Spaniens Extremadura, unbekanntes Portugal

Die Extremadura, wie die Region heisst, in der wir nun pedalen und der die Provinzen Cáceres und Badajoz angehören, ist im Süden nur sehr dünn besiedelt. Weinbau und Olivenhaine setzen Farbtupfer in die sonst karge, braungraue Landschaft, die mehr Land als die Schweiz umfasst. Die wenigen Dörfer, durch die wir fahren, hinterlassen den Eindruck, als wären nach einem grossen Exodus nur ein paar Senioren zurückgeblieben. Werden wir von den wenigen Alten auf der Strasse entdeckt, dreht man sich mehrmals um, ganz so, als würde man nicht glauben, dass sich Fremde hierhin verirren. Wer könnte es den Jungen verübeln, dass sie sich in der Fremde auf Lohnlisten setzen lassen. Für uns sind die grandiosen Weitblicke, die die Landschaft gewährt, umwerfend schön. Aber hier leben . . 

Geschälte Korkeichen in der Extremadura.
Geschälte Korkeichen in der Extremadura.

„House of the Dragon“ für Velofahrer

Zum besonderen Leckerbissen wird das kleine Städtchen Caceres, ca. 240 km südlich von Salamanca, wegen seines weitgehend erhaltenen Mittelalter-Stadtkerns. Seit 1986 wird die Stadt im UNESCO-Welterbeverzeichnis aufgeführt. Zwischen den mächtigen Mauern, wehrhaften Türmen, stattlichen Häusern, Kirchen und in den engen Gassen fühlen wir uns tatsächlich ins 12. Jahrhundert zurückversetzt. Kein Wunder, hat die Filmcrew der Nachfolgeserie von „Game of Thrones“, „House of the Dragon“, die Altstadt zur Filmkulisse bestimmt, in der die Touristen an jeder Ecke über Kabel stolpern, ihnen nicht überall Zutritt gewährt wird, sie dafür jede Menge Fotoobjekte der besonderen Art finden. Was ist an Bühnenarbeitern, Pferdefuhrwerken, Weinfässern, Strohballen, riesigen Kränen und Hebebühnen so spannend? Sie gehören zum Filmset „House of the Dragon“! Nichts ist sicher vor den Smartphonelinsen. Und wir Banausen, die „Game of Thrones“ nur dem Namen nach kennen, mittendrin. Nein, nicht wirklich im Schwerter schwingenden Schlachtengetümmel, aber ganz, ganz nah an einer Statistenrolle. Meinen wir jedenfalls.

Seit Tagen treten wir auf der N630, wechseln nach Caceres bis zum Grenzort Badajoz auf die N523. Der Lastwagenverkehr nimmt zu; wir werden aber rücksichtsvoll mit dem nötigen Abstand überholt. Wir nehmen die langen, eintönigen Geraden auf der Hauptstrasse entlang der Autobahn in Kauf, um möglichst rasch südlicher, an die Wärme zu kommen. Palmen in den Vorgärten, Kakteen und ab Mittag angenehme 23 Grad bestätigen, dass die Richtung stimmt. Endlich wieder in Shorts pedalen! 

Die abgeernteten Felder leuchten oft in verschiedensten Farben.
Die abgeernteten Felder leuchten oft in verschiedensten Farben.

Unbekanntes Portugal

Ausser einem Städtetripp vor etlichen Jahren nach Lissabon, ist uns Portugal unbekannt. Der Verkehr über Land bleibt dürftig, wenn auch hier, wie in Spanien, kräftig aufs Gaspedal gedrückt wird. Überhaupt sind Autos für Portugiesen wichtig, ähnlich wie für die Spanier. Deutsche Autobauer und teurere Modelle stehen hoch im Kurs. Die Sternedichte auf der Strasse macht der am Nachthimmel durchaus Konkurrenz. Wichtigste Lebensversicherung bleibt für uns Velöler der Rückspiegel. Der seitliche Abstand stimmt (meistens), ausser wenn beim Rechtsabbiegen gedankenlos der Weg abgeschnitten wird. Entspanntes Velofahren? Nein, zumindest nicht auf den grösseren Strassen Portugals.

Sicht vom Städtchen Elvas, Portugal, Richtung Spanien.
Sicht vom Städtchen Elvas, Portugal, Richtung Spanien.

Eindruck machen die enorm grossen Olivenhaine. Portugal hat den Olivenanbau modernisiert und könnte in den nächsten Jahren zum drittgrössten Olivenölproduzenten der Welt aufsteigen. Wie schon in Spanien dominieren Steineichen- und Korkeichenwälder. Das Iberische Schwein, ganzjährig im Freien gehalten, vertilgt bis zu 10 kg Eicheln pro Tag. Die Baumfrüchte verleihen dem Fleisch seinen typischen, unvergleichlichen Geschmack. 

Heute übernachten wir in einer ehemaligen Getreidemühle mit angegliedertem Museum. Zum Feierabendbier serviert uns die Wirtin eingelegte Körner/Bohnen(?), die an Mais erinnern. Das Internet meint, dass wir Samen der Süsslupine probieren. Schmecken gut, die Dinger. Während ich nasche, liest Bea „Lupinen gehören zu den 14 wichtigsten Allergenen. Nach dem Verzehr von Lupinen kann es zu schweren allergischen Reaktionen kommen.“ . . . . Wie viele habe ich schon vertilgt?! „Betroffen sind vor allem Erdnussallergiker, die eine Kreuzallergie zu Lupinen und anderen Hülsenfrüchten aufweisen“. . . . Uuähh, Allergien? Kennen wir glücklicherweise nicht, aber falls? . . „Ein anaphylaktischer Schock kann zum Tod führen!“ . . . Die letzte Bohne bleibt mir buchstäblich im Hals stecken. Wir lassen den Rest stehen, irgendwie schmecken die Dinger doch nicht so gut. Habe ich das Gefühl. 

Setubal an der Küste

In Setubal, 30 Kilometer südöstlich von Lissabon, hat es uns die Altstadt angetan. Zumindest der Teil, den die Touris erkunden. Einige Gassen weiter sind etliche Häuser in sich zusammengefallen, nur nackte Fassaden lassen ehemaligen Glanz hinter Unkraut und Müll erahnen. Hier wird Armut sichtbar und riechbar. Schweizer Tagestouristen, die wir in „unserem“ Restaurant treffen meinen, das mache den Charme des Viertels aus. Die Einheimischen sehen das bestimmt auch so . . .

Der Wetterverantwortliche hat den Schalter für die nächsten Tage auf Nass und sehr windig umgelegt. Zumindest bleiben die Temperaturen angenehm. Die Abschnitte ohne Asphalt, auf die wir uns eigentlich gefreut haben, lassen wir zugunsten der Strasse rechts liegen. Keine Lust auf neuerliches Festfahren in Lehmpappe und Sand. Das Pedalen bleibt über weite Strecken eintönig. Je mehr wir uns der Algarve nähern, desto mehr Wohnmobile aus D, den NL und der CH überholen uns. Darf ein als Berner Oberländer geborener Wahlluzerner Zürcher im Wohnmobil grüssen? Wenn sie zurückwinken, sowieso!:) 

Heute morgen lesen wir im Internet, dass in Caceres, Spanien (da waren wir) aus einem Nobelrestaurant-Winkeller (ganz in der Nähe unserer damaligen Wohnung!) von einem Pärchen mit (vermutlichen gefälschten) Schweizer Pässen(!) 45 Flaschen äusserst edler, alter Tropfen im Wert von ca. 2 Millionen Euro gestohlen wurden! Unsere Saggoschen sind sonst schon zu schwer, wie hätten wir das anstellen sollen? Sachen gibts . . .


Ab 23.9.2021

Zuerst steil runter, dann mühsam hoch. Der Pilgerweg im Rioja ist zeitweise sehr, sehr anstrengend zu fahren, resp. zu schieben.
Zuerst steil runter, dann mühsam hoch. Der Pilgerweg im Rioja ist zeitweise sehr, sehr anstrengend zu fahren, resp. zu schieben.

Spannendes Spanien

Ein letzter wehmütiger Blick zurück aufs Meer – erst in Portugal werden wir den Atlantik wieder sehen - über den Fluss Bidasoa und wir fahren in Spanien. Französische Grenzer kontrollieren alle Einreisenden. Die Spanier lassen sich erst nicht blicken, aber plötzlich kommt Hektik auf. Polizisten laden Warnschilder, Leitkegel und eine furchteinflössende Nagelsperre aus. Wir haben bestimmt nichts ausgefressen, tauchen trotzdem zügig in den Radweg am Fluss ein. 

Nach wenigen Kilometern ist unsere Reisewelt eine verblüffend andere. Dichter Laubwald, tiefgrüne Wiesen, Kühe, behäbige Bauernhöfe, die im Bündnerland oder in Allgäu stehen könnten. Mehrere Gänsegeier kreisen über unseren Köpfen, nisten vermutlich in den steilen Hängen des engen Tales. Einmal mehr haben wir das Gefühl, dass Landschaften die Menschen prägen. Spanien und Frankreich lassen sich wohl nicht vergleichen. Wir sind gespannt, was in den nächsten Wochen auf uns zukommt. Der Radweg führt durch Tunnels die verraten, dass hier mal eine Bahn fuhr. Erst nachdem wir unsere Lampen hervorkramen und uns ins erste finstre Loch vortasten, geht wie von Zauberhand das Tunnellicht an. 

Nach einer ruhigen Nacht in einem einfachen Hotel für Lastwagenfahrer gehts am ersten Spanientag richtig zur Sache. Der Puerto de Artesiaga, 845 m, verdient die Bezeichnung Pass eigentlich nicht wirklich; wir spüren aber, dass die Pyrenäen kein einfacher Fahrspass werden. Die immer gleichmässig steile Strasse lässt Velofahrer kaum verschnaufen. Dafür entschädigt der Artesiaga mit grandiosen Ausblicken und verschont uns mit Verkehr.

In Eugi, am gleichnamigen Stausee, sind alle Zimmer besetzt. Acht Kilometer später schlagen wir bei der ersten Gelegenheit zu. In den nächsten Wochen gehört das Vorreservieren von Zimmern zur täglichen Büroarbeit, besonders dort, wo der Pilgerweg nach Santiago de Compostela unsere Route kreuzt. Zum Zelten können wir uns bei den kalten Temperaturen nicht erwärmen. 

Die Morgenkälte mag Bea gar nicht, . . .
Die Morgenkälte mag Bea gar nicht, . . .
. . . und ist es zusätzlich noch neblig-feucht, hoffen wir auf einen baldigen Kaffeehalt.
. . . und ist es zusätzlich noch neblig-feucht, hoffen wir auf einen baldigen Kaffeehalt.
Kathedrale von Leon.
Kathedrale von Leon.

Pamplona und weiter nach Westen

Die Hauptstadt der Provinz Nvarra kennt man vor allem wegen der im Juli stattfindenden Stierläufe. Auch wenn wir nicht vor Stieren davonrennen, kommen bei den Stadtrundgängen doch etliche Kilometer zusammen. Uns gefällen die Städte, auch wenn wir die Kathedralen von Burgos, Léon und Salamanca nicht von innen sehen. Eintritt in eine Kirche bezahlen wir aus Prinzip nicht. Wie schon in Frankreich ist der Kaffee in Spanien stark und gut, und bestellt man einen Negro (schwarzen Kaffee), regt sich hier niemand auf. Mühsam ist für uns Velofahrer, dass in Spanien das Nachtessen in der Regel erst ab 21 Uhr auf den Tisch kommt. Nach Stunden ermüdendem Pedalen schlicht zu spät. Zum Feierabend-Bier oder Glas Wein gibt es vielfach Tapas; wir wären aber eher betrunken als dass wir von diesen Häppchen satt würden. Gewöhnungsbedürftiges Spanien.

Auf den nächsten Etappen um Logrono und Burgos begeistert die weite, karge Landschaft im Rioja mit Weinbergen und riesigen Feldern, die uns an ähnliche Landstriche in Argentinien und Chile erinnert. Nicht bewusst war uns, dass der Radweg auf weiten Strecken mit dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela identisch ist. Wir staunen, wie viele Wallfahrer jetzt im Herbst unterwegs sind. (Massenweise Amerikaner, was doch irritiert, dürfen Europäer nach wie vor nicht in die USA einreisen). Immerhin sind es von Pamplona bis ans Ziel immer noch 730 km Fussmarsch mit etlichen Höhenmetern und die Temperaturen zeitweise im Keller (heute Morgen magere 4°C). Wir werden zu Pilgerern wider Willen, lassen uns den Pilgergruss „buen camino!“ aber gerne gefallen. Ansonsten bleiben Pilgerer und die wenigen Velofahrer unter sich. 

Solche Weitblicke hatten wir sehr langer Zeit nicht mehr, wie hier im Rioja. Wunderschön!
Solche Weitblicke hatten wir sehr langer Zeit nicht mehr, wie hier im Rioja. Wunderschön!

Wir fahren weite Strecken auf unasphaltierten Wegen. Sind sie trocken, rollt es prima, bei Regen, wie vor vier Tagen, wird es klebrig-morastig und unvermittelt geht nichts mehr. Einen Augenblick nicht aufgepasst und wir stecken fest. Kein Vorwärts- und Rückwärtsrollen. Alles blockiert. Lehm, Steine und Gras zwischen Schutzblechen, Reifen und Bremsen. Mit der Pappe könnte man Häuser bauen. Nach einigem Herumstochern (und fluchen) retten wir uns auf die nächste Strasse und – wie herrlich – beschert ein Gewitterregen und das anschliessende Pedalen durch grosse Pfützen eine erste Wäsche. Feinwäsche dann bei einem Klosterbrunnen. Die Göppel waren seit Monaten nicht mehr so sauber! Jetzt gehts rasch südwärts, Salamanca zu.