Im Parque National Del Huascaran, Peru, 4874 m ü.M.
Im Parque National Del Huascaran, Peru, 4874 m ü.M.

Ab 10.2.2018


In Chile gibt es viele Vulkane, diverse sind aktiv, wie dieser.
In Chile gibt es viele Vulkane, diverse sind aktiv, wie dieser.

Schönes, aber teures Chile

So viel Verkehr wie heute Morgen hatten wir in Südamerika noch nie. Sommerferien, Wochenende und tolles, heisses Wetter locken die Chilenen in die Autos, ohne die geht hier nämlich gar nichts. Zum Glück bleiben an diesem Nachmittag viele im hässlich-staubigen Ausflugsort Lican Ray am Lago Calafquen hängen. Keine Ahnung, was die Ausflügler an dem Ort finden. Die gesalzenen Preise werden es kaum sein.

Teuer und meist überfüllt sind die Zeltplätze am See sowieso. Bis 40 Franken zahlen Chilenen pro Nacht für einen dreckigen, graslosen Platz unter Bäumen. Wir staunen einmal mehr, was sich die Leute hier leisten.

Das Durchschnittseinkommen in Chile beträgt gem. Internetangaben ca. 1'400 US$ im Monat, wobei ca. 70% der Bevölkerung offenbar noch weniger verdienen. Für ein Bier, 3,3 dl, zahlt man im Restaurant schnell mal Fr. 4.50; für das teure „Kunstmann“, 0,5 l, blättert man bis Fr. 6.50 hin (z.B. in Constitucion). Sicher, es gibt im Land grosse Einkommensunterschiede, vor allem von Stadt zu Land.

Trotzdem kann man z.B. bei Häusern und Umschwung nicht automatisch auf Reichtum schliessen. Auf dem Land zahlt man für einen Quadratmeter Bauland um 35 Rappen; in der Regel werden Parzellen zu 5'000 m² angeboten, weniger geht kaum. Wie wir beobachten, werden viele Häuser in Leichtbauweise erstellt. Die Hauswände aus Holz sind sehr dünn, Isolationen haben wir nicht gesehen, Fenster in Einfachverglasung sind üblich, ob die Häuser eine Heizung haben, wissen wir nicht, Dachziegel leisten sich offenbar nur Vermögende.

Wie uns Einheimische erzählen, sind die Preise im Land in den letzten Jahren in die Höhe geschossen, während die Gehälter nicht in gleichem Masse gestiegen sind.

Geschafft! Wir haben uns auf die frühere Fähre geschmuggelt.
Geschafft! Wir haben uns auf die frühere Fähre geschmuggelt.

Am späten Nachmittag sind fast alle Zeltplätze abgeklappert. Echt schwierig, heute. Dann wendet sich das Blatt, einmal mehr dürfen wir auf privatem Grund bei einem kleinen Imbisstand für einen guten Preis unser Zelt aufschlagen. Der Kocher bleibt heute kalt; wir geniessen die feinen, heissen Empanadas mit einem roten Chilenen – eine Hand wäscht die andere -, strecken die Füsse aus und blinzeln in die untergehende Sonne – das Leben ist schön!

Wir erinnern uns schmunzelnd an eine Zeltnacht vor einigen Tagen bei einem älteren, netten Ehepaar auf ihrem Picknick- und Campingplatz. Für die Frau war es ein grosses Problem, uns den Preis zu nennen, weil wir keinen Motor an den Fahrrädern haben. Motorlose Fahrzeuge waren in der Preisliste schlicht nicht vorgesehen. 

Einmal nicht nur Wald - schönes, nördliches Patagonien.
Einmal nicht nur Wald - schönes, nördliches Patagonien.
Brillenibisse sehen wir häufig.
Brillenibisse sehen wir häufig.
Wir haben Glück, dürfen auf privatem Grund zelten.
Wir haben Glück, dürfen auf privatem Grund zelten.
Am Lacar Lake.
Am Lacar Lake.

Genial, das Pedalen entlang dem Panguipulli Lake! Das kristallklare Wasser verleiht den Seen hier ein fantastisch dunkles Blau.

Puerto Fuy, hier beginnt der Lago Pirihueico, ein fast 30 km langer Schlauch; Strasse gibt es keine, lediglich eine Fähre. Das Schiff ist den ganzen Tag ausgebucht, kein Platz für zwei Velos – das glaubt ihr ja selber nicht! Nach einigem Drängen ergattert Bea zwei Tickets für 15 Uhr. Vielleicht nimmt uns die Fähre zwei Stunden früher schon mit . . . Geschafft! Der Einweiser winkt uns ohne Kontrolle durch. Platz hat es für Velos auf so grossen Schiffen immer.

Nach einer ruhigen Nacht packen wir das tropfnasse Zelt in den Sack. Die grossen Temperaturunterschiede – tagsüber gegen 30 Grad, nachts knapp 10 Grad – lassen das Kondenswasser fliessen. Die Sonne wird erst spät hier am Nordhang auftauchen. Schotterstrasse. Staub, Staubwolke, Wirbelsturm. Nur wenige Autofahrer reduzieren das Tempo. Wieder einmal scheint uns, Südamerika bestehe aus einem grossen, staubigen Dreckhaufen, auf dem sich die Einheimischen mit Wonne suhlen. Warum tun wir uns das an? Niemand weiss das, wir (jetzt) am allerwenigsten.

Argentinien. Für ein paar Tage wechseln wir das Land. Hier, im asphaltlosen Abseits des Lanin-Nationalparks würde man keinen so modernen Grenzterminal erwarten.

Eine der Fähren über den Lago Pirihueico.
Eine der Fähren über den Lago Pirihueico.

Wieder mal in Argentinien

Die Strasse ist streckenweise so grobschotterig, dass nur Fahrradverrückte und Masochisten hier fahren. Maximal 35 km am Tag, mehr schaffen wir nicht. Und dann sind da noch die elenden Stacheldrahtzäune, die ein Zelten abseits verunmöglichen. „Reisst die Mauern ein“, lautet ein Songtext von „Volkstrott“, das möchten wir mit den Zäunen tun. Heute nicht, hier im Nationalpark haben das schon andere getan. Wir finden ein feines Plätzchen abseits der Strasse. Feuer machen ist wegen der hohen Waldbrandgefahr verboten (wild Zelten eigentlich auch).

Mit grossem Glück erbetteln wir auf der Strasse Wasser von Autofahrern. 2,5 l Wasser, die gleiche Menge Getränke für den morgigen Tag haben wir noch, und einen halben Liter Cola – das muss reichen. Das Gesicht ein wenig abspülen und Zähneputzen, mehr Waschen ist heute nicht drin, obwohl der Staub überall klebt. Kochen fällt sowieso aus.

Schön ist in diesen Breiten, dass es erst nach neun Uhr dunkel wird. Auf der Strasse ist es ruhig geworden. In der Nähe jagt ein Andenschakal, ein Wildhund, ähnlich einem Fuchs aber mit diesem nicht verwandt, nach Mäusen und Kaninchen. Mit der Ruhe wird der Kopf leer, das Pedalen war mental und physisch anstrengend; wir sind müde.

Bis auf undefinierbare, einem Bellen ähnliche Geräusche (?) und Getrampel in der Nacht, schlafen wir gut.

Zelten im Lanin Nationalpark.
Zelten im Lanin Nationalpark.

Das 24'000-Seelen-Städtchen San Martin de los Andes gefällt uns auf Anhieb. Im Touristenort am Lago Lacar herrscht Holz vor. Erstmals sehen wir etwas wie einen Baustil, viele Dächer sind einheitlich gedeckt, schön geschnitzte Holztafeln weisen auf die tollen, modernen Geschäfte hin, die Strassen sind asphaltiert und sauber, es gibt tolle Appartemente zu mieten und – ganz wichtig für uns – Supermärkte mit einem klasse Angebot! Der Ort ist nicht billig, wir meinen aber, seit einem Jahr kein so angenehmes, ja schönes Städtchen erlebt zu haben. Pausenzeit!

Augustin hat es Spass gemacht, Pit beim Fussballspielen zu fordern.
Augustin hat es Spass gemacht, Pit beim Fussballspielen zu fordern.

Ab 27.1. 2018


Morgen an der wunderschönen Laguna Galletue.
Morgen an der wunderschönen Laguna Galletue.

Holz, Holz und endlich wieder Berge

Die Strasse entlang dem Rio Bio Bio ist auch heute Samstag stark befahren. Neben dem üblichen Wochenendverkehr geniessen viele Chilenen zum Jahreswechsel ihre Sommerferien. Das schöne Wetter lädt zu Ausflügen und Picknicks an Flüssen und Seen ein. Wie schon Tage vorher überholen uns Dutzende Holztransporte, die die geschlagenen Kiefern und Eukalyptusstämme in nahe Sägewerke und Zellulosefabriken an der Küste transportieren. Also stets den Rückspiegel im Auge behalten. Gemütliches Bummeln kommt später.

Wie wir hören, wächst das Nadelholz bedingt durch das warm-feuchte Klima rasch; ausgedehnte Kiefernwälder links und rechts der Strasse lassen die grosse Bedeutung der Holzindustrie in Chile erahnen. Ganze Berghänge werden abgeholzt und wieder aufgeforstet. Für die Artenvielfalt der Pflanzen und Tiere sind solche Monokulturen allerdings fatal. Im 4200 Kilometer langen Andenstaat werden jährlich über 41 Mio. Kubikmeter Holz im Exportwert von mehr als 2 Mia. Dollar geschlagen.

In Nacimiento finden wir nach langem Suchen und dank Hilfe von jungen Leuten und der Polizei doch noch einen Zeltplatz, allerdings heisst es nach dem Einkaufen fünf Kilometer zurückfahren. Dafür geniessen wir als einzige Mohikaner – alle anderen Gäste sind Tagesausflügler und bis gegen zehn Uhr verschwunden – eine ruhige Zeltnacht. Dass ein Hund irgendwann am frühen Morgen unser Zelt markieren muss (gruusig, passiert schon das dritte Mal), darauf hätten wir verzichten können.

Hinter Collipulli steigt eine gewaltige Rauchwolke gegen den Himmel. Waldbrand. Bei der gegenwärtigen Trockenheit sind Brände häufig, nicht zuletzt darum verzichten wir auf ein Wildcamp nahe der Stadt am Fluss.

Südamerika hat viele Gesichter. Eines, das uns gefällt ist, dass man mit dem Fahrrad auch auf Autobahnen fahren darf (oder zumindest geduldet wird). Bis Victoria muss die N5 als Mittel zum Zweck herhalten, d.h., um möglichst rasch von den vielbefahrenen Strassen wegzukommen erdulden wir auf breitem Seitenstreifen den Höllenlärm und den Gestank vieler Lastwagen, ganz nach dem Motto der ehemaligen Schweizer Spitzenläuferin Anita Weyermann, „Gring ache u seckle“, resp. pedalen.

 

Einer zahlreichen Wasserfälle.

Plötzlich ist Bea ganz aus dem Häuschen, schreit und jubelt. Am Horizont zeigen sich majestätisch und wunderschön die ersten Vulkane, alle überragend die gleichmässige Pyramide des 3125 m hohen Llaima, der 2009 das letzte Mal Feuer spie – wie haben wir die Berge vermisst! Willkommen im Norden Patagoniens!

 

Im Norden Patagoniens

Nach Pausentagen im Kleinstädtchen Curacautin pedalen wir bei wenig Verkehr und blauem Himmel auf der gut zu fahrenden 181 nach Westen, Richtung argentinische Grenze. Das ständige Auf und Ab ermüdet, immer wieder keuchen wir auf steilen Rampen aufwärts, die zum Glück nie lang sind. Es kommen Erinnerungen an die steilen Strassen in Ecuador auf.

Suizandino Loge steht auf der Karte, das passt für die nächste Nacht, da wollen wir hin!

Der Zeltplatz gefällt auf Anhieb. Ruhig und schön gelegen, sehr sauber, gepflegt, nebenan das gemütliche Restaurant. Heute leisten wir uns eine feine Schweizer Rösti und ein zartes Steak zur Feier des Tages (die Loge ist nicht billig). An dieser Stelle könnten wir wieder einmal über die oft diskutierte Schweizer Gastfreundlichkeit debattieren. Was die Chefin mit Unfreundlichkeit, ja beinahe Arroganz, kaputt macht, bügeln die Volontärinnen aus der Schweiz und Deutschland spielend aus. Danke! Etwas mit Pferden rummachen reicht nicht, um eine gute Gastgeberin zu sein, Frau Franz. Sie müssen noch etwas üben. Über dem Restauranttresen steht treffend „ich Chef, du nix“.

Mühsam, das Fahrad fahren.
Mühsam, das Fahrad fahren.

80 Kilometer Schotterpiste. Wir tauchen ein in das wunderschöne chilenische Seengebiet mit seinen Nationalparks, glasklaren Bächen, Flüssen und idyllisch gelegenen Seen und den urtümlich anmutenden Araukarien-Wäldern (Die Schuppentanne entstammt einer der ältesten Baumfamilien der Welt. Bereits vor 90 Mio. Jahren gab es ähnliche Tannen. Der immergrüne Baum wird bis 2'000 Jahre alt, steht heute auf der Roten Liste der bedrohten Pflanzen und darf nicht mehr gefällt werden. Der Handel ist weltweit verboten).

Die Piste ist wegen des groben Schotters teilweise recht mühsam zu fahren. Wir schieben zwischendurch die steilsten Anstiege und geniessen das immer noch warm-heisse Wetter. Allerdings heisst heiss auch trocken und damit viel Staub. Obwohl nur mässig Ausflugsverkehr herrscht – noch ist Ferienzeit – begreifen viele Autofahrer nicht, dass das Velofahren in einer riesigen Staubwolke keinen Spass macht, ja für uns gefährlich ist. Ärgern hilft nichts; wir fangen an, die ungehobelt fahrenden Dummköpfe systematisch auszubremsen. Warum so schnell auf der Strasse, wenn in eurem Land viele Mühlen unglaublich langsam malen, liebe Chilenen? Z.B. die chilenische Schnecken-Post. Zwei Tage nach unserem dreiwöchigen Auslandurlaub über Neujahr kommen die wichtigen Reisedokumente an. Sechs Wochen(!) war das Couvert von Bern nach Santiago unterwegs! Der Schweizer Botschafter hatte uns gewarnt und einen privaten Zustellservice empfohlen. Wir haben ihm nicht geglaubt. Aber was sind schon sechs Wochen. Am 20. Dezember 2017 lag das Couvert mit Abstimmungsunterlagen (für eineAuslandschweizerin) für die Eidg. Abstimmung vom 24. September 2017(!) im Briefkasten. Ziemlich genau vier Monate zuvor – das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen – 4 Monate(!) zuvor wurde das Couvert in Lüscherz am Bielersee nach Santiago de Chile auf die Reise geschickt! Einfach unglaublich! In Chile kann man schon mal ein Jahr(!) oder länger auf eine Baubewilligung warten. Drei Monate für eine Autoreparatur sind nicht ungewöhnlich. Also, warum auf den Strassen so schnell, liebe Chilenen? Ihr habt doch alle Zeit der Welt. 

Nach einem Kurzaufenthalt in Villarrica – die Preise im Touristenort hauen uns fast aus den Socken – gibt es nächste Woche einen kurzen Abstecher nach San Martin de Los Andes in Argentinien, bevor es südöstlich zurück nach Chile auf Puerto Montt zugeht. Wir freuen uns auf viel Natur und das Zelten und hoffentlich noch schöne Sommertage.

Die Araukarie, die chilenische Fichte oder Schuppentanne, wird bis zu 2000 Jahre alt.
Die Araukarie, die chilenische Fichte oder Schuppentanne, wird bis zu 2000 Jahre alt.

Ab 12.1. 2018


Lieber Heinz, liebe Veronica, herzlichen Dank für eure grosse Gastfreundschaft! Wir nehmen viele schöne Erinnerungen mit auf die weitere Reise! Es war eine tolle Zeit in Santiago.
Lieber Heinz, liebe Veronica, herzlichen Dank für eure grosse Gastfreundschaft! Wir nehmen viele schöne Erinnerungen mit auf die weitere Reise! Es war eine tolle Zeit in Santiago.

Einmal mehr dürfen wir grosszügige, gastfreundliche Menschen kennen lernen, die uns ein Dach über dem Kopf geben und uns kulinarisch verwöhnen. Können wir besser in ein neues Reisejahr pedalen? Herzlichen Dank euch allen!

¡Gracias, Soledad, por tu generosidad! Fue una gran experiencia.
¡Gracias, Soledad, por tu generosidad! Fue una gran experiencia.

Weiter südwärts

Nach angenehm zu fahrendem Radweg entlang des Rio Río Mapocho schleichen wir auf Nebenstrassen aus der Millionenstadt Santiago. Grosse, viel befahrene Strassen lassen sich in der Agglomeration kaum vermeiden. Bis Consepcion bietet die Strecke wenig Abwechslung, abgesehen von einigen Abschnitten auf der Ruta de Fruta. Hier erstrecken sich über viele hundert Hektaren Weinberge und über Quadratkilometer Olivenhaine bis zum Horizont. Gewaltig, diese riesigen Kulturen!

Selbst die Pazifikküste mag uns nicht zu begeistern. Graues, aufgewühltes Meer unter grauem, dauerbedecktem Himmel. Die Ortschaften figurieren auf unserer Skala zwischen nicht schön und hässlich. Vermutlich ist seit dem schweren Erdbeben und dem folgenden Tsunami 2010 noch nicht alles wieder aufgebaut. Wie auch immer, nach zwei Tagen Pause in Consepcion, einer Küstenstadt mit ca. 250'000 Einw., zieht es uns definitiv nach Westen, dem bekannten Seengebiet mit seinen Nationalparks im nördlichen Patagonien zu. 

Spezielle Begegnung am Strassenrad: eine Tarantel aus der Familie der Vogelspinnen. Das Tier hatte eine Körperlänge von 6 bis 7 cm.
Spezielle Begegnung am Strassenrad: eine Tarantel aus der Familie der Vogelspinnen. Das Tier hatte eine Körperlänge von 6 bis 7 cm.
¡Muchas gracias, Maria y Martìn! Es war eine interessante, tolle Zeit bei euch. Und erst die feinen Krautwickel, Maria . . . Hmmm!
¡Muchas gracias, Maria y Martìn! Es war eine interessante, tolle Zeit bei euch. Und erst die feinen Krautwickel, Maria . . . Hmmm!
Manche Quallen sind riesig. Auf keinen Fall die Tentakel anfassen!
Manche Quallen sind riesig. Auf keinen Fall die Tentakel anfassen!
Interview in der Tageszeitung "La Estrella" in Concepcion.
Interview in der Tageszeitung "La Estrella" in Concepcion.

Von San Pedro de Atacama, Chile, nach Salta, Argentinien

In San Pedro de Atacama wimmelt es von Touristen. Wie schon in den Ländern vorher bemerkt, sind mehr als drei Viertel von ihnen jünger als dreissig. Gibt es in Frankreich noch Franzosen? Ein paar wenige werden das Land am Laufen halten, der Rest macht in Südamerika Ferien, wie uns scheint.

Der höhere Lebensstandard von Chile gegenüber Bolivien schlägt sich in den Preisen nieder. Erst mal egal, uns läuft schon beim Lesen der Speisekarten vor den zahlreichen Restaurants das Wasser im Mund zusammen. Noch besser, wir finden ein ruhiges, bezahlbares Hostal mit Küche. Zusammen mit Valentina und Rico verwöhnen wir uns über Tage, bis die Bäuche beinahe platzen. Baguette mit Roquefort und herrliche Butter-Schokoladengipfel aus der French-Bakery, Spaghetti mit Lachs und Brokkoli, gefüllte Omeletten, Crêpes mit Caramelsauce, Fisch in Alufolie mit Kartoffelpüree, Salate, Gemüse und, und . . . Wow, sooo gut!! Der Nachholbedarf nach Bolivien und der Ochsentour entlang der Lagunen ist enorm. Velofahrer sind immer hungrig.

Entlang der Atacamawüste (Foto M. Wanning).
Entlang der Atacamawüste (Foto M. Wanning).
(Foto M. Wanning)
(Foto M. Wanning)
Nicht einfach, einen windgeschützten Zeltplatz zu finden.
Nicht einfach, einen windgeschützten Zeltplatz zu finden.

Nach fünf Tagen verlassen wir ausgeruht San Pedro Richtung Atacamawüste, in den Taschen Vorräte für ca. eine Woche. Wir haben uns die Route über den Paso Sico nach Argentinien vorgenommen (knapp die Hälfte der 530 Kilometer wird Schotterpiste sein) während Valentina und Rico über den Paso Jama nach Salta pedalen. Die Desierto de Atacama steht für eine der trockensten Regionen der Erde. In einigen zentralen Gebieten der 105'000 Quadratkilometer grossen Wüste ist seit Jahrzehnten kein Regen gefallen. Durchschnittlich fällt nur 0,5 mm Niederschlag pro Jahr.

Wir finden einen kleinen Canyon, wo wir unser Zelt vom Wind geschützt aufbauen. Ungefährlich, zur Zeit ist nicht mit Regen zu rechnen. Ja der Wind, spätestens ab Mittag bleibt er uns in den nächsten Tagen auf den Fersen. Schiebt erst aus Nordwest um irgendwann nachmittags auf Konfrontationskurs Süd zu drehen.

Aller Unkenrufe zum Trotz ist das Pedalen in der Wüste nie langweilig. Das liegt auch an den farbigen Blumenteppichen entlang der Strasse. Das Phänomen besteht im Erscheinen einer Vielfalt von Blumen zwischen September und November in Jahren mit – für eine der trockensten Wüsten der Welt – aussergewöhnlichen Niederschlägen.

Klimatisch hängt das Ereignis mit dem globalen Klimaphänomen El Niño zusammen, das eine Überhitzung der ufernahen Meeresströme bewirkt. Die Küstennebel (camanchacas), die sonst recht schnell verdunsten, enthalten dadurch ausreichend Feuchtigkeit, um über der Wüste abzuregnen. So wachsen und blühen in kurzer Zeit mehr als 200 Pflanzenarten. Blumen! Wie lange haben wir keine mehr gesehen!

Bei einem Kaffee den Sonnenuntergang geniessen. Die Atacama ist zu jeder Tageszeit ein Erlebnis.
Bei einem Kaffee den Sonnenuntergang geniessen. Die Atacama ist zu jeder Tageszeit ein Erlebnis.

Immer wieder halten wir an. Die Weite der Wüste, ihre Kargheit, die wunderschönen Pastellfarben der Vulkane rundum, Berg-Vizcachas (Hasenmäuse, der Familie der Chinchillas zugehörig), Wüstenfüchse, kleine Eidechsen, die Stille – Verkehr gibt es kaum – unsere Gefühle für diese grandiose Natur lassen sich nur schwer beschreiben. Wir saugen auf und speichern ab. Fotos sind eh nur ein billiger Abklatsch.

Im kleinen Nest Socaire stocken wir unseren Wasser- und Getränkevorrat auf, dass er für drei Tage reicht. Das wenige Gemüse hängt schlapp in den Kisten, trockene Bisquits, Büchsen-Thunfisch, ansonsten gähnende Leere im kleinen Laden. Das „Futter“ in den Taschen muss einfach reichen. Bis zum 270 km entfernten San Antonio de los Cobres in Argentinien gibt es keine Einkaufsmöglichkeit mehr, das war uns so nicht bewusst. Weiter vorne hat ein Jeep angehalten. Agenor und Sandra aus Brasilien spenden uns eine Flasche Wasser. Die kommt wie gerufen! Muchas gracias!

 

Unsere gefahrene Strecke versuchen wir so oft als möglich zu aktualisieren. Sie ist zu finden unter der Rubrik „Bereiste Länder und gefahrene Routen 2012-2017“.

Die wunderbar im gleissenden Mittagslicht leuchtende, hellblaue Laguna Salar de Talar.
Die wunderbar im gleissenden Mittagslicht leuchtende, hellblaue Laguna Salar de Talar.

Schluss mit asphaltierter Strasse. Der erste Pass, 4320 m, ist erklommen. Erst mal gibt es groben, tiefen Schotter unter die Räder, der Kraft kostet. Ab und zu heisst es schieben. Wir queren die Anden zum zweiten Mal. Abra Sico, 4458 m, Abra de Arizaro, 4310 m, Abra Chorillos, 4560 m, Abra Blanca, 4080 m. Trotz aller Mühen möchten wir in unserem Leben nie auf Berge verzichten. Die Tour ist wirklich der Hammer!

Die Chilenen bauen die Strasse bis an die Grenze neu. Reger Baustellenverkehr lässt uns auf die halbfertige, teilweise asphaltierte neue Strasse ausweichen. Zum Velofahren angenehm, trotzdem kommt Wehmut auf. Ein Fahrradklassiker in Chile/Argentinien geht weitgehend verloren.

Die Laguna Tuyaito.
Die Laguna Tuyaito.
Hier verläuft die Grenze Chile/Argentinien. Erst elf Kilometer weiter befindet sich der Grenzposten.
Hier verläuft die Grenze Chile/Argentinien. Erst elf Kilometer weiter befindet sich der Grenzposten.

Nach einer kalten Zeltnacht brechen wir früh auf. Noch lässt uns der Wind in Ruhe. Völlig unerwartet taucht sie vor uns auf, die grandioseste Lagune der bisherigen Reise, die wunderbar im gleissenden Mittagslicht leuchtende, hellblaue Laguna Salar de Talar. Genau wegen solcher Momente lohnt das Wühlen im Sand. Wir staunen sprachlos. Die Berghänge wie mit Mehl gepudert, rote Uferfelsen, weisse Boraxschichten, blaues Wasser – haben wir uns auf einen fremden Planeten gebeamt? Kalte Schauer laufen über den Rücken – einfach nur Megaschön!!

 

Nach der Laguna Tuyaito führt die Piste im Bogen nach Nordost. Auf der weiten Ebene beziehen wir ordentlich Prügel. Unser alter Freund fegt uns von den Rädern, fahren ist nicht mehr möglich. Schieben. Windhosen schmeissen uns schaufelweise Sand ins Gesicht. Wenn das so weiter geht, dann Gute Nacht.

Im Minencamp El Laco werden wir freundlich aufgenommen, trinken Tee, dürfen ein Zimmer beziehen und ein deftiges Nachtessen geniessen. Velofahrer sind hier willkommen. Herzlichen Dank, Juan-Carlos und Claudio, für eure Gastfreundschaft!