben zu müssen.

 

Zäher Hochnebel begleitet uns auch weiterhin. Die Temperatur liegt nur wenige Grad über Null und wird durch den Wind noch unangenehmer. Wir kommen dank guten Fernstrassen zügig voran, fahren teilweise mit flotten 30 kmh. Die letzten 20 km vor Tipchenitsa viel Schwerverkehr; das Fahren ist für uns sehr anstrengend und verlangt volle Aufmerksamkeit.
Das Autofahren in Bulgarien hat etwas Hemmungsloses. Überholt wird, wo es gerade noch geht; ausgezogene Linie hin oder her. Geschwindigkeitsbeschränkungen interessieren niemanden, so schnell fahren, wie die Karre läuft (es gibt neben ganz alten "Mühlen" auch viele Offroader und edle Limousinen mit Stern). Zahlreiche Gedenktafeln für die tödlich Verunfallten an der Strasse (sicher alle paar hundert Meter eine, mit Bild) haben offenbar keine abschreckende Wirkung. Einige sind mit Auto oder Tacho (Linie bei 140 kmh) abgebildet. Kein Kommentar . . .

Weil kein Bulgare freiwillig Velo fährt, rechnet auch niemand mit so Wagemutigen wie uns auf der Strasse. Das kann dann schon mal zu naher Tuchfühlung führen. Neben uns durch oder auf unserer Spur entgegen. Wir sind immer auf der Hut.

 

Machen einige Höhenmeter bis Tipchenitsa. Am Abend gibt’s bulgarische Volksmusik im Hotel. Gäste tanzen spontan – wir geniessen den Abend bei gutem Essen und bestem bulgarischen Wein . . .
Das Morgenessen fällt Verständigungsproblemen zum Opfer: Wir bestellen je 3 Spielgeleier mit Brot, erhalten aber Maisbrei mit Frischkäse. Haben so immerhin etwas Warmes im Magen, essen aber – es sei verraten – nicht ganz alles auf. Mit den kyrillisch geschriebenen Speisekarten haben wir etwas Mühe. Für Russland müssen wir noch gewaltig üben, das haben wir uns vorgenommen.


Nach Tipchenitsa geht es weiter in die Hügel. Haben heute wieder etliche Höhenmeter auf dem Zähler. Vor allem der Aufstieg vor Eterpole hat es in sich. Die letzten Kilometer geht uns Schieben leichter. Das Hotel heisst „Everest“ und das Zimmer ist klein wie eine Biwackschachtel. Prima Basislager für das Pässli von morgen! 900 Hm werden es zuletzt sein. Hoffentlich macht das Wetter mit und bringt keinen Regen, aus Nass könnte bei den Temperaturen leicht Schnee werden. Lieber nicht . . .

Eterpole - Pirdop - Karlovo - Stara Zagora 19.-22.11.2012
Die 900 Hm auf den kleinen Pass fordern uns. Zwischen 8 und 12% steigt die Strasse, die zeitweise einem Bachbett gleicht und keine flachen Abschnitte hat, über 16 km an. Zum Glück aber scheint ab 1000 m ü.M. die Sonne endlich wieder. Seit sechs Tagen haben wir sie nicht gesehen. Uhhh wie das gut tut!!
Für heute Dienstag ist Regen angesagt. Nach 20 km ist es dann soweit: feines Nieseln wird zum ausgewachsenen Regen, dazu noch Gegenwind. Nach einigen mühsamen Höhenmetern bolzen wir Kilometer was das Zeug hält (zeitweise mit guten 25 km/h).

Mehr als drei Wochen blieb das Regenzeug trocken, beklagen dürfen wir uns also nicht. Die heisse Dusche in Karlovo ist dann himmlisch.

 

Am anderen Morgen scheint für uns nach zwei Stunden die Sonne und das Velofahren geht gleich viel leichter. Die super gute Schnellstrasse (mit vielen Lastwagen, ist ja klar) fällt auf einem grossen Teil der Etappe leicht ab und wir strampeln was das Zeug hält. Es werden fast 100 km bis Stara Zagora. Wir freuen uns auf eine Ruhepause. Erst übermorgen ziehen wir weiter. Sieben Tage ohne Pause – wir sind müde und die Knie brauchen Erholung. Zudem müssen die Bremsbeläge ersetzt werden; die schleifenden Geräusche verheissen nichts Gutes.

 

Seit zehn Tagen sind wir in Bulgarien. In drei Tagen sollten wir Edirne in der Türkei erreichen. Wir freuen uns sehr auf dieses grosse Land und Istanbul am Bosporus.

Unter der Rubrik "Die grosse Reise/so fahren wir, so sind wir ausgerüstet" sind ein paar Details zu Kleidung, Zelt, Küche usw. aufgelistet. Gerne machen wir das für die "Mitreisenden", die mit dem Velofahren und besonders mit Velotouren nicht so vertraut sind.

Unser letztes Morgenessen in Bulgarien (draussen vor einem Café)
Unser letztes Morgenessen in Bulgarien (draussen vor einem Café)

Wir haben Bulgarien mit einem kurzen Besuch Griechenlands verlassen und die Türkei, unser neuntes Reiseland, erreicht. (Die E80 wird ab bulgarischer Grenze zur Autobahn, also für uns Radfahrer gesperrt. Mit einem 30 km-Abstecher nach Griechenland ist das Ausweichen problemlos möglich).

Eine grosse Fülle von Eindrücken macht Bulgarien für uns immer noch schwer fassbar. Viel Gesehenes lässt sich kaum beschreiben und noch weniger fotografieren. Armut und Reichtum liegen so nah beieinander, wie wir das bisher nirgends angetroffen haben. Besonders die Lebensumstände der Roma in Stadtnähe ist schrecklich. Im und vom Abfall lebend, ohne fliessendes Wasser und Kanalisation. Ständig brennen irgendwo alte Autoreifen, dazwischen weiden Esel und magere kleine Pferde die letzten Halme ab oder wühlen wie ihre Besitzer im Müll. Und doch möchten wir diese Erfahrungen und Bulgarien nicht missen. Alle Menschen sind uns immer freundlich, hilfsbereit und oft winkend begegnet. Zu keiner Minute haben wir uns bedroht gefühlt oder hätten Angst haben müssen (höchsten mal Hunde haben uns Schrecken eingejagt und kräftiger in die Pedale treten lassen).

Selimiye-Moschee, einer der grössten und schönsten Moscheen der Türkei
Selimiye-Moschee, einer der grössten und schönsten Moscheen der Türkei

 

Von Anfang an hat uns Edirne, die westlichste Stadt der Türkei (ca. 140`000 Einwohner) in Beschlag genommen. Einen Steinwurf von der Serefeli-Moschee und ca. 500 m schräg gegenüber der Selimiye-Moschee, einer der grössten und schönsten Moscheen der Türkei, haben wir ein ganz neues Appartement gefunden. Wir sind die ersten Gäste überhaupt. Während wir unser Gepäck abladen und die Velos im Keller verstauen werden die Betten zusammengebaut, in der Küche Gasherd, Tisch und Stühle bereit gestellt, der Spiegel im Bad eingepasst und zuletzt bekommen wir noch Teller, Besteck und Abfallkübel. Dass die Türe zu WC/Dusche noch nicht richtig schliesst und neben Toiletten-Papier Diverses fehlt, ist für uns kein Problem. Die Besitzer sind von unserer Reservation überrascht worden und bemühen sich mit Energie und vielen Entschuldigungen, dass wir nach einer guten Stunde Stadtbummel einziehen können. So viel Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit!

 

Zum ersten Mal schnuppern wir orientalische Luft, lassen uns mit den vielen Menschen durch die Gassen treiben, freuen uns auf gutes Essen (Fisch, Früchte, Gemüse, Nüsse, Käse, Gewürze . . . uns läuft das Wasser im Mund!). Vermutlich gibt es nur ganz wenige Touristen hier und mit unseren Outdoor-Jacken fallen wir auf wie rote Hunde.
Die Selimiye-Moschee beeindruckt mit ihrer Grösse und der Besuch ist ein besonderes Erlebnis. Religion ist, wie wir sehen und erleben, ein fester und wichtiger Bestandteil im Leben der Türken. Fünfmal täglich fordert der Muezzin zum Gebet und da gleich drei Moscheen in Rufnähe von uns liegen, gibt das einen gehörigen Stimmensalat. Alles neu für uns. Wir geniessen es einfach, da sein zu können.