Ab 6.9. 2017

Cobacabana am Titicacasee.
Cobacabana am Titicacasee.
Ungemütlich, wenn Windhosen viel Sand aufwirbeln. Dieses Phänomen sehen wir oft.
Ungemütlich, wenn Windhosen viel Sand aufwirbeln. Dieses Phänomen sehen wir oft.

La Paz

Drei Tage La Paz reichen. Wir haben die Visen um 30 Tage verlängert und Lebensmittel für gut eine Woche gebunkert, Bea hat neue Schuhe gekauft und sich einen flotten Haarschnitt verpassen lassen und nicht zuletzt war das Essen beim Mexicaner Extraklasse. Ja, wir haben uns erholt und es uns gut gehen lassen.

Wie wirkt Bolivien auf uns? Es gibt von allem weniger als in Peru, ausser Müll.

Abfall begleitet uns auf der ganzen Strecke nach Oruro, fliegt uns mit Windböen um die Ohren. Vor allem um Dörfer und in den Vorstädten von La Paz und Oruro ist die stinkende, von Hunden überlaufene Sauerei einfach grauenhaft. Sehr angenehm ist, dass das dämliche Gehupe (fast) gänzlich aufgehört hat und die Bolivianos im Strassenverkehr Rücksicht auf uns nehmen und mit genügend Abstand überholen. Überhaupt haben wir das Gefühl, dass das Leben allgemein ruhiger verläuft als in Peru. Die Bolivianos begegnen uns freundlich, wenn auch zurückhaltender als die Peruaner (in den Städten). In kleinen Dörfern, wohin sich kaum je ein Gringo verirrt, spüren wir dafür eine umso grössere Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft. Woher? Wohin? Ihr müsst die und die Strasse nehmen, gute Reise, Gott sei mit euch! Jede und jeder will uns zum Abschied die Hand schütteln. Das geht ans Herz.

Einkaufen und Übernachten gestalten sich deutlich schwieriger als in den Monaten zuvor weil es ausserhalb der Städte nur kleinste Läden mit sehr bescheidenem Angebot (wenn überhaupt) und fast keine Residencials (Hostals) gibt.

Über die langweiligen 230 Kilometer Geraden mit mässigem Verkehr auf der vierspurigen Bolivia 1 bis Oruro gibt es wenig zu sagen. Wir hauen die Strecke in zweieinhalb Tagen herunter. Ungemütlich wird es am zweiten Tag. Ein heftiges Gewitter rückt uns nah auf die Pelle und bei jedem Donnerkrachen ziehen wir die Köpfe auf unseren Stahleseln ein. Hoffentlich verirrt sich kein Blitz. Hier auf dem topfebenen, baumlosen Altiplano spielen allenfalls Leitungsmasten Blitzableiter.

Irgendwo in einem kleinen Nest erleben wir das, was andere Bolivien-Velofahrer beschrieben haben. Wir stehen vor einer Tienda, möchten eine Kleinigkeit einkaufen. Frau beachtet uns nicht, will uns offenbar nichts verkaufen, die Türe zum Nebenraum fällt vor Beas Nase ins Schloss. Kein Problem, wir gehen zur Selbstbedienung über. Unglaublich wie schnell la Signora ihren dicken Hintern vom TV-Gerät wegbewegen kann. Na also, geht doch!

Grosses Glück! Wir sehen einen Nandu (könnte sich um einen Jungvogel des Darwin-Nandu handeln).
Grosses Glück! Wir sehen einen Nandu (könnte sich um einen Jungvogel des Darwin-Nandu handeln).

200 Kilometer bis Sabaya, kurz vor der chilenischen Grenze. Die gut ausgebaute Strasse ohne nennenswerten Verkehr verläuft fast immer flach und weil sich kaum Hügel in den Weg stellen löst sie sich nach schier endlosen Geraden oft einfach irgendwo am Horizont auf. Die ausgedehnte Pampa bevölkern hunderte Lamas und kleine Gruppen Vikunjas. Ausser zähe Andengrasbüschel (Ichu) und niederes Buschwerk wächst hier auf 3700 m ü.M. nichts mehr.

Langweiliges Pedalen, könnte man denken. Nicht für uns. Wir saugen die Ruhe auf dem gigantisch weiten Altiplano auf wie Schwämme, lassen die karge und doch faszinierende Landschaft auf uns wirken. Selten gibt es eine Handvoll Häuser und wieder mal Menschen. Nach dem städtischen Trubel hat das Alleinsein etwas sehr Beruhigendes.

Erst am späteren Abend legt sich der Wind.
Erst am späteren Abend legt sich der Wind.

Windgeschützte Zeltplätze zu finden, ist verständlicherweise nicht einfach. Der beste Freund der Radfahrer kann sich hier richtig gut austoben, was er ausgiebig und aus allen Richtungen tut, aber uns kann er die Laune trotzdem nicht verderben. Am zweiten Abend bleibt trotz längerem Suchen nur ein ungeschützter Zeltplatz in der Pampa übrig. Heftig rüttelt der Wind am Zelt und versucht immer wieder die Benzinkocherflamme auszublasen. Irgendwann sind die Teigwaren pampig weich und die Fleischbällchen wenigstens warm, dafür das Bier eiskalt. Egal, wir futtern mit Appetit. Nachts fällt das Thermometer immer deutlich unter Null; die Wasserflaschen müssen mit ins Zelt, sonst gibt’s am nächsten Morgen keinen Kaffee.

Am 11. September ist es soweit: Wir sind seit Reisebeginn im Herbst 2012 genau 50'000 Kilometer pedalt. Das Feiern wird mangels einer guten Flasche Wein auf später verschoben, eine innige Umarmung gibt es trotzdem.

99 + 49'901 Kilometer gefahren. Genau hier und heute am 11. September 2017 haben wir 50'000 Velokilometer auf dem Zähler!
99 + 49'901 Kilometer gefahren. Genau hier und heute am 11. September 2017 haben wir 50'000 Velokilometer auf dem Zähler!

Bolivien

Morgen Mittwoch, 6. September, pedalen wir weiter südwärts. Wir freuen uns auf den Salar de Coipasa und den Salar de Uyuni und anschliessend ganz besonders auf die legendäre Lagunenroute bis nach San Pedro de Atacama in Chile. Wir hoffen, dass wir genügend Lebensmittel dabei haben und die grossen Höhen und kalten Nächte gesund überstehen. 

Während gut drei Wochen sind wir schlecht oder gar nicht erreichbar.