Am 21. November haben wir die Grenze nach Laos überfahren und machen nun in Luang Namptha einen längeren Zwischenhalt. Zeit auch, um das Visum für Thailand in Vientiane zu beantragen.

 

Zwei Jahre unterwegs, ein Zwischenbericht.
Bieler Tagblatt, 30. September 2014.pdf
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Wir staunen, wie dick Bambus werden kann.
Wir staunen, wie dick Bambus werden kann.

Letzte Tage Velo fahren in China – pures Vergnügen

Das Wetterglück hält an und verschont uns mit Wassergüssen, obwohl täglich schwarze Wolken drohen. Etwas Regen in der Nacht und am Vormittag ist egal und der zähe Morgennebel löst sich spätestens bis gegen Mittag immer auf; was wollen wir mehr. Wir versuchen wenn möglich auf der schmalen G213 zu fahren und so die Expressstrasse zu meiden. Die kurvenreiche Route fast ohne Autos, dafür mit viel Federvieh auf der Strasse, belohnt uns mit traumhaften Abschnitten, Wald und kleinen Siedlungen und wirft uns eine Steigung nach der anderen unter die Räder. Für gesunden Schlaf ist jedenfalls gesorgt. Die letzten Velogtage in China sind lang, aber mager an gefahrenen Kilometern. Trotzdem, das Radfahren ist pures Vergnügen und einfach schön!

Nach 74 Tagen verlassen wir China am 21. November 2014.

Velo fahren wird zum reinen Vergnügen.
Velo fahren wird zum reinen Vergnügen.
Das imposante Eingangstor nach Yuxi.
Das imposante Eingangstor nach Yuxi.

Ein Fall für die Polizei und Baustellentrekking

Fast zwanzig Kilometer lassen wir uns mit der endlosen Elektroroller-Kolonne aus dem Zentrum mittreiben, bis Kunming hinter uns liegt. Auch hier das vertraute Bild: auf hundert elektrische Zweiräder kommen weniger als zehn Fahrräder, dreirädrige Verkaufsstände mitgerechnet. Etwas Bewegung verschaffen sich viele Chinesen dafür abends beim gemeinsamen Tanzen in den städtischen Parkanlagen. Zu modernen Rhythmen wiegen alt und jung, Frauen und Männer, in Gruppen zusammen stundenlang die Hüften, lassen Arme und Beine kreisen, ohne wirklich ausser Atem zu kommen. Witzig, wir schauen gerne zu.

Nach einer kurzen Irrfahrt auf der Hauptstrasse, die uns irgendwo zwischen Müll, Baracken und Baustellen auf verschlungene, unbefestigte Wege führt, drehen wir um und mogeln uns bei der nächsten Zahlstelle wieder auf die Autobahn. Weniger idyllisch zum Fahren, aber was soll’s, dafür geht’s zügig voran. Fahren an dem Tag den 22´000. Kilometer seit dem Herbst 2012.

Wir geniessen die Abfahrten fast ohne Verkehr, trotz Regen.
Wir geniessen die Abfahrten fast ohne Verkehr, trotz Regen.

Die Landschaft wird bergiger, die Vegetation üppiger, die Luft feuchter und die Strasse lässt uns mal schnaufen und schwitzen und Kilometer später lange zu Tal sausen. Rauf und runter, Langeweile kommt nicht auf. Wie Treppenstufen kleben kleine und kleinste Felder an den steilen Berghängen. Gemüse, Mais, Chili, Zuckerrohr und Reis bilden mit der roten Erde einen wunderschönen farbigen Flickenteppich der fast ausschliesslich von Hand bearbeitet wird. Ab und zu ziehen Ochsen einen einfachen Pflug, vor allem aber sehen wir viele Hände, die säen, Reis und Zuckerrohr schneiden, Kartoffeln graben, Geerntetes auf dem Rücken mühevoll ins Tal tragen. Harte Arbeit seit Generationen, die beeindruckt.

Nach Yongwu wendet sich das Blatt, fertig mit treten auf der Autobahn. Vermutlich hat der Typ an der Kasse die Polizei informiert, dass ihm da zwei Verrückte durchgeschlüpft sind und nicht auf seine Aufforderung reagiert haben, umzudrehen (hat er uns nicht durchgewunken?). Wir ziehen kurz nach der Einfahrt unsere Regensachen an – Nieselregen hat eingesetzt – da hält ein Polizeiwagen vor uns. Zwei Beamte versuchen mit Gesten und auf Chinesisch höflich zu erklären, dass wir umdrehen und die Hauptstrasse benützen sollen (was wir natürlich nicht verstehen), während der dritte Beamte Fotos von uns schiesst, vermutlich nicht fürs Familienalbum. Wir unsererseits versuchen ihnen mit einem Lächeln klar zu machen, dass die Hauptstrasse in schlechtem Zustand ist, es heute regnet, wenig Verkehr herrscht, wir schon viele hundert Kilometer auf chinesischen Autobahnen gefahren sind, Rückspiegel haben und die Expressstrasse sowieso bei der nächsten Ausfahrt verlassen. Die netten Polizisten wagen nicht, unserem Drängen nachzugeben, jetzt muss der Chef sagen, was Sache ist. Nach einigem hin und her per Funk und Übersetzungsversuchen auf Englisch hält ein weiterer Polizeiwagen hinter uns. Sieben Beamte nehmen sich nun der Sache an, machen noch mehr Fotos und überzeugen uns schliesslich freundlich, dass es keinen Zweck hat, weiter zu feilschen. Also zurück, ab auf die Hauptstrasse. Es pisst inzwischen widerlich, die Strasse wird matschig. Wären der dicke Nebel und die tief hängenden Wolken nicht, wir könnten die tollen Landschaft und die (gute) Strasse, die sich in vielen Kurven durch den Wald windet, noch mehr geniessen.

Was sind schon Nebel und Regen, wenn unverhofft obermühsame sechzehn Kilometer glitschiger Morast, Pfützen, Lärm und spritzender Lastwagenverkehr folgen? China, eine einzige (Strassen)Baustelle, hier haben wir sie wieder. Gerade mal drei Tage waren unsere Velos, in Kunming penibel geputzt und geschmiert, sauber. Zweimal rücken wir mit dem Wasserschlauch an dem Tag zu Werk, mit mässigem Erfolg. Schuhe, Hosen, Packtaschen – alles überzogen mit rotem, klebrigem Brei. Was soll`s, Hauptsache nichts ist kaputt.

Für Bea ist klar, bei der nächsten Autobahnauffahrt wird die Strasse gewechselt. Sie hat die Nase gestrichen voll. Wir wagen es, bleiben für fünf Kilometer auch unbehelligt – bis auf der Gegenfahrbahn die knurrende Sirene der chinesischen Polizei ertönt, eine Lautsprecherdurchsage zu uns herüberschallt und das Polizeifahrzeug anhält. Noch gut zweihundert Meter trennen uns von der nächsten, bergwärts liegenden Ausfahrt. Im Rückspiegel sehen wir, dass drei Beamte über die Mittelplanke hechten und uns im Laufschritt verfolgen. Auweia, jetzt wird’s eng. Mit einem Zwischenspurt ist die Ausfahrt erreicht - wo uns ein junger Polizist erwartet. Ja, ja, wir werden gleich hier rausfahren, sorry. Ihm scheint es fast peinlich, dass er einschreiten muss. Mit einem Winken machen wir uns auf und davon, von den drei Verfolgern ist nichts zu sehen. Wenig später, beim Mittagessen im kleinen Dorf, die Räder stehen etwas versteckt unter einem Vordach, löst sich die Anspannung – wir können uns vor Lachen kaum erholen und stellen uns vor, wenn eine versteckte Kamera die Szene gefilmt hätte. Zum Schiessen komisch!

Wir fahren auf der Hauptstrasse weiter, wollen den Goodwill der chinesischen Polizei nicht weiter aufs Spiel setzen und uns doch noch Schwierigkeiten einhandeln. Die Beamten waren immer sehr freundlich zu uns.

Tee, Kaffee und andere „feine“ Düfte

Nach zwei Regentagen und Fahren in Nebelschwaden sind wir heute, am 9. November 2014 endgültig in den Tropen angekommen, haben den nördlichen Wendekreis der Sonne überfahren. 25 Grad machen das Velofahren angenehm, bis auf ein paar Wolken, die der Wind mit Tempo vor sich her treibt, blauer Himmel. Die G213, unsere Strasse in den Süden, bleibt anspruchsvoll, verwöhnt uns mit kräftigen Anstiegen und Abfahrten, auf denen wir wegen des holprigen Belags nicht so richtig ins Rollen kommen. Trotzdem, die Route durch die Berge ist eine Wucht, die Landschaft in ihrer Vielfalt grandios; immer wieder halten wir an, staunen und geniessen die Weitsicht. Tee wird an steilsten Hängen angebaut, er soll zu den besten in China gehören. Vor Pu’er macht dann erstmals Kaffee dem Tee die sonnigen Lagen streitig. Mangos, Papaya, Bananen, Äpfel, Birnen und exotische Früchte, die wir nicht kennen, werden geerntet. Der dichte Wald und die Pflanzenvielfalt erinnern uns an die schöne Zeit auf den Philippinen und Borneo.

Leider steigen in regelmässigen Abständen „Düfte“ in die Nase, die so gar nicht an Tee und Kaffee erinnern. Die steilen Abhänge entlang der Strasse eignen sich bestens, um jegliche Art von Müll loszuwerden; die Sauerei raubt uns regelmässig den Atem. Aber kann man von Einheimischen, die in der Beiz auf den Boden spucken und Sauberkeit für viele von ihnen ein Fremdwort zu sein scheint, erwarten, dass Kehricht geordnet deponiert wird? Auch nach gut zwei Monaten China fehlt uns das Verständnis.

Im Gegensatz wollen die chinesischen Schlaumeier uns doofen, reichen Touristen-Langnasen in Wäschereien in Pu’er pro Kleidungsstück 3 US-$ respektive mehr als Fr. 30.­­- für den Wäschesack abknöpfen. Ihr könnt uns mal, liebe Chinesen! Gewaschen wird von Hand im Badezimmer; wir dürfen zum Trocknen dafür die Wäscheleinen des Hotels auf dem Dach benützen.

In vier bis fünf Tagen erreichen wir die laotische Grenze, doch zuerst gibt’s nach neun anstrengenden Velotagen eine Pause in Pu’er.

Treten auf der Autobahn

Dichter Verkehr, vor allem viele Lastwagen, bleibt unser treuer Begleiter auf der Strasse nach Kunming. Wir sind nicht gerade Freunde, funktionieren aber meist gut nebeneinander (das lästige Hupen gehört auch im Süden Chinas zum Autofahren, klar). Über weite Strecken gibt uns ein breiter Pannenstreifen Sicherheit und in den Tunnels, von denen es einige gibt und die meist ausreichend beleuchtet sind, versuchen wir die Autos mit Leuchtwesten und Lampen auf Distanz zu halten. Unsere G85 ist übrigens eine Expressstrasse, wie hier in China Autobahnen heissen. Velofahren ist verboten, trotzdem werden Tourenradler wegen fehlender Alternativen oder schlechter Hauptstrassen geduldet, allenfalls von der Polizei ermahnt, nah am Fahrbahnrand zu fahren. Wir hatten bisher nie Probleme mit Gesetzeshütern. Wie anders war da die Erfahrung der zwei finnischen Tourenradfahrerinnen, die 2012 in der Schweiz zwischen Pieterlen und Biel versehentlich auf die Autobahn geraten sind. Die oberkorrekte Berner Kantonspolizei hat ihnen eine Busse aufgebrummt und sie zum Drogentest gebeten. Nur unter Drogen können Ausländer offenbar so blöd sein, mit dem Velo auf der Autobahn zu fahren. Wo kämen wir da hin, wenn die Polizei ausländische Radfahrer nur mit einer freundlichen Ermahnung von der Schnellstrasse begleiten würde? Und das penibelste am Vorfall, über den im Bieler Tagblatt zu lesen war: niemand hat sich über einen solchen Schwachsinn aufgeregt.

Nach Zhaotong, im kleinen Nest Yiche, gibt es vermutlich nur das eine kleine Hotel, in dem wir für acht Franken ein einfaches Zimmer bekommen. Im einzigen Restaurant in der Nähe werden wir vom Nebentisch erst neugierig beäugt und dann, nachdem wir entschuldigend die Gerichte auf ihrem Tisch begutachtet und bestellt haben, gibt es ein grosses Gelächter - die zwei Langnasen können keine Speisekarte lesen und müssen mit dem Zeigefinger wählen! Wir werden nach dem Essen aufgefordert, an ihrem Tisch Platz zu nehmen, eine Zigarrette zu rauchen und nochmals kräftig zuzulangen. Sehen wir immer noch hungrig aus? Nach dem obligaten Fotoshooting und noch mehr essen und trinken - wir platzen inzwischen fast - nehmen uns die Herren mit in ihr Büro in der Nähe, wo aromatischer Schwarztee serviert und wieder gepafft wird (inklusive der Schweizer Nichtraucher). Unser Nachtessen hat die fröhliche Tischrunde, keine Widerrede duldend, gleich auch noch bezahlt.

Die Herren sind offenbar Ingenieure, die an der neuen Strasse bauen, die uns seit Tagen viele Lastwagen und noch mehr Staub beschert. Zum Abschied schenken sie uns eine Schatulle mit gepresstem Grün- und Schwarztee von besonderer Qualität. Wir sind sehr gerührt. Auf dem Rückweg zum Hotel müssen wir unbedingt noch dem lokalen Polizeiposten einen Besuch abstatten. Die jungen Gesetzeshüter wollen uns als Reiseproviant 5 kg Äpfel mitgeben. Mit Dank und Entschuldigungen einigen wir uns dann auf sechs der grossen roten Früchte. Unsere Räder und wir ächzen so schon wegen des vielen Gepäcks. Grosszügiges, höfliches, freundliches China – an diesem Abend freuen wir uns daran.

Vom Kopieren und Etikettenschwindel

In der 8-Millionen-Metropole Kunming, Hauptstadt der Provinz Yunnan, wie schon in den anderen grossen Städten vorher, stolpern wir fast auf Schritt und Tritt darüber. Über kopierte und nachgemachte Produkte und Label aus Europa und Amerika. Dass China Weltmeister im Kopieren ist, ist kein Geheimnis. Den Unfug erleben ist meist amüsant, machmal gefährlich und zwischendurch ärgerlich. Z.B. wird aus der Hotelkette „Best Western“ hier „Home Inn“ mit fast identischem Signet. Kentucky Fried Chicken, Langnese, teure Modelabel usw., alles hat ein chinesisches Pendant. Gefährlich wird es dann, wenn kopiert wird ohne zu verstehen, für was ein Gegenstand montiert wurde. Z.B. Rückspiegel bei Autos und Rollern. Kaum ein Autofahrer in China schaut je in den Rückspiegel wenn er abbiegt, einbiegt oder wegfährt. Horror für uns Velofahrer und Grund für eindeutige Handzeichen. Oder die Rollerfahrer, die uns überholen und lange zurückschauen und immer mehr in die Strassenmitte ziehen. Rückspiegel sind nur Verzierung und sehen gut aus.

Für uns ärgerlich wird es dann, wenn z.B. „Worldwide express parcel service“ bei China Post angeschrieben steht, niemand nur ein Wort Englisch spricht und es für uns absolut unmöglich ist, in einer 2-Millionen-Stadt wie Zhaotong ein kleines Paket mit Dokumenten in die Schweiz zu schicken. Etikettenschwindel.

Jeden Abend donnert und feuert die grosse, moderne chinesische Armee über die Mattscheibe, leistet sich das riesige Land ein teures Weltraumprogramm, verspricht den baldigen Flug zum Mars, sonnt sich in anderen grossen Prestigeprojekten, aber ein Paket ins Ausland senden scheint nicht möglich? Wir können es nicht glauben. Nur ein Kopfschütteln bleibt, wenn nach kalten Stunden auf dem Rad an der Autobahntankstelle „Tea and Coffee“ angeschrieben steht, aber kein Tee und erst recht kein Kaffee zu haben ist, allenfalls ein Schluck heisses Wasser. Sicher nicht weltbewegend, passt aber in unser Chinabild an diesem Tag.

Eingang zum Yuantong-Tempel in Kunming (Zen Buddhismus)
Eingang zum Yuantong-Tempel in Kunming (Zen Buddhismus)
Ab Chengdu sehen wir viel Bambus.
Ab Chengdu sehen wir viel Bambus.

Höhenmeter sammeln am Laufmeter

Nach Chengdu machen wir das ausgiebig. Auf der Strassenkarte ähnelt unsere Route sich einer windenden Schlange, ein untrügliches Zeichen dass es bergan gehen wird, was die Höhenkurve auf dem Navi abends beim „Büro machen“ dann jeweils bestätigt. 1396 Hm, 1556 Hm, 2026 Hm und so weiter, jeden Tag – wir strampeln, was das Zeug hält. Von 400 m ü.M. hangeln wir uns über Tage auf 2200 m kurz vor Zhaotong hoch. Die Tagestemperaturen liegen bei angenehmen 20 Grad, allerdings ist der Himmel meist bedeckt und wir spüren was es heisst, in den Subtropen Rad zu fahren. Die hohe Luftfeuchtigkeit lässt uns fast auslaufen, unglaublich, wie viel ein Körper zu schwitzen vermag.

Entschädigt werden wir mit toller Landschaft und Ausblicken auf den Yangtse, den längsten Fluss Chinas und den drittlängsten der Welt. Die Vegetation ist üppig grün geworden, Bambus dominiert die Wälder entlang der Strasse, wunderschöne grosse Schmetterlinge machen das anstrengende Treten kurzweilig. Unglaublich wie steil viele Ackerflächen mit Mais an den abschüssigen Berghängen kleben. Überhaupt wird jeder Qadratmeter von Kleinbauern genutzt, selbst auf dem kleinsten Streifen entlang der Strasse wächst Gemüse, werden Bohnen- und Kürbispflanzen an Stützmauern hochgezogen. Wir sehen, dass die Menschen hier in sehr bescheidenen Verhältnissen fast ausschliesslich von der wenigen Landwirtschaft leben. Auch wenn wir die letzten Kilometer im Halbdunkeln und durch stockdunkle Tunnels pedalen müssen, findet sich abends immer eine bescheidene Unterkunft zu vernünftigem Preis in den Dörfern samt feinem Nachtessen.

Noch knapp 400 Kilometer bleiben bis Kunming zu fahren.

Den Gelben Fluss sehen wir bei Lanzhou (Bild aus dem Internet)
Den Gelben Fluss sehen wir bei Lanzhou (Bild aus dem Internet)
Ganze Städte werden neu gebaut.
Ganze Städte werden neu gebaut.

Chinas viele Gesichter

Einige Tage zeigt uns China ein staubiges, dreckiges, oft hässliches Gesicht, das mental und körperlich fordert, anstrengt, Kraft kostet und uns zweifeln lässt, wo wir überhaupt sind. Das Reich der Mitte scheint eine einzige riesige Baustelle zu sein, ganz sicher auf der Route, auf der wir nach Lanzhou fahren. Der Positionspfeil auf dem Navi pflügt ganz selbstverständlich durch Felder und überspring Flüsse als hätten wir Flügel. Strassen wurden umgelegt, neu gebaut, alte gesperrt oder haben sich scheinbar in Luft aufgelöst. Baustellen fast endlos. Wir sehen, wie eine ganze Stadt mit Wohnraum für mehr als hunderttausend Einwohner (Schätzung) auf freiem Feld entsteht. Breite Strassen, Autobahnanschlüsse mit alles überspannenden Viadukten, Bahntrassen inklusive grossem Bahnhof, Tankstellen, Ladenstrassen, Einkaufszentren. Ganze Strassenzüge sind fertig gebaut, trotzdem wohnt noch keine Menschenseele in den hohen Wohnsilos. Leisten kann sich so etwas sicher nur der Staat. Gespenstisch und irgendwie surreal der Anblick. Wo all die Menschen arbeiten werden? Industrie oder Gewerbe sehen wir kaum. Fahren Zehntausende mit der Bahn in den gut 100 km entfernten Grossraum Lanzhou?

Bedingt durch den massiven Lastwagenverkehr hängt eine träge Staubglocke über den Einfallstrassen, ist die Fahrbahn teilweise in üblem Zustand und zu allem Überdruss versuchen die Chinesen dem Staub Herr zu werden, indem mit Tanklastwagen ein Wasserfilm versprüht wird. So wird Staub zu Matsch, das geht fast den ganzen Tag so. Wir und die Räder sehen aus wie durch den Kakao gezogen. Da hilft nur ein Hochdruckreiniger; die Velos sind dann etwas weniger dreckig. Besonders penetrant fallen uns seit geraumer Zeit grosse Müllberge an den Strassen, in Bächen, Flüssen und in den Ortschaften auf. Unglaublich, mit welcher Ingnoranz hier die lieben Chinesen ihr zu Hause zumüllen. Selbst die Bauern deponieren Grünabfälle in Bergen am Strassenrand. Wie sehr unterscheidet sich das farbenfrohe, saubere Touristenchina, das sich den meisten Besuchern präsentiert und das täglich auf verschiedenen Propagandakanälen über den Bildschirm flimmert, von dem hier. Sind wir versehentlich in ein Drittweltland abgebogen?

Nahe Chengdu besuchen wir eine Aufzuchtstation für Pandabären.
Nahe Chengdu besuchen wir eine Aufzuchtstation für Pandabären.

Lanzhou gehört gemäss Wikipedia zu den am meisten luftbelasteten Grossstädten der Welt. Vor allem im Winter, wenn die mit Steinkohle befeuerten Heizkraftwerke gewaltige Wolken ausstossen, soll der Smog im engen Talkessel nebeldick sein. Irgendwie sehen wir nur noch grau, ärgern uns am Schmutz, nerven uns zunehmend, z.B. an der Mutter, die ihren allerliebsten Prinzen mitten auf den Gehsteig kacken lässt, am Gast im Restaurant, der ungeniert rotzt und auf den Boden spuckt, an rüpelhaften Autofahrern, mit denen wir fast aneinander geraten, den immer währenden Sprachproblemen, die schier verzweifeln lassen, am Anblick des Kochs, der mit seiner dreckigen Schürze daher kommt, als wäre er Automechaniker und wir uns nicht vorstellen mögen, wie es in der Küche aussieht. Kommen wir morgen dem China näher, das wir zu entdecken hoffen?

Die Hoffnung zerplatzt hinter Lanzhou wie eine Seifenblase. Nach einer Treterei auf 2400 m geht’s weiter mit Baustellen, unbefestigter Strasse, Lastwagenstaus, Staub, Dreck, Matsch. Zu allem Überdruss machen uns gesundheitliche Probleme zu schaffen. Kraftlos mühen wir uns auf den beschissenen Strassen ab, schaffen kaum neun Kilometer in der Stunde, kommen nicht auf Touren. Pit ist auf den Felgen, wie selten vorher. Müssen wir uns auf den nächsten fast 500 Kilometern durch die Berge weiter wie Maulwürfe durch den Dreck wühlen?

Einen Tag später ziehen wir die Notbremse, fahren mit dem Bus zurück nach Lanzhou. Die Temperaturen sind gefallen, Schneetreiben in der Stadt, weisse Berghände bis in tiefe Lagen. Die Begeisterung für China ist ebenfalls auf einem Tiefpunkt. Sehen wir alles nur noch durch die Negativbrille? Ist alles so beschissen, wie es sich anfühlt? Könnten wir uns weiter in den Süden beamen, jetzt im Moment würden wir das sofort tun.

Zwei Tage Zwangspause zum Erholen sind nötig, bevor wir mit dem Nachtzug nach Chengdu fahren können. Wir hätten Pässe bis 3000 m ü.M. vor uns gehabt, Nächte im Zelt. Wir wären gerne mit dem Velo gefahren, aber unter diesen Umständen gab es keine Alternative.

 

China wäre nicht China, könnten wir das riesige Land so einfach in schön und hässlich, angenehm und nervig, aufteilen. Das Reich der Mitte zeigt sich uns so vielschichtig, widersprüchlich und jeden Tag überraschend, wie keines der 31 Reiseländer vorher. Wir treffen nette, hilfsbereite Menschen, die uns zum Hotel führen, beim einchecken und Gepäck schleppen helfen und so schnell verschwunden sind, dass wir kaum danken können. Reisende versorgen uns Langnasen im Zug mit feinen gefüllten Pfannkuchen und gekochten Eiern. Ohne grosse Diskussionen dürfen wir die Velos im engen Zug verstauen und immer wieder bitten uns Chinesen höflich, mit ihnen für ein Foto zu posieren.

Mit grossem Aufwand und viel Handarbeit werden riesige Flächen urbar gemacht, wird aufgeforstet, bewässert. Wir sehen wunderschöne Grünanlagen, saubere Strassen, gepflegte Restaurants. Landwirtschaftliche Flächen werden sehr gepflegt und bilden mit ihren kleinen Feldern und Reisterrassen ein interessantes, farbiges Muster, das uns begeistert.

China hat viele Gesichter. Kai Strittmatter schreibt in seiner „Gebrauchsanweisung für China“, dass das riesige Land eigentlich ein Kontinent sei. Da hat er wohl recht.

Im Osten Tibets

Wir entscheiden uns für die südlichere, bergigere Route von Zhangye über Xining nach Lanzhou und weichen somit von der Seidenstrasse ab. Ein guter Entscheid, wie sich zeigen wird.

Wunderbares Wetter und tolles Panorama auf 3400 m ü.M.
Wunderbares Wetter und tolles Panorama auf 3400 m ü.M.
Mit William und seinem Velopartner sind wir einen Tag unterwegs.
Mit William und seinem Velopartner sind wir einen Tag unterwegs.

Die ersten beiden Tage Velofahren bieten wenig Abwechslung. Die Strasse steigt stetig in einer langen Geraden an und die Berge zu unserer Rechten ahnen wir mehr als wir sie sehen. Nur langsam wird die graubraune Smogglocke, unter der wir seit Wochen fahren, dünner, wird die rote matte Scheibe endlich wieder zur Sonne, die uns den Rücken wärmt. Die Luftverschmutzung in China ist für uns realer Alltag und auf dem Velo besonders krass zu spüren. Wir hoffen sehr, in den Bergen wieder durchatmen zu können und von der schönen Landschaft etwas zu sehen. Die Tage, vor allem aber die Nächte sind kühl geworden und erstmals regnet es nachts. Wir finden günstige Hotelzimmer und sind froh, dass das Zelt im Sack bleiben kann. Nicht alle Hotels dürfen Ausländer beherbergen, das erfahren wir in einem kleinen Ort vor dem letzten Pass. Die Polizei bringt uns nach längerem Warten und Abklären im ersten Hotel zu einer anderen Unterkunft gleich um die Ecke. Nachdem Bea ausführlich „erklärt“ (Englisch sprechen die beiden Beamten nicht) woher wir kommen, warum wir hier sind, wie lange wir bleiben wollen und wohin die Reise geht, dürfen wir einchecken. Buhh, Schwein gehabt; es gibt nämlich nur drei Hotels hier.

Zum Glück bleibt der erste Schnee nur auf den schattigen Berghängen liegen. Drei Pässe an drei Tagen, alle um 3700 m, fordern uns körperlich und mental. Tagsüber fahren wir in diesen Höhen bei angenehmen zwölf Grad, nachts gibt es leichten Frost. Die dünne Luft macht das Atmen schwer, dafür werden wir mit einem grandiosen Panorama und lange nicht mehr erlebter Fernsicht entschädigt. Die weiten Hochebenen, eingerahmt von schneebedeckten Bergen, einige höher als 5000 m, lassen die Strapazen vergessen und das Velofahren wird zum Genuss. Urtümlich aussehende Jacks weiden in grossen Herden, glotzen uns verwundert an und stieben davon, wenn wir zu nahe kommen. Radfahrer sind offenbar unbekannte Wesen. Wunderbar, dem lästigen Smog für ein paar Tage entfliehen zu können!

Sie sind ebenfalls mit dem Rad unterwegs.
Sie sind ebenfalls mit dem Rad unterwegs.

Leider hat das Fahren durch die Berge eine nervige Kehrseite. Allgemein ist bekannt, dass Chinesen, bei allem was sie tun, laut sind; wir können das voll und ganz bestätigen. Täglich sind wir stundenlang einer Huperei ausgesetzt, die auf keine Jackhaut geht. Die lieben Chinesen finden es einfach toll, bei jeder Gelegenheit zu hupen, am besten vorsorglich und weil es so schön Lärm macht gleich 10 Sekunden lang, auch wenn es schlicht nichts zu hupen gibt. Besonders lieben wir die, die Ringe oder einen Stern vorne auf der Kühlerhaube vor sich her fahren (davon gibt es nicht wenige) und meinen, sie hätten mehr Recht auf der Strasse und wir müssten ihnen Platz machen. Natürlich beeindruckt uns das keine Bohne. Rücksicht nehmen und vielleicht mal etwas vom Gas? Sicher nicht im Land der Mitte. Wir meinen, dass die Chinesen schnellstens ein Logogramm für den Begriff „vorausschauend Autofahren“ in ihrer Schrift schaffen sollten. Was wir in den Tagen erleben – z.B. voll besetzter Reisebus überholt einen Sattelschlepper in unübersichtlicher Kurve – lässt uns erschaudern.

Gesund und ohne Zwischenfälle gelangen wir nach Xining. Zwei Pausentage mit Waschen und Ausspannen stehen auf dem Programm bevor es – auf der Strasse - weiter Richtung Lanzhou/Chengdu geht.

Wir sind uns da nicht ganz einig . . .
Wir sind uns da nicht ganz einig . . .

Dicke Luft in der Wüste

Bis nach Liuyuan, einem kleinen Wüstenkaff am Rande der Gobi, 320 km südöstlich von Hami, sitzen wir im Bus und vermissen das Velofahren kein Bisschen. Ob wir links oder rechts aus dem Fenster schauen, immer dasselbe. Flache Steppenwüste bis zum Horizont. Weit weg schemenhaft ein Bergzug im Dunst, genauso langweilig rotbraun wie alles hier. Wir sind die einzig Verwegenen, die an der Strassenkreuzung aussteigen. Vielleicht besser, verstehen wir das Geplapper der Chinesen im Bus nicht. Keinem Einheimischen käme es wohl in den Sinn, hier auf ein Velo umzusteigen um sich auf 135 schnurgeraden Kilometern holpriger Strasse bis Dunhuang abzumühen. Der Bus fährt ohne uns in zwei Stunden hin, wir brauchen eineinhalb Tage. Eineinhalb Tage herrscht dicke Luft, nicht nur wegen der Staubwolken tagsüber und der weissen Pampe an den Schuhen abends beim wild Zelten (es ist schon finster, als wir einen einigermassen passablen Platz abseits der Strasse für unser Wigwam finden, der erst am Morgen an Taschen und Kleidern offenbart, wie dreckig-staubig er ist). Fazit in Dunhuang: Wir zwei können zusammen Pferde stehlen, aber nicht Wüste fahren. Was für Mann ein spezielles Erlebnis ist, ist für Frau schlicht und einfach langweiliger mühsamer Blödsinn, auf den sie gut verzichten kann.

Einmal auf der Grossen Mauer stehn

Ohne grosse Diskussionen nehmen wir anderntags den Bus bis Jiayuguan, 370 km weiter östlich. Einmal mehr ist der Verlad der Velos kein Problem. Lenker parallel zum Rad stellen, Sattel und Rückspiegel absenken, so passen die beiden Gefährte bestens in den Bauch der modernen Busse. Vermutlich trägt zum speditiven Verlad bei, dass sich die Chauffeure den zusätzlichen Fahrpreis für die Räder in die eigene Tasche stecken. Uns soll´s recht sein, Hauptsache wir dürfen mitreiten.

Zwölf Kilometer ausserhalb der Stadt findet sich der offizielle westliche Abschluss der berühmten Grossen Mauer. Für Bea geht ein Kindheitstraum in Erfüllung. Einmal im Leben auf der Chinesischen Mauer stehn! Nach einigen Überredungskünsten dürfen die Velos – wenigstens für ein Foto – auf das grösste von Menschenhand geschaffene Bauwerk. Ein spezieller Höhepunkt der Reise, den wir ausgiebig geniessen und später, wie könnte es anders sein, mit einem Bier begiessen.

Das Pedalen nach Zhangye ist die meiste Zeit recht kurzweilig, mit flottem Rückenwind schaffen wir an einem Tag 152 km; selbst die paar Wüstenkilometer sind Nasenwasser und für Frau nicht der Rede wert.

In diesen Tagen verrät uns die Statistik, dass wir seit Beginn der Reise Ende September 2012, fast auf den Tag genau vor zwei Jahren, den 20´000sten Velokilometer gefahren sind. Wunderbar, unterwegs sein zu dürfen. Wir sind wirklich Glückspilze.

Kaschgar, westlichste Stadt Chinas und Bauchgefühle

China. Immer wenn wir in ein neues Land einreisen (das Reich der Mitte ist übrigens unser 32. Veloreiseland), fragen wir nach unserem Bauchgefühl. Praktisch immer bestätigt sich der erste Eindruck, selten lässt uns unser Bauch im Stich. China ist da ein Sonderfall, was nicht an einer Magenverstimmung liegt – wir geniessen das abwechslungsreiche und delikat gewürzte Essen mit Reis und Nudeln nach Wochen Schaschlik mit Brot und Brot mit Schaschlik – sehr. Nein, China hat sich am ersten Tag sage und schreibe 9 Stunden mit uns beschäftigt, hat den Grenzübertritt zu einer echten Geduldsprobe werden lassen. Wir haben kräftig geübt, da Ungeduld zeigen in Asien ganz schlecht ankommt.

Nach dem nervigen Intermezzo am ersten Tag geniessen wir China, mögen seine neugierigen Menschen, gewöhnen uns an scharfes Essen und unlesbare Speisekarten und (Mann) stellt verwundert fest, dass es durchaus möglich ist, auf der Toilette zu pinkeln währenddem der Nachbar hockend sein grosses Geschäft verrichtet, ohne Zwischenwände oder Sichtschutz, versteht sich. Wir freuen uns auf die nächsten Monate ist diesem riesigen Land, in dem das „Wir“ mehr zählt als das „Ich“, wo Gemeinschaft, Konformität und Hierarchie einen hohen Stellenwert geniessen.

Wir sind in China!
Wir sind in China!

Adieu Kirgistan, hallo China! Wir treten kräftig in die Pedale um rasch vom stinkenden Tross der vielen Lastwagen an der Grenze wegzukommen. Tolle Strasse, super Wetter – wir sind in China, können es noch nicht richtig fassen.

Nach fünf Kilometern ist vorerst mal Schluss mit Velofahren. Passkontrolle, alles Gepäck in die Abfertigungshalle. Die korrekten Beamten lassen uns auspacken, wollen wissen wozu wir den Pfefferspray brauchen, sehen sich die Fotos auf dem Fotoapparat an und dann heisst es erst mal warten. Die nächsten 115 km bis zur eigentlichen Zollabfertigung in Wuquia dürfen wir nicht mit dem Velo fahren. Die Taxifahrer vor Ort wittern das grosse Geschäft. 400 Dollar soll die Fahrt mit zwei PW´s für uns vier kosten. Die haben einen Vogel, nicht mit uns. Der Bus, der eben angekommen ist, nimmt die Schweizer und Franzosen für 15 $ pro Person samt Velo und Gepäck mit. Nach geschlagenen drei Stunden können wir endlich unseren ganzen Krempel und die Velos verstauen, was einem eigentlichen Kraftakt gleich kommt. Unsere kostbaren, gut gepflegten und behüteten Räder eingequetscht zwischen Stoffballen, Säcken, Kartons und Reisegepäck – Pit bekommt beim Verladen fast Vögel.

Nach drei Stunden Busfahrt dann der grosse Grenzposten, die Immigration. Wir nehmen nur die hinteren Radtaschen – vorher wurde bereits gefilzt und wir sehen beim besten Willen nicht ein, wieso nochmal alles vorzeigen - und stehen wieder mal an. Endlich durch, aber wie zu unseren Velos (und dem restlichen Gepäck) kommen? Nach einigem hin und her und diversen Rückfragen entscheidet der grosse Chef, alles muss durch die Kontrolle, auch die (demontierten) Räder. Langsam reisst uns der Geduldsfaden. Wir überreden den Buschauffeur unser restliches Puff samt Räder im Bus zu lassen, um das Gebäude herum zu fahren, wo wir es wenig später in Empfang nehmen können. Es klappt, niemand kümmert sich um uns, nun nichts wie weg. In der Stadt gibt’s das erste chinesische Bier und guten Chinesfood; das haben wir uns nach neun Stunden Grenzkontrollen und Busfahrt mehr als verdient.

Nach einer ruhigen Zeltnacht bei einem Bauern strampeln wir vier die 96 Kilometer bis Kaschgar dank wechselnder Führungsarbeit in ein paar Stunden runter. Kaschgar (Kaxgar) ist die Hauptstadt des Regierungsbezirks Kaxgar, gelegen im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang der Volksrepublik. Die Oasen-Stadt bildet einen wichtigen Knotenpunkt der Seidenstrasse, zudem gibt es am Stadtrand an den Sonntagen den grössten Tiermarkt Zentralasiens. Schafe sind in der Strasse der Altstadt, wo wir ein angenehmes Hotel finden, allgegenwärtig. Die Wolllieferanten sind hier vor allem Fleischlieferanten, die gleich vor Ort, also auf der Gasse, geschlachtet werden. Seit jeher hat man das so gemacht, niemand nimmt Anstoss daran. Für uns Langnasen gewöhungsbedürftig. China ist einfach anders.

Auffallend ist eine schier endlose Masse an Elektrorollern im Verkehr die auf separaten Wegen entlang der Autostrassen fahren. Velofahrer sind eine Ausnahme, was uns wundert.

Virginies Sprachkenntnisse in Mandarin nehmen wir gerne in Anspruch, vor allem auf dem bekannten Nachtmarkt der Stadt. OK, ein Hühnchen können wir von einem Schafskopf unterscheiden. Allerdings kochen und brutzeln verschiedenste Gerichte in Töpfen und grossen Pfannen und Berge von Fleisch und Innereien(?) grillen vor sich hin, die uns unbekannt sind. Die Nachtluft ist schwer von Rauch, scharfen Gerüchen, Dampf und Lärm. Unsere Mägen haben sich langsam erholt, darum naschen wir nur vom einen oder anderen (unsere französischen Freunde sind da, wie könnte es anders sein, Feinschmecker) und halten uns an einen trivialen Teller Nudeln mit Rindfleisch.

In der Altstadt von Kaschgar finden wir ein angenehmes Hotel.
In der Altstadt von Kaschgar finden wir ein angenehmes Hotel.

Nachtmarkt in Kaschgar (Kaxgar), Hauptstadt des Regierungsbezirks Kaxgar, gelegen im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang der Volksrepublik China.

Sprachprobleme und chinesischer Wein

Sprachprobleme sind eine tägliche Herausforderung. Sehr, sehr selten spricht jemand Englisch, nicht mal die jungen Leute sind da überraschenderweise eine Ausnahme. Fast ein Wunder, spricht am örtlichen Busterminal eine Beamtin am Schalter eine Fremdsprache. Vorsorglich hat Pit eine Zeichnung mit zwei Personen + zwei Velos, der Destination Kaschgar – Ürümqi und dem Datum angefertigt. Mit einem typisch chinesischen Überlandbus mit gewöhnungsbedürftigen aber bequemen Schlafkojen dauert die 1320 km lange Fahrt entlang der Taklamakan-Wüste 28 Stunden. Die vielen langen Wüstenkilometer mit wenigen Versorgungsmöglichkeiten sollen mit dem Velo mühsam und langweilig zu fahren sein und der Wind, unser Freund, bläst einem stetig ins Gesicht. Genug Gründe für uns, den Bus zu nehmen.

Endlich wieder im Sattel. Viel Schwerverkehr, Abgase und grosse Staubwolken begleiten uns die ersten zehn Kilometer aus der Hauptstadt des Uigurischen Autonomen Gebietes Xinjiang, Ürümqi (Ürümqi, 2 Mio. Einwohner, ist mit über 2000 km die am weitesten vom Meer entfernte Grosstadt der Welt). Die Augen brennen, der Hals kratzt, erst gegen Mittag wird das Pedalen angenehmer, sehen wir endlich wieder etwas Grün.

Nach einer ruhigen Zeltnacht, versteckt hinter Gebüschen, kommt uns am Morgen Li, ein junger Chinese, der seit eineinhalb Jahren mit einer Unmenge Gepäck (also noch mehr als wir) sein Heimatland bereist, auf seinem Bike entgegen. Wir haben die gleiche Strecke und radeln bis Turpan zusammen. An diesem Mittwoch fahren wir den 5000. Velokilometer auf der diesjährigen Tour.

In der Region um Turpan stehen auf weiten Flächen Rebstöcke, grosse Reklametafeln weisen darauf hin, dass hier muslimische Uiguren Wein keltern. Den einen oder anderen Tropfen haben wir versucht, nicht alle munden gleich, sind mit dem eigenwilligen Bouquet und dem kurzen, rauen Abgang gewöhnungsbedürftig.

Vor allem sehen wir aber grosse Mengen Trauben, die zum Trocknen ausgelegt sind und später als Sultaninen und „Wiebeeri“ in den Handel kommen.

Nach Turpan wird die Landschaft, oder korrekter die Wüste, wirklich zur Wüste. Die neue Schnellstrasse, eine vierspurige Autobahn mit getrennten Richtungsstrassen, führt uns in schier endlos langen Geraden und weiten Kurven stetig gegen Osten. Nach der Taklamakan fahren wir nun am Rande der Steppenwüste Gobi. Alle 70 bis 100 km eine Tankstelle, bis zur nächsten Stadt sind es rasch mal 150 km. Pit hat zusätzlich den Wassersack gefüllt, Bea Vorräte für drei Tage gebunkert. Wir mühen uns Kilometer um Kilometer ab, haben das Gefühl, nicht schnell genug vorwärts zu kommen. Langweiliges, monotones Velofahren ohne Abwechslung; vertrödeln wir hier unsere Zeit, die uns dann später im südlichen China fehlt? Wenigsten sind die Temperaturen jetzt im September mit höchsten 35 Grad tagsüber angenehm, der leichte Gegenwind als Kühlung willkommen.

Wie uns kräftig der Marsch geblasen wird

Nach einer Hotelnacht in Shanshan suchen wir uns am folgenden frühen Abend einen windgeschützten Lagerplatz im Nirgendwo. Einzige Möglichkeit in dieser Einöde bleibt eine Strassenunterführung mit einem ebenen Kiesplatz für das Zelt. Hundemüde und ausgelaugt kriechen wir nach dem Nachtessen (Brot, Wurst, Eier; der zunehmende Wind macht Kochen fast unmöglich), in die Schlafsäcke, wollen nur noch schlafen. Aus dem lauen Nachmittagslüftchen ist ein rauher, böiger Wind geworden, der seine Richtung leicht geändert hat und unseren Tunnel dazu benützt, uns gehörig den Marsch zu blasen und zunehmend mit Sand zu bewerfen. Die Zeltleinen sind mit grossen Steinen gestrafft, Heringe in den steinigen Boden einschlagen, war unmöglich. Es wird ungemütlich, die Zeltwände peitschen wie Schüsse, legen sich schief. Noch halten die Leinen. An Schlafen ist nicht mehr zu denken. Wir schlüpfen in die Kleider, falls wir raus müssen, sichern rumliegende Gegenstände, Pit inspiziert das Vorzelt – genau in dem Moment gibt es einen lauten Knall, die hintere Aluminiumstange knallt gegen seinen Kopf, das Zelt bäumt sich gefährlich auf, droht von hinten alles zu überrollen. Bea stemmt sich im Zelt gegen den Sturmwind derweil Pit die Zeltplane mit aller Kraft nach unten drückt um möglichst wenige Böen ins Innere zu lassen. Eine gute Stunde mühen wir uns ab, aber gegen 3 Uhr morgens müssen wir aufgeben, sichern das wild schlagende Zelt mit grossen Steinen und schweren Gepäckstücken, packen unsere Schlafsäcke und versuchen die restlichen Stunden in der windgeschützteren Nische um die Ecke etwas Schlaf zu finden. Unsere Arme sind schwer wie Blei.

Ausserhalb der Strassenunterführung ist der Wind am Morgen weniger stark, aber böig und unberechenbar. Fahren bleibt unmöglich, selbst das Schieben der schweren Räder kräfteraubende Tortour. Wie betrunken torkeln wir auf dem Pannenstreifen herum, nur mit Glück können wir zwischendurch verhindern, im Strassengraben und damit am Stacheldrahtzaun zu landen. Nach ein paar Versuchen gelingt es Bea, einen Reisebus zum Anhalten zu bewegen. Die neugierigen Chinesen rücken zusammen und viereinhalb Stunden später ist die Wüstenstadt Hami erreicht. Vorerst haben wir von der Wüste die Nase voll.