Ab 5.10.

Die schönen, schlanken indischen Languren (sie gehören mit ihrem langen Schwanz und der schwarzen Gesichtsmaske zu der Familie der Meerkatzen), begrüssen uns vor dem Hostelfenster mit der ganzen Sippe von mindestens 30(!) Individuen.
Die schönen, schlanken indischen Languren (sie gehören mit ihrem langen Schwanz und der schwarzen Gesichtsmaske zu der Familie der Meerkatzen), begrüssen uns vor dem Hostelfenster mit der ganzen Sippe von mindestens 30(!) Individuen.

Weiter nach Osten – interessante Blicke in die vielen Gesichter Indiens

„Pine Valley“ stand vorhin bei der Einfahrt zu einer Villa. Erholsam, ruhig und mit wenig Verkehr erleben wir das bewaldete Tal von Kumarhatti nach Nahan tatsächlich. Viele Kurven, eine tolle Strasse, gesäumt von mächtigen Pinien, machen das Pedalen zum reinen Vergnügen, ja wir dürfen meist gemütlich abwärts rollen, aufmerksam beobachtet von Makakken-Familien. Mehr als 1500 Höhenmetern sagen wir adieu, so viel Spass war schon lange nicht mehr! 

Wie schon in Solan tauchen wir in Nahan in einen wunderschönen, farbigen Markt ein. Touristen gibts hier keine, entsprechend interessant sind die beiden Velöler aus der Schweiz. Fast noch interessanter als die Festivitäten zu Ehren der drei Stadtheiligen. Wieviele Selfies mit uns wohl existieren? Keine Ahnung. Welcome to India! Ja, wir fühlen uns wirklich willkommen. Immer wieder Hände schütteln, erklären woher wir kommen und wohin wir unterwegs sind. Verrückte, farbige, laute indische Welt, heute ist sie für uns absolut in Ordnung.

Nahan gefällt, vor allem der farbige Markt in den engen Gassen hat es uns angetan. Andere Touris sehen wir keine.
Nahan gefällt, vor allem der farbige Markt in den engen Gassen hat es uns angetan. Andere Touris sehen wir keine.

Manchmal will der Funke nicht überspringen, wie in Dehradun. Eine dreckige Stadt ohne Charme. Ausgebucht, die Velos müssen draussen bleiben, kein Fenster im Zimmer, dreckstarrendes Loch, Ausländer nicht erwünscht – kurz bevor wir im Roten drehen, klappt es doch noch. Eineinhalb Stunden und sechs Hotelabsagen später finden wir endlich eine Unterkunft die uns allergnädigst aufnimmt. Das ist uns noch nie passiert. Genauso beschi . . . sieht es mit Möglichkeiten zum Essen aus. Wir kaufen Tomaten, Gurken, einen Rettich, Kartoffelchips, Salznüsse (eine Büchse Tunfisch schleppe ich schon lange mit) und zwei Flaschen Bier (kalt!) und verwandeln unser Bett in den köstlichsten Picknickplatz, den wir uns vorstellen können. Heute könnt ihr uns mal!

Messer- und Scherenschleifer in Nahan.
Messer- und Scherenschleifer in Nahan.

Wir dürfen Indien das erste Mal bereisen, und doch kommt uns vieles sehr bekannt vor, wie wir täglich mit Schmunzeln feststellen. Das liegt an den zahlreichen Parallelen zu Staaten in Südamerika, wie wir sie erlebt haben. Zum Beispiel das Machogehabe und die Freude an Motorrädern, Frauen sind auch hier fleissiger und tragen die Hauptlast der schweren täglichen Arbeit, das immer gleiche Warenangebot, Offenheit und grosse Gastfreundschaft. Hier wie dort gibt es mehr Autowerkstätten als Restaurants, viele Einrichtungen vergammeln, weil kein Unterhalt gemacht wird (z.B. sanitäre Anlagen), das Flair, eigenes Unvermögen dem Staat und seiner korrupten Regierung anzulasten. Um Ausreden sind die Einheimischen nie verlegen. Unangenehmes, wie z.B. der viele Abfall, wird weggelächelt. Trotz allem ist Indien ein Erlebnis. Ein Blick über den Schweizer Tellerrand schadet ohnehin nie. Sei es nur, um festzustellen, wie unglaublich gut es uns in der Heimat geht.

Mit der Shimla-Kalka Railway (Toy-Train) fahren wir in sechs Stunden nach Kalka. Die Bahnstrecke wurde Ende des 19. Jahrhunderts im Auftrag der britischen Kolonialregierung gebaut, um den Transport zwischen Delhi und Shimla zu vereinfachen und zu beschleunigen. Am 9. November 1903 wurde die Strecke offiziell eröffnet. Die Strecke ist insgesamt 96,5 Kilometer lang und überwindet auf dieser Distanz einen Höhenunterschied von 1.420. Zusätzlich zu der großen Steigung werden auf der relativ kurzen Strecke insgesamt 864 Brücken (viele davon Viadukte), 102 Tunnel (der längste davon 1,14 km lang), 919 Kurven sowie 18 meist kleinere Bahnhöfe passiert bzw. durchfahren. 

Lehrerinnen und Lehrer der kleinen Schule. Interessant, einen Blick in deren Alltag werfen zu dürfen.
Lehrerinnen und Lehrer der kleinen Schule. Interessant, einen Blick in deren Alltag werfen zu dürfen.
Auf der schwankenden, schmalen Hängebrücke über den Ganges drängen sich die Menschen wie Sardinen im Schwarm.
Auf der schwankenden, schmalen Hängebrücke über den Ganges drängen sich die Menschen wie Sardinen im Schwarm.

Wir tauchen ein in den lauten, stinkenden Verkehrswahnsinn von Rishikesh, heilige Stadt und Pilgerort der Hindus am heiligen Ganges. Hier ist der später mächtige Strom noch ein breiter, erstaunlich sauberer Fluss, der träge dem Golf von Bengalen zufliesst.

Am östlichen Flussufer leuchten Tempel in der Abendsonne, hier gibt es viele Ashrams (in Indien klosterähnliche Meditationszentren). Offenbar haben schon die Beatles in Rishikesh meditiert. Heute machen ihnen das zahlreiche indisch gekleidete Touristen (mehrheitlich weiblichen Geschlechts) aus dem Westen, mit rotem Bindi auf der Stirn und verklärtem Blick, nach. Wer will, kann sich von einem Strassen-Ohrenputzer(!) die Gehörgänge reinigen lassen. Wir verzichten dankend. Nicht die Ohren machen uns zu schaffen, sondern der Magen, weil es in der heiligen Stadt weder Fleisch noch Bier gibt. Das war uns nicht bewusst. Irgendwann werden wir Rost ansetzen, soviel Wasser wie wir trinken. Auf der schwankenden, schmalen Hängebrücke über den Ganges drängen sich die Menschen wie in einem Sardinenschwarm. Ist man auf der Brücke, gibt es kein zurück mehr. Ab und zu machen schrille Schreie das Chaos perfekt, nämlich dann, wenn Pilger den fauchenden, Zähne fletschenden Makakken zu nahe kommen, die in den Tragseilen turnen. 

Nach zwei Pausentagen fällt der Abschied leicht. Wir pedalen erst durch Wald und später entlang eines Kanals. Bei so wenig Verkehr kann die Seele baumeln. Velofahren ist soo schön!

Die grossen Tempel von Rishikesh leuchten in der Abendsonne. Der Ganges ist hier noch sehr sauber.
Die grossen Tempel von Rishikesh leuchten in der Abendsonne. Der Ganges ist hier noch sehr sauber.
Das Pedalen entlang eines Kanals ist angenehm, allerdings dauert der Spass nicht lange.
Das Pedalen entlang eines Kanals ist angenehm, allerdings dauert der Spass nicht lange.
Affen sind ebenfalls heilig, darum füttern die Gläubigen sie aus den Autos heraus.
Affen sind ebenfalls heilig, darum füttern die Gläubigen sie aus den Autos heraus.

Eigentlich war geplant, Städte zu umfahren und kleine Nebenstrassen über Land zu nehmen. Rasch holt uns die Realität ein. Es gibt praktisch keine Unterkünfte und wir sind gezwungen, auf staubigen Landstrassen mit lärmigem Verkehr in die grossen Ortschaften zu rollen. Macht wenig Spass, dafür leisten uns ständig junge Burschen auf Motorrädern Gesellschaft, die vor allem mit Bea Selfies schiessen und meist gut Englisch sprechen. Mich dagegen lachen Mädchen auf ihren Velos an, bevor sie kichernd und winkend in die Pedale treten. Es gibt Schlimmeres für einen Anfang-Sechziger :).

Bea geniesst die Aufmerksamkeit der jungen Typen. Sie sind immer höflich und sprechen meist gut Englisch.
Bea geniesst die Aufmerksamkeit der jungen Typen. Sie sind immer höflich und sprechen meist gut Englisch.

Apropos Übernachten. Das Zelt bleibt in Indien vorläufig im Sack. Die flache, fruchtbare Region ist dicht besiedelt; wir bleiben selten allein, selbst bei kurzen Trinkpausen dauert es keine zwei Minuten bis sich ein erster Neugieriger bei uns einfindet. Manchmal stehen sie einfach da und starren uns an. Fragt ein Inder nach dem Woher und Wohin, ist das für andere Neugierige interessant, weil der Landsmann den Umstehenden gleich übersetzt, was wir erzählen. Das wiederum veranlasst weitere Motorradfahrer zu wenden und zurück zu fahren. Innerhalb kurzer Zeit bildet sich eine Menschentraube, die die halbe Strasse blockiert. Anstrengend und oft zum Schreien komisch. Spätestens jetzt ist es Zeit, unseren Rössern die Sporen zu geben. Die Chance, ungesehen in einen Wald zum Zelten zu entwischen, ist gering.

Heute kreuzen wir den ersten schweren Unfall in Indien. Uns fröstelt. Rasch weiter. Gefahr droht nicht nur von hinten sondern oft unverhofft frontal. Halsbrecherisch wird überholt und wegen zwei Radfahrern schwenken Autofahrer kaum auf ihre Fahrspur ein. Machtspiele kann man hier vergessen, insbesondere mit dem Velo.

Bei einer kurzen Pause spricht uns ein Lehrer der nahen christlichen Schule an und lädt zum Tee ein. Nur ein paar Minuten sollen wir uns Zeit nehmen. Machen wir gerne. Ganz besonders, weil viele grosse Kinderaugen verrückte Europäer, die mit dem Fahrrad anstatt mit dem Auto reisen, wohl noch nie von nah gesehen haben. Diszipliniert sitzen alle in den Bänken und lauschen mit offenem Mund unserer Erzählung. 

Wir erfahren vom jungen Lehrer, wie schwierig der Schulunterricht ist, an allen Ecken und Enden fehlt Geld. Kinder gehen nicht in die Schule, Eltern haben Alkohol- und Tabakprobleme. Das Schulzimmer ist ein kleiner, dunkler Raum mit nackten Wänden, einer Schiefertafel und altem, abgewetztem Schulmobiliar. 

Der Lehrer klagt, dass Muslime ihre Kinder nicht in die christliche Schule schicken wollen. (Das Näherbringen des Christentums ist Teil des Schulunterrichts). Wir lesen und hören in den Medien, dass überall auf der Welt Christen diskriminiert, bedroht und sogar umgebracht werden. Könnte ein Grund im Missionieren und mangelnden Respekt vor anderen Religionen liegen?

Schwertransporte
Schwertransporte
Geerntet wird der Reis vielfach von Hand. Das Dreschen ebenso, überwiegend von Frauen.
Geerntet wird der Reis vielfach von Hand. Das Dreschen ebenso, überwiegend von Frauen.

Ganz im Südosten des Bundesstaates Uttarakhand fahren wir durch ein Gebiet in dem eine grosse muslimische Minderheit lebt. Viele Frauen sind im Tschador gekleidet, es gibt Moscheen und Muezzine rufen zum Gebet. Trotzdem die Region auf uns sehr arm wirkt, erfahren wir bei jedem Halt Gastfreundschaft, werden zum Tee eingeladen und mit Fragen bestürmt, die wir leider meist nicht beantworten können, weil kaum jemand Englisch spricht. Schmutz, Abfallhaufen in den Dörfern, in denen Schweine wühlen (wer die wohl isst?) und offene Abwasserkanäle verbreiten einen bestialischen Gestank, der uns weitertreibt und jede Lust am Essen an einem Strassenstand vergällt. So schlimm war es bisher nie. Einige (wenige) junge, verklemmte Muslime, die schon beim Anblick von nackten Zehen heisse Backen bekommen, meinen uns mit obszönen Gesten und Zurufen beglücken zu müssen, offenbar weil Bea in Shorts fährt. Uns wäre mehr gedient, wenn sie etwas Englisch sprechen würden anstatt von Dingen zu reden, von denen sie als Rechtgläubige keine Ahnung haben (dürfen). So ein saudummes Verhalten haben wir die ganzen Jahre nie in einem muslimischen Land erlebt. Im Gegenteil, die Türkei, Usbekistan und ganz speziell der Iran gehören für uns zu den tollsten Ländern, die wir bereisen durften.

Bei Bhimdatta ist die Grenze zu Nepal erreicht. Der Mahakali River muss über eine schmale Strasse, die über eine Stauwehranlage führt, überquert werden. Eine endlose Menschenschlange drängt sich durch das Nadelöhr. Frauen schieben schwer bepackte Fahrräder. Ochsenkarren und einzelne PWs versperren die Strasse. Wir dazwischen, für einmal kaum beachtet. Und plötzlich taucht sie aus dem Nichts auf, die rote Schrifttafel „Beer Bar“, einfach so, mitten im Niemandsland zwischen Indien und Nepal. Wir sind uns rasch einig, jetzt haben wir ein Kühles mehr als verdient! Nepal gefällt uns schon jetzt!


Ab 16.9.

Blick von Nako zum Spitiriver. Grün gibt es nur dort, wo die Menschen bewässern.
Blick von Nako zum Spitiriver. Grün gibt es nur dort, wo die Menschen bewässern.

Äpfel, buntes Indien und tierische Diebe

Wir fahren weiter dem Spiti-River entlang und geniessen das breite Tal und mit ihm die immer besser werdende Strasse. Übrigens sind wir vor Sarchu vom Bundesstaat Jammu und Kashmir fast unbemerkt in den Nachbarstaat Himachal Pradesh pedalt. Distanzen haben hier andere Dimensionen als in der Schweiz. Indien ist ein riesiges Land.

Offenbar eignen sich die steinigen Böden bei ausreichender Bewässerung gut für Apfelplantagen. Auf den Sandterrassen entlang des Flusses bis weit hinauf in steilste Lagen wachsen Apfelbäume. Jetzt ist Erntezeit, täglich überholen uns viele Pickups schwer beladen mit rotbackigen Früchten. Vor einer Woche war es Blumenkohl, jetzt sind es Äpfel, die ins Tiefland von Indien transportiert werden. 

Von wegen weites Tal, unvermittelt wird es bedrückend eng. Die steilen Bergflanken, eigentlich nichts weiter als äusserst instabile Schutthänge, von denen vor allem bei Regen laufend Steine ins Tal donnern und die Fahrbahn malträtieren, lassen der Strasse wenig Raum. Wir wagen kaum hinzusehen, so brüchig wirken die Felsen dort wo die einspurige Strasse in die Felsen gesprengt wurde. Eine Strassenbaustelle löst die andere ab. Zwischen LKWs und Autos passt beim Kreuzen kaum eine Hand. Schauen, dass wir rasch weiter kommen. Ständig wie Maulwürfe im Dreck zu wühlen, nervt. Wir sind gespannt auf Shimla.

Wie mit einer Messerspitze in den Felsen gekratzt verläuft die Strasse hoch über dem Spitiriver.
Wie mit einer Messerspitze in den Felsen gekratzt verläuft die Strasse hoch über dem Spitiriver.
Kaum zu glauben, hier einen Biershop zu finden! Wirklich mitten im Kakao.
Kaum zu glauben, hier einen Biershop zu finden! Wirklich mitten im Kakao.

Dazu kommt – es sei geklagt – dass es die Briten vor siebzig Jahren verpasst haben, den lieben Indern den Unterschied von links und rechts zu erklären. Wenn sie auf ihrer linken Strassenseite fahren würden, wäre die Autohupe nahezu überflüssig und sie müssten in der Fahrschule nicht den Blödsinn „Blow Horn“ einüben, Ja, und wir wären aus dem Schneider und unsere malträtierten Ohren sowieso. Was soll's, kennen wir aus anderen Ländern. Einfach wichtig zu wissen, dass wir wissen, was die Inder ständig ignorieren, nämlich Verkehrsregeln, die es im Land tatsächlich gibt! Man würde es nicht glauben! Wir bleiben wachsam (fluchen manchmal, damit der Kessel nicht platzt), fahren dann und wann die Ellbogen auf indische Manier aus und passen die Fahrweise an, so arrangieren wir uns recht gut mit dem indischen Chaosverkehr.

 

Spass beiseite: Uns gefällt es in Indien, wir kommen mit seinen Bewohnern prima klar. Nicht nur das, sie sind wirklich „liebi Cheibe“. Jeden Tag gibt es viele Daumen hoch, es wird gewunken und das Smartphone aus den Autofenstern gehalten und wenn wir Hilfe brauchen ist rasch ein junger Typ da, der Englisch spricht. Die Selfiemanie grassiert in Indien wie überall auf der Welt. Kein Problem für uns, wir sind fast für alles zu haben.

Eine Augenweide sind die hübschen indischen Frauen in ihren wunderschönen bunten Saris. Mit einem lächelnden „thank you“ dankt man uns für Komplimente. Wir geniessen das gute, scharfe Essen, das es vor allem in grösseren Orten in vielen Varianten gibt. Allerdings dürfte es für uns mehr Gemüse in seiner ursprünglichen Form sein, das es auf den Märkten reichlich gibt. Das meiste wird klein gehackt und den Saucen beigemischt. Dafür geniessen wir wann immer möglich Gurken- /Tomatensalat, garniert mit frischen Zwiebeln (reichlich), Rettichscheiben und sehr scharfen Chilischoten (die Pit tatsächlich isst! Uahhh . . .). 

Laufend neue Baustellen. Staub, Dreck, Lärm und Verkehrschaos.
Laufend neue Baustellen. Staub, Dreck, Lärm und Verkehrschaos.

Wenn wir schon beim Essen sind, Indien ist keine einfache Kost für uns. Bekömmliches und schwer Verdauliches liegen oft nah beieinander auf dem Teller. In Chango z.B. schmiss ein Autogaragenarbeiter zwei kaputte PW-Frontscheiben von einer Brücke im Dorf in den Spitiriver. Da stehen uns noch jetzt die Haare zu Berge! Abfall ist ein grosses Problem im Land, wie man weiss. Als Schweizer werden wir eh nie verstehen, wie man seine nächste Umgebung, dort wo man lebt, so versauen kann. Wir wollen uns hier nicht weiter über das hässliche Thema auslassen.

Innerhalb von zwei, drei Tagen hat sich das Sutlejtal mit jedem Höhenmeter, den wir verlieren, verändert. Die Vegetation ist tropischer geworden, morgens Nebel und ab und zu ein Gewitter, daran müssen wir uns erst gewöhnen. In Jhakri mustern uns Velöler erstmals Makakken, die für Indien typischen Affen mit kurzem Schwanz und rotem Hintern, argwöhnisch. Die zweite Affenart, die schönen, schlanken indischen Languren (sie gehören mit ihrem langen Schwanz und der schwarzen Gesichtsmaske zu der Familie der Meerkatzen), begrüsst uns vor dem Hostelfenster mit der ganzen Sippe von mindestens 30(!) Individuen. Ein Weibchen schmiegt sich nah an das Fenster, zeigt keine Scheu. Wir lassen uns nicht verleiten, auf den Balkon zu treten. Zu nah sollte man unseren tierischen Verwandten nämlich nicht kommen. Das erleben wir Tage später eindrücklich beim nach Hause gehen am Abend. Ein Blick oder eine Bewegung provoziert offenbar ein auf der Strasse sitzendes Makakken-Männchen dermassen, dass es fauchend nach den Beinen von Bea schnappt (ist nichts passiert). „Du dumme Aff!!“ - nie war Schimpfen zutreffender!

Letzten Donnerstag – wir sitzen in Shimla im Bahnhof im wartenden Zug – schiesst unvermittelt ein junger Makakke unter unserem Wagen hervor, springt auf die Auslage eines Kiosks und schnappt sich von einem Kunden eine Tüte Chips, die er in der Hand hält und eben bezahlen will. Wie der Blitz ist der Dieb verschwunden. Provozierend genüsslich essend sitzt er dann auf dem Nebengeleise; die Lacher im Zug auf seiner Seite. Mit unverpackten Früchten und Esswaren unterwegs zu sein, ist nicht ratsam.

Das Farbige, das gefällt uns besonders an Indien.
Das Farbige, das gefällt uns besonders an Indien.
Die Tempel an der Strasse werden fleissig zum Beten aufgesucht. So wie die Inder fahren, sicher notwendig.
Die Tempel an der Strasse werden fleissig zum Beten aufgesucht. So wie die Inder fahren, sicher notwendig.

Fast zweitausend Höhenmeter gibts von Sainj bis Shimla auf 110 km, zudem viel Lastwagenverkehr (und leider Pissewetter für die nächsten Tage). Unser hilfsbereiter Hotelier organisiert ein Pick-up Taxi das uns in gut fünf Stunden nach Shimla bringt. 

Strömender Regen, dicker Nebel und kühle acht Grad, so begrüsst uns der Touristenort in den Bergen auf 2200 m ü.M. Soo gruusig! Was wollen wir hier? Wir freuen uns trotzdem auf eine Woche Pause. Ausschlafen, Wäsche waschen und die Velos putzen und wenn das Wetter sonniger wird, eine Bahnfahrt mit der Shimla-Bahn (erbaut von den Engländern, seit 1903 in Betrieb) nach Kalka, das wäre der Programmvorschlag.


Ab 10.9.

Das Spitital ist grandios schön, fordert aber unsere Kräfte aufs Äusserste.
Das Spitital ist grandios schön, fordert aber unsere Kräfte aufs Äusserste.
Ilse und Bart aus Belgien ticken ähnlich wie wir (auch sie mögen Bier!). Wir geniessen die Zeit mit den beiden sehr.
Ilse und Bart aus Belgien ticken ähnlich wie wir (auch sie mögen Bier!). Wir geniessen die Zeit mit den beiden sehr.

Kurzfristige Routenänderung – ab ins Spitital!

Während den vier Erholtagen in Keylong reissen wir keine Bäume aus, die verdreckten Velos stehen in der Ecke, putzen hat keinen Sinn; wir geniessen gutes Essen (wieder mal ein paar Hühnerbeine, soll heissen, feines scharfes Chicken Masala) und ab und zu ein Bierchen mit Ilse und Bart aus Belgien, die mit den Velos in die andere Richtung strampeln. Radfahren kann sehr erholsam sein!

Interessant, dass viele Velotouren- und Motorradfahrer die Route über das bekannte Spitital nach Shimla wählen oder von dort kommen, also den Rohtangpass und Manali meiden. Wir lassen uns von den begeisterten Schilderungen anstecken und entscheiden uns kurzfristig für die 600 km durchs Spitital nach Shimla; das fällt uns umso leichter, als die Strecke ab Manali sehr viel Verkehr aufweist und uns geraten wird, da ein Taxi oder den Bus nach Kalka zu nehmen. 

Etwas anderes kommt hinzu. Wir haben uns zu unserer eigenen Überraschung fast ein wenig zu Höhenjunkies gemausert, die sich von hohen Pässen nicht abschrecken lassen. Wie unbedeutend der Mensch hier als kleines Würstchen ist, wo er sich ohne Wenn und Aber mit der übermächtigen Natur arrangieren muss. Wir können verstehen, dass die Religion für die Einheimischen bei diesen harten Lebensumständen eine ganz zentrale Rolle einnimmt.

Den Himalaya mit seinen weiten, einsamen Tälern, den stiebenden Wasserfällen, zerklüfteten Graten, grandiosen Schneeriesen und liebenswürdigen, gastfreundlichen Menschen wollen wir noch nicht loslassen; es ist einfach viel zu schön hier! 

Wir tauchen in eine für uns längst vergangene Zeit ein.
Wir tauchen in eine für uns längst vergangene Zeit ein.
Wir kommen nur langsam vorwärts, entdprechend kurz sind die Tagesetappen.
Wir kommen nur langsam vorwärts, entdprechend kurz sind die Tagesetappen.
Zeitweise geht nichts mehr. Mit den Velos haben wir es da einfacher.
Zeitweise geht nichts mehr. Mit den Velos haben wir es da einfacher.

Den Abzweiger vom National Highway 3 ins Chandratal könnte man glatt verpassen, wäre er nicht angeschrieben. Schluss mit Asphalt, jetzt geht es auf staubiger, steiniger Piste weiter. Stehend reiten wir im Schritttempo in Schlaufen zum Chandra River ins Tal, die Arme werden am Abend mehr schmerzen als das Hinterteil. In wenigen Minuten wird der Kopf frei, die stinkenden, lärmenden LKWs und hupenden Pkws sind weggewischt. Wir freuen uns sehr auf das Abenteuer Spitital.

Die „Strasse“ wurde mit schweren Maschinen aus dem Hang gebaggert und nur grob planiert. Verbauungen fehlen, Brücken sind selten, oft müssen wir uns den Weg durch Geröll und Wasser suchen, wenn aus einem Seitental ein reissender Bach Berge von Geschiebe über der Strasse aufgetürmt hat. Auf den nächsten 90 km bleibt das so. 

Ab und zu ein Auto, zwei, drei Lastwagen pro Tag und einige hartgesottene Motorradfahrer, ansonsten lässt uns der Verkehr in Ruhe. Velofahrer mit Gepäck? Wir treffen nur Ernst aus Holland, einen alten Bekannten, zum vierten Mal.

Die vergletscherten Gipfel sind gut 6000 m hoch.
Die vergletscherten Gipfel sind gut 6000 m hoch.

Gerade besondere Umstände machen das Velölen für uns zum einmaligen Erlebnis. Wie hier im indischen Himalaya, inmitten grossartiger unberührter Natur, ist das nur an wenigen Orten weltweit möglich. Dank Wetterglück wird das Bergerlebnis ein ganz besonderes. Unser grösster Reichtum ist, dass wir uns Zeit nehmen dürfen. Wie unvergleichlich schneller sind die Mitreisenden unterwegs, die die tolle Tour in wenige Tage (mit der Royal Enfield und GoPro am Helm) oder Ferienwochen (mit dem Velo) pressen müssen/wollen. Nichts für uns, diese Hetzerei.

 

Die Strasse über den Kunzum La, 4590 m, ins Spitital ist weniger steinig als sie die Tage vorher war und recht gut zu pedalen. Also ein Glückstag für uns, denn wir fahren meist im 13. Gang, d.h. im zweitkleinsten. Allerdings wird auch viel geschoben; kalt pfeift der Wind um die Ohren. Die 11 km bis zum Pass ziehen sich zäh wie Kaugummi. Wie schön könnte die Abfahrt ins Spitital sein, wäre der Weg einigermassen eben, so aber holpern wir wie über rohe Eier ins Tal, immer auf der Hut, dem Abgrund nicht zu nahe zu kommen und vor allem nicht auf die Nase zu fallen. Wer das Besondere sucht, muss sich nicht beklagen.

Die Strasse über den Kunzum La, 4590 m, ins Spitital ist weniger steinig als sie die Tage vorher war und recht gut zu pedalen.
Die Strasse über den Kunzum La, 4590 m, ins Spitital ist weniger steinig als sie die Tage vorher war und recht gut zu pedalen.
Wir nehmen die schmale asphaltierte Nebenstrasse kurz nach Hanse bis Kaza, bleiben so auf der linken Seite des Spiti-Rivers.
Wir nehmen die schmale asphaltierte Nebenstrasse kurz nach Hanse bis Kaza, bleiben so auf der linken Seite des Spiti-Rivers.

Wir folgen dem Tipp anderer Radfahrer und nehmen die schmale asphaltierte Nebenstrasse kurz nach Hanse bis Kaza, bleiben so auf der linken Seite des Spiti-Rivers. Kein Verkehr mehr und ein Leckerbissen der Sonderklasse, wie sich bald zeigt! Der Blick auf den Fluss tief unten, der sich alle Rechte nimmt und breit durch das Tal mäandert, ist der Hammer. Wind und Regen haben aus Molasse und Sandablagerungen spitze Kegel geformt, die uns wie Märchenfiguren links und rechts der Strasse grüssen. Wir nehmen den Umweg gerne in Kauf und dass es nochmals auf 4220 m hoch geht ist kaum mehr der Rede wert. 

In den engen Tälern rund um Chichim und Kibber ist Erntezeit. Weizen, Kohl, Bohnen und anderes Gemüse wächst auf kleinen Terrassen-Feldern, die sich wie bunte Flickenteppiche zwischen den Bergflanken drängen. Jeder einigermassen ebene Quadratmeter wird ausgenutzt – und das auf
4000 m ü.M.!

Einmal mehr haben wir ein glückliches Händchen gehabt und dafür ein Geschenk bekommen, das alle Mühen vergessen lässt. Es ist einfach so genial schön hier!

Die Natur ist und bleibt ein grandioser Baumeister!
Die Natur ist und bleibt ein grandioser Baumeister!

Willkommen im indischen Papier-Bürokratiedschungel!

Kaza ist das einzig grössere Dorf im Spitivalley und zugleich Hauptort. Was aber nicht automatisch heisst, dass es hier (endlich) mal wieder Internet gibt, das auch funktioniert. Für fast alles braucht es Strom, und der macht sich rar (wie übrigens in jedem Dorf hier). Tagsüber kommt mit Glück Saft aus der Dose, meistens aber erst abends. Wer es sich leisten kann, stellt einen Benzingenerator neben den Ladeneingang. 

Kein Strom, kein Benzin an den Zapfsäulen. Kein Bankomat, der Kohle ausspuckt; warmes Bier, kein Drucker und kein Fotokopierer, der seinen Dienst tut und eben auch kein Internet (das nebenbei gesagt, auch mit Strom nicht funktioniert). 

Apropos Drucker. Für das Spitivalley braucht es ein sogenanntes Permit, also eine Reisebewilligung, die an Strassencheckpoints kontrolliert und abgestempelt wird.

Die bekommt man nur in Kaza. Endlich finden wir das Büro, zuerst müssen aber Fotokopien von Pass und Visa her, zusätzlich sind drei Formulare auszufüllen. Die Unterlagen gibts beim nahen Kopiershop. Der stinkende Generator rattert gleich im Eingang und vertreibt mit seinen beissenden Abgasschwaden so manche empfindliche Touristennase. Diesen Dreck der Tourbusse dürfen wir jeden Tag einatmen!

Zurück im Büro heisst es erst mal alles ausfüllen und warten. Blick in die Kamera, aber die funktioniert gerade nicht, ebenso streikt der Drucker (Pit muss morgen wieder kommen und zwei Fotos bringen). Der Beamte tut uns schon fast leid, er tippt alles nochmals mit zwei Fingern von unseren Formularen in den Laptop ein. Später wird das Foto in einen 10 cm dicken Schunken eingeklebt und fein säuberlich mit Namen versehen.

Die österreichische Touristin neben uns fragt den Beamten, ob es Probleme geben würde, weil bei ihr im Permit als Herkunftsland „Australia“ anstatt „Austria“ stehe. No problem, meint der Chef hinter dem Schalter. Ist ja fast dasselbe Land. Wir Schweizer gehen oft auch als Schweden durch.

Hat da irgend jemand mal gesagt, die Inder seien stark in allem, was Computer angeht? Willkommen im indischen Papier-Bürokratiedschungel!


Ab 26.8.

Die gefahrene Strecke ist aktualisiert und unter der Rubrik

"Bereiste Länder und gefahrene Routen" zu finden.

Im Aufstieg zum Taglang La, 5360 m ü.M.
Im Aufstieg zum Taglang La, 5360 m ü.M.
Manali, da wollen wir hin.
Manali, da wollen wir hin.

Bis die Puste ausgeht –

auf dem Manali-Leh-Highway durch den indischen Himalaya

Zeit aufzubrechen. Zehn Tage Akklimatisation auf 3500 m ü.M. sollten reichen. Obwohl, richtig durchatmen fällt nach wie vor schwer; wir kommen uns manchmal unglaublich alt vor.

Erst mal anstehen bei der Tankstelle ausgangs Leh um den Benzinvorrat für den Kocher aufzufüllen. Selber Essen zubereiten sollte nicht nötig sein, aber man weiss ja nie. Jedenfalls ist Notvorrat mit an Bord.

Dass auf der 470 Kilometer langen Tour nach Manali Pässe über 5000 m ü.M. auf uns warten (der höchste gleich am Anfang), lässt uns ahnen, dass Leh noch ruhiges Velofahrer-Nasenwasser war.

Der Verkehr hält sich in Grenzen, wenn da nicht die vielen grünen Lastwagen wären, die Material und Mannschaften in der Region verschieben und die schmale Strasse zeitweise verstopfen. Täglich sind es mehr als hundert grosse Brummer die uns einrussen und in Staubwolken hüllen. Wir husten und niesen was das Zeug hält. Unser Pech, dass Indien

ausgerechnet jetzt (wieder einmal) seine Muskeln gegenüber dem westlichen Nachbarn Pakistan spielen lassen muss, was uns zeitweise das Pedalen arg vermiest.

Wo ist bloss unsere Kondition geblieben? Bei den kleinsten Steigungen keuchen wir wie Dampflocks – das kann ja heiter werden. 

Tikse, wunderschöner Ort, ganz toll gelegen (kurz nach Leh).
Tikse, wunderschöner Ort, ganz toll gelegen (kurz nach Leh).

In Upshi finden wir ein einfaches Homestay. Zimmerpreis ca. zehn Franken. Zum Tagesabschluss gibts einen Ginger-Lemon-Honey-Tea, sehr fein und in der Höhe bekömmlich . . . aber wir geben zu, dass ein kühles Bierli doch mehr unserem Empfinden von Feierabend entsprechen würde. Was solls, die nächsten zehn Tage bleiben wir diesbezüglich völlig auf dem Trockenen.

Dafür ist das Wetter eine Wucht und der Blick auf die schroffen Bergflanken und weissen Gipfel der 6000er rundum schlicht der Hammer! Die Strasse windet sich in sanften Schlaufen, die mit dem Velo gut zu fahren sind, dem ersten Pass, dem Taglang La, zu. Nur an wenigen Stellen gibt es Schotterpisten-Abschnitte, dafür von der ganz üblen, staubigen Sorte. Bautrupps räumen Geröll und mächtige Felsblöcke aus dem Weg, ziehen Stützmauern hoch, nahezu alles in Handarbeit. Arbeitskräfte sind billig, Maschinen teuer. Die brüchigen Bergflanken machen die Bemühungen zur Sisyphusarbeit. Die staubige Schinderei ist nie abgeschlossen. Vermutlich schuften die jungen Typen (und Frauen!) für einen Hungerlohn.

Alte Stupas in der Nähe von Rumtse.
Alte Stupas in der Nähe von Rumtse.
Sie wollen ein Selfie von uns, wir ein Foto mit ihnen und ihrem Truck.
Sie wollen ein Selfie von uns, wir ein Foto mit ihnen und ihrem Truck.

Wie weit noch zur Passhöhe? Drei Tage Schwerarbeit und immer noch kein Ziel in Sicht. Schier endlos windet sich die Strasse über die Bergflanken um irgendwo in der Ferne zwischen zwei Berggipfeln zu verschwinden. Erster Blick auf den Taglang La steht auf der der gelben Steintafel. Phuu, so weit noch?! Wir haben genügend Zeit, ist ja erst kurz nach Mittag (wie wir uns täuschen . . .).

Die Höhe macht uns zu schaffen. Nicht Kopfschmerzen oder Übelkeit plagen uns, vielmehr ist es die Kurzatmigkeit, die viele Verschnaufpausen fordert. Endlich, nach einem 11 Stunden langen Velotag (im Sattel effektiv nur knapp 7 Std.) schieben wir unsere schweren Göppel kälteschlotternd die letzten paar hundert Meter zur Passhöhe. Nein, so auf den Felgen waren wir kaum je vorher. Haben wir uns zu viel vorgenommen, unsere Kräfte überschätzt? Rasch wird es dunkel, kalter Wind fegt über den Taglang La. Welch grossartige Leistung von Bea, die mit letzten Kräften und ohne zu klagen ihr Velo vorwärts wuchtet. Mir schlottern die Knie; ich habe mit den Nerven zu kämpfen. Meine liebe Frau tut mir so leid – haben wir uns zufiel zugemutet? 

Einmal mehr sind die Formen und Farben der Natur atemberaubend schön!
Einmal mehr sind die Formen und Farben der Natur atemberaubend schön!
Das mit dem zweithöchsten Pass stimmt nur bedingt. Im Karakorum, Pakistan, gibt es noch höhere Pässe, die allerdings in militärischem Sperrgebiet liegen, und darum nicht befahren werden können. Trotzdem,  sehr hoch ist der Taglang La auf alle Fälle.
Das mit dem zweithöchsten Pass stimmt nur bedingt. Im Karakorum, Pakistan, gibt es noch höhere Pässe, die allerdings in militärischem Sperrgebiet liegen, und darum nicht befahren werden können. Trotzdem, sehr hoch ist der Taglang La auf alle Fälle.
Der kleine Krishna-Tempel auf der Passhöhe. Das ist die Lösung. Windgeschützt und ein Dach über dem Kopf, was wollen wir mehr.
Der kleine Krishna-Tempel auf der Passhöhe. Das ist die Lösung. Windgeschützt und ein Dach über dem Kopf, was wollen wir mehr.

Halb acht, endlich hat die Schinderei für heute ein Ende. 23 km sind es bis Debring. Noch ins Tal fahren? Kommt nicht in Frage, zu gefährlich, die Strasse zu schlecht, wir ausgelaugt. Um das Zelt bei dem starken Wind aufzubauen, fehlt uns der Mumm. Bea zeigt zum kleinen Krishna-Tempel. Das ist die Lösung. Windgeschützt und ein Dach über dem Kopf, was wollen wir mehr. Kaum eine halbe Stunde später liegen wir in unseren warmen Schlafsäcken im Tempel. Das Nachtessen fällt aus. Nichts geht mehr. Auf 5360 m ü.M. zu übernachten ist ein Blödsinn, den man nicht machen sollte. Heute sind wir mit unserer Zeitrechnung gewaltig auf die Nase gefallen. Wir schlafen trotzdem wie Murmeltiere. Krishna hat uns den Einzug in seinen Tempel offenbar nicht übel genommen.

 

Dörfer im eigentlichen Sinne gibt es hier nicht mehr, lediglich einige Zeltsiedlungen, die die Einheimischen während der kurzen Sommersaison von etwa vier Monaten aufbauen, um ihr bescheidenes Einkommen aufzubessern. Einfachster Komfort, Strom, wenn überhaupt vorhanden, nur stundenweise vom Dieselgenerator oder solar, kein Telefon, Internet ist hier in Witz. Wir geniessen die Gastfreundschaft mit wenigen anderen Touristen. In Debring versuchen wir der aufgestellten Köchin beizubringen, wie man ein Spiegelei brät. Unter viel Gelächter gelingt das Kunststück. Immer nur Omelett zum Frühstück – das hängt irgendwann zum Halse heraus.

Viele Familien leben mit ihren Schaf-, Ziegen- und Yackherden als Nomaden in sehr bescheidenen Verhältnissen, trotzen den kalten langen Wintern. In Whiskey Nala (die Siedlung heisst wirklich so!) kommen wir ausnahmsweise in den Genuss einer hocheffizienten Zelt-Heizung. Der stolze Wirt befeuert den Kanonenofen mit trockenem Schafsdung bis das Ofenrohr glüht. Unglaublich, welch eine Hitze der Ofen abgibt (und wie wertvoll Schei . . . sein kann)!

Leider können wir die Schrift nicht lesen.
Leider können wir die Schrift nicht lesen.
Für uns ist der Taglang La gleich zu Beginn der Tour der höchste Pass.
Für uns ist der Taglang La gleich zu Beginn der Tour der höchste Pass.

Pang, das kleine Nest im engen Talkessel, liegt hinter uns. Auch der Geburtstag von Bea, der diesmal ohne gute Wünsche von Daheim ganz bescheiden „gefeiert“ wurde. Die enge Schlucht mit ihren bizarren Felsformationen ist atemberaubend schön. Überhaupt zeigen sich die Landschaften jeden Tag anders, das Pedalen wird nie langweilig. Die Kargheit der weiten unberührten Bergtäler hat etwas Faszinierendes, das uns immer wieder begeistert und staunen lässt. Heute nehmen wir den Lachung La, 5090 m, unter die Räder. Durch die steile Felswand vor uns führt ein ausgesprengtes Band das sich links durch grosse Felsblöcke und steile Geröllhalden fortsetzt. Wenig Vertrauen erweckend. Sieht nach einer ehemaligen Strasse aus. Unvermittelt tauchen zwei Lastwagen in der Felswand auf! Das IST unsere Strasse! Einmal mehr staunen wir über die Fahrkünste der LKW-Fahrer und den Mut der Strassenbauer. Ist die Strasse allzu sehr ausgesetzt – manchmal fällt der Berghang einige hundert Meter steil ab - halten wir uns beim Kreuzen mit Lastwagen und Autos sicherheitshalber an die Bergseite. 

Ein Eisriese, den wir nicht kennen.
Ein Eisriese, den wir nicht kennen.
Volle Konzetration beim Fahren ist ein Muss, vor allem wenn Lastwagen entgegen kommen. Die Strasse ist meist einspurig.
Volle Konzetration beim Fahren ist ein Muss, vor allem wenn Lastwagen entgegen kommen. Die Strasse ist meist einspurig.

Rücksicht auf der Strasse darf man in Indien übrigens nicht erwarten. Der Stärkere hupt den Schwächeren gnadenlos aus dem Weg. Erst aufs Horn, dann denken. Die Hupe ist nach dem Lenkrad und dem Gaspedal das wichtigste Instrument der indischen Autofahrer. Das führt bisweilen zu Situationen, bei denen der Europäer fest auf die Zähne beissen muss, um nicht auszuflippen. Müssen wir z.B. mit dem Velo eine kurze verschüttete Engstelle mühsam schiebend passieren, vielleicht noch durch Wasser, hat der Inder kein Verständnis, dreissig Sekunden warten zu müssen. Hooorn! Hooorn! Hooorn!

49 km sind es bis nach Sarchu. Unsere Tagesetappen sind übrigens im Durchschnitt kaum länger als 35 Kilometer. Schlechte und unasphaltierte Strassenabschnitte, Baustellen, Wasser und Lastwagenkonvois, die zum Warten zwingen, machen das Vorwärtskommen mühsam. Und natürlich die vielen Pausen, ohne die es für uns nicht geht. Heute morgen geraten wir buchstäblich zwischen die Fronten. Das Kreuzen der Laster wird zur Zentimeterarbeit, immer den Abgrund im Blick, versuchen wir uns so dünn wie möglich zu machen. Ungemütlich! 

Yun und Kim aus Südkorea sind seit Monaten in Indien unterwegs.
Yun und Kim aus Südkorea sind seit Monaten in Indien unterwegs.

Der Baralacha La, zweitletzter Pass vor Manali, hält auf der Passhöhe eine besondere Überraschung bereit: hier blühen neben anderen schönen Blumen viele Edelweiss! Kleinod, das uns Velölern vorbehalten bleibt. Busse und Motorradfahrer brausen achtlos daran vorbei. Einmal mehr wissen wir, warum wir uns die ganzen Mühen und Entbehrungen antun. Eben genau wegen solchen Momenten in grandioser Natur, die uns niemand mehr nehmen kann. 

Vergessen ist ein Vorfall gestern, der mich unglaublich staubig gemacht hat. Wir sahen erstmals Murmeltiere dank einem indischen Motorradfahrer. Er warf mit Steinen nach den Tieren und das Wegfahren ging nicht ohne langanhaltenden Hornton. Ich habe ihm eine verbale Ladung um die Ohren gehauen, die sich gewaschen hat. So ein oberdummes Arschloch!

Wo wohl die Strasse durchführt?
Wo wohl die Strasse durchführt?
Hier brauchen Lastwagenfahrer gute Nerven.
Hier brauchen Lastwagenfahrer gute Nerven.

Keylong. Heute gibts nur eine kurze Tour. Nach elf Tagen ohne Pause ist die Luft buchstäblich draussen. Wir freuen uns auf velofreie Tage, eine heisse Dusche (nach etlichen Tagen ohne . . .), ein Bett und gutes Essen. Wir stehen am Morgen abfahrbereit in Jispa, da winkt und ruft uns schon von weitem eine junge Velofahrerin auf Berndeutsch zu „Hallo zusammen, endlich treffen wir euch!“. Hä? Seit Tagen haben Sarah und Andy von Einheimischen gehört, dass da zwei Schweizer vor ihnen fahren. Wir geniessen mit Sarah, Andy und den Deutschen Klaus und Martin gemütliche Stunden beim Velosophieren in Keylong. Auch das muss sein!

Mit Klaus und Martin aus Deutschland und Sarah und Andy aus Kriens geniessen wir tolle Stunden beim Velosophieren. Später stossen noch Ilse und Bart aus Belgien dazu. Gemütliche Stunden, die wir sehr geniessen!
Mit Klaus und Martin aus Deutschland und Sarah und Andy aus Kriens geniessen wir tolle Stunden beim Velosophieren. Später stossen noch Ilse und Bart aus Belgien dazu. Gemütliche Stunden, die wir sehr geniessen!
Ab Keylong wird es deutlich grüner. Wir haben nichts dagegen.
Ab Keylong wird es deutlich grüner. Wir haben nichts dagegen.

Indien

 

Wenn Velofahrer fliegen

Delhi, Indira Gandhi International Airport. Missmutig und ratlos stehen wir mit all unserem Krempel bei den Taxiständen herum. Bis nach Delhi hat alles prima geklappt, die Immigration ging unbürokratisch schnell, das ganze Gepäck ist angekommen. Auf keiner Flugreise vorher kamen die Kartonschachteln mit den Velos in so einem guten Zustand an, hilfsbereite Hände überall. Und nun das. Entgegen der Zusicherung von Finnair, dass das Gepäck bis Leh im Norden Indiens durchgereicht wird, müssen wir hier alles auschecken, ins Hotel nahe beim Flughafen transportieren und morgen spätestens um 05.30 Uhr wieder alles einchecken. Genau das wollten wir bei der Buchung vermeiden! Bereits heute bei der indischen Fluggesellschaft Vistara einchecken? Fehlanzeige, vor morgen früh geht gar nichts. Vorschrift ist Vorschrift.

Was nun folgt, macht richtig Freude – nicht zum ersten Mal: Wie findet man ein Taxi, das die beiden grossen Veloschachteln, das umfangreiche Gepäck und irgendwo dazwischen gequetscht uns zwei transportieren kann? Ein kleiner Inder mit grossem Kombi erbarmt sich. Die Schachteln mit den Velos sind etwas zu lang, „no problem“, die Heckklappe bleibt offen. Was solls, aber dass er das Gepäck aufs Dach wuchtet und treuherzig meint, eine Sicherung sei nicht nötig, er fahre sehr vorsichtig, gefällt uns überhaupt nicht. Der Schweiss fliesst in Strömen, nicht nur wegen der unbarmherzigen Hitze. Tempi passati. Es klappt, nichts fliegt.

Nach viel Palaver, einigem hin und her – der Taxifahrer hat es nicht eilig, dafür sitzen wir auf Kohlen - und dem obligaten „no problem“ checken wir zügig ein (die Velos reisen gratis!), geniessen den tollen Flug über den verschneiten Himalaya und landen eine gute Stunde später im kleinen Städchen Leh. Die Bergflanken zogen nach einer steilen Linkskurve beim Landeanflug bedrohlich nah am Flieger vorbei (wohl nur für uns); yeah, nach fast zwei Tagen ist die Flugreise (endlich) zu Ende! Einfach grandios, hier sein zu dürfen, aber viel, viel grösser ist die Vorfreude auf das Velofahren durch den bis zum Himmel reichenden Himalaya.

Landeanflug. Leh liegt in einem Talkessel auf 3500 m ü.M.
Landeanflug. Leh liegt in einem Talkessel auf 3500 m ü.M.
Bummeln in Leh. Uns gefällt die Kleinstadt in äussersten Norden von Indien.
Bummeln in Leh. Uns gefällt die Kleinstadt in äussersten Norden von Indien.

Leh liegt im Bundesstaat Jammu und Kashmir. Der indische Bundesstaat ist Teil der zwischen der Volksrepublik China, Indien und Pakistanumstrittenen Region Kaschmir. Der von Indien kontrollierte Teil hat ca. 13 Millionen Einwohner.

Die indische Verfassung räumte Jammu und Kashmir unter den indischen Bundesstaaten eine Sonderstellung mit weitreichender innerer Autonomie ein. Am 5. August 2019 wurde dieser Passus aus der Verfassung gestrichen. Gleichzeitig erklärte die indische Regierung ihre Absicht, den Bundesstaat auflösen und in zwei Unionsterritorien aufteilen zu wollen.

 

Ein völlig anderes Indien erwartet uns. Nach dem vermüllten, düsteren, nach Armut stinkenden Stadtteil nahe des Flughafens Delhi mit seinen vielfach offenen Abwassergräben, dem lauten Verkehrschaos mit ohrenbetäubendem Gehupe – nach Europa wie ein Schlag in die Magengrube - sind wir hier in Ladakh in einer anderen Welt gelandet. 

Mit schönen Schnitzereien verzierte Häuser, saubere Strassen, farbige Märkte, kleine Gassen, viele Restaurants mit leckerem Essen, kaum Abfall, freundliche Bewohner und ein erträglicher Touristenstrom. Dass uns anfangs Kopfschmerzen plagen – Leh liegt auf 3500 m ü.M. - ist dem raschen Anstieg ins Gebirge geschuldet. Jetzt heisst es erst mal viel trinken (Alkohol ist gestrichen!) und die nächsten Tage abhängen. Akklimatisieren braucht Zeit, kein Problem bei der Bergkulisse . . . und dem, was hier in Ladakh auf den Tisch kommt!

 

Leh, ca. 30'000 Einwohner, ist Verwaltungssitz des gleichnamigen Distrikts und Hauptort der Region Ladakh und gehört zu den höchstgelegenen ständig bewohnten Städten der Erde. Bei der Flutkatastrophe im Sommer 2010 wurden weite Teile der Stadt verwüstet. Es herrscht ein raues Wüstenklima. Die jährliche Niederschlagsmenge beträgt nur etwa 103 mm. Die Jahresdurchschnitts-temperatur liegt bei 5,3°C. Im Winter wird es bis −20°C, im Sommer bis 24°C. Die Sommer sind kurz und die Winter lang und kalt.

Einfach himmlisch! Momos, mit allem Möglichen gefüllte Teigtaschen und scharfe Sauce.
Einfach himmlisch! Momos, mit allem Möglichen gefüllte Teigtaschen und scharfe Sauce.
Kloster oberhalb Leh.
Kloster oberhalb Leh.

Von unserem kleinen Hotel haben wir einen grandiosen Blick auf die verschneiten 6000er-Gipfel rundum. Nach zwei Tagen Pissewetter mit miesen 8°C tagsüber und kalten Nächten nahe am Gefrierpunkt (Geheiztes Zimmer? Vergiss es!) lassen wir uns die Sonne gefallen, ja es ist geradezu heiss. Leh gefällt, von Tag zu Tag fühlen wir uns besser. Pit entwickelt geradezu ungeahnte Kräfte. Beim Montieren der Lenkerstange – der Lenker muss für den Flugtransport demontiert werden – zieht er die Schrauben zu fest an, die Aluplatte bricht. Ersatz zu finden, kann man hier vergessen. Im kleinen Hier-findest-du-alles-Laden in der Altstadt kaufen wir zwei Metallbrieden und reparieren notdürftig. Mit der nötigen Vorsicht sollte das Gebastel bis Nepal halten, dort erwarten wir mit Glück Ersatz. Fluchen und sich nerven bringt wenig, sowieso, wenn man den Mist selber verbockt hat. Trotzdem, Schei . . . !!

Einmal auf dem Höchsten stehen - Ausflug zum Khardung La

Man kann Gebirgspässe erwandern, mit dem Velo schweisstreibend erklimmen oder ganz bequem und unspektakulär motorisiert erobern. Für den auf ca. 5360 m ü.M. liegenden Khardung La, 39 km nördlich von Leh, buchen wir einen Touri-Jeep-Trip zu zweit, eigentlich nicht nach unserem Geschmack, aber irgendwie vernünftig, wie wir meinen. Vielleicht ist es auch Respekt vor den Strapazen, die uns auf dem Manali-Leh-Highway erwarten und ein Test, wie gut wir mit so grossen Höhen klar kommen. Was auch immer, die Tour hat unheimlich Spass gemacht und die Vorfreude auf das Kommende noch erhöht!

Über weite Schlaufen windet sich die staubige Passstrasse zum Khardung La. Heute sind viele Armeelastwagen unterwegs.
Über weite Schlaufen windet sich die staubige Passstrasse zum Khardung La. Heute sind viele Armeelastwagen unterwegs.
Blick vom Khardung La Richtung Pakistan. Hinten schneebedeckt das Karakorum-Gebirge.
Blick vom Khardung La Richtung Pakistan. Hinten schneebedeckt das Karakorum-Gebirge.
Weit unten im Talkessel liegt Leh. Unsere Strecke nächste Woche führt irgendwo links durchs Gebirge.
Weit unten im Talkessel liegt Leh. Unsere Strecke nächste Woche führt irgendwo links durchs Gebirge.

Der Khardung La gehört zu den höchsten befahrbaren Gebirgspässen der Erde und ist darum sowohl bei Touristen als auch bei Einheimischen als Tagesausflugsziel sehr beliebt. Auf den letzten Kilometern ist die meist einspurige Strasse nicht asphaltiert und in einem sehr schlechten Zustand. Felsbrocken und tiefe Löcher fordern die Fahrer und mehrmals ziehen wir beim Kreuzen mit LKWs instinktiv den Kopf ein – näher gehts nimmer. Heute begegnen uns zudem Dutzende verwegene Royal Enfield-Reiter, eingehüllt in Staubwolken. Auf Töfffreeks muss der hohe Pass eine besondere Anziehung ausüben, wie es scheint.

 

Aus strategischen Gründen – die pakistanische Grenze ist nur 180 Autokilometer entfernt - versucht die indische Armee den Passübergang ganzjährig offen zu halten. Die Strasse ist oft auch im Sommer durch Schneefälle und wegen der schlechten Bereifung der Fahrzeuge schwer passierbar.

 

Übrigens wird die Passhöhe offiziell mit 5602 m angegeben, was gemäss unabhängigen Messungen zufolge nicht stimmt. Das kümmert die Inder wenig, wer lässt sich schon gerne den welthöchsten befahrbaren Gebirgspass wegnehmen?!

Jede kleinste Anstrengung wird zur Schwerarbeit. Gegenüber Meereshöhe ist hier die Leistungsfähigkeit nur noch halb so gross.
Jede kleinste Anstrengung wird zur Schwerarbeit. Gegenüber Meereshöhe ist hier die Leistungsfähigkeit nur noch halb so gross.