Ab 19.10. 2017

Unterwegs auf der RN 68.
Unterwegs auf der RN 68.
Unterwegs auf der Ruta National 40 Richtung Süden.
Unterwegs auf der Ruta National 40 Richtung Süden.
Lange Kolonne vor dem cajero automático (Bankomaten). Chilecito, Dienstag, 19.00 Uhr.
Lange Kolonne vor dem cajero automático (Bankomaten). Chilecito, Dienstag, 19.00 Uhr.

Unter Strassenräubern

So kommen wir uns hier in Argentinien an den Geldautomaten vor, wenn sie denn funktionieren. Maximal 2'000 Pesos spuckt der Kasten pro Bezug aus (magere 114 Franken), dafür bezahlt man horrende 6 Franken Gebühren!! 2'000 Pesos Tageslimite am Wochenende, unter der Woche gibt es pro Konto immerhin 4'000 Pesos (unsere Erfahrung). Aber eben, nur wenn die Automaten Geld im Bauch haben, was von Freitagmittag bis Sonntagmorgen häufig nicht der Fall ist.

Karte rein, Karte raus, neue Bankkarte rein, wieder geht nichts, auch die Postcart verweigert den Dienst – weder gutes Zureden noch Fluchen nützt (den Automaten kräftig zu treten wagen wir dann doch nicht, der Sicherheitsmann an der Türe beäugt uns schon argwöhnisch).

Haben uns die Banken wegen der vielen Versuche am Bankomaten die Karten gesperrt? Einen anderen Grund können wir verwöhnten Schweizer uns, die wir aus einem Land kommen, in dem alles (fast) immer funktioniert, nicht vorstellen.

Dass freitags zehn, zwanzig Personen in aller Seelenruhe am cajero automático anstehen, ist keine Seltenheit. In Salta kennen wir (fast) alle Geldautomaten, aber leider kaum die Stadt.

So ein dämlich-nerviges Affentheater gab es für uns in keinem der bisher bereisten 46 Länder, nicht mal in Drittweltstaaten. Warum behindern der argentinische Staat und die Banken das Geldausgeben der Touristen? Dümmer geht's nimmer! Argentinien ist schön – ganz besonders dann, wenn der Kasten doch noch Geld ausspuckt!

Wer US-Dollars wechseln kann, bekommt oft einen bis zu 10% besseren Kurs ausbezahlt, als offiziell angegeben! Hotels gewähren Rabatte, wenn bar bezahlt wird.  Kreditkarten werden höchst ungern oder gar nicht akzeptiert (unsere Erfahrung).

Bea und Olivier auf der der RN 68 (nach Alemania).
Bea und Olivier auf der der RN 68 (nach Alemania).

Auf der „Weinstrasse“ Ruta National 68

Zu dritt pedalen wir nach Ruhetagen auf der RN68 Richtung Süden, dem 200 km entfernten Weinbauzentrum Cafayate zu. Olivier aus Vevey, der sein Velo erstmals für eine längere Tour gesattelt hat, hat sich uns angeschlossen. Das alleine Fahren ist nicht so sein Ding und wir sind über die Abwechslung nicht unglücklich.

Das flache Land ist fruchtbar. Gemüsefleder links und rechts der Strasse, grosse Rinderherden, Pferde, irgendwie so haben wir uns Argentinien vorgestellt.

In Coronel Moldes, am Reservoir Cobra Corral, einem malerisch gelegenen Stausee etwas abseits der Route, dürfen wir unsere Zelte beim Club Nautico aufstellen. Gewöhnen müssen wir uns daran, dass die Läden von 13 bis gegen 18 Uhr geschlossen bleiben. Dann halten die Argentinier ihre geliebte Siesta. Ein kleiner Laden mit magerem Angebot hat zum Glück geöffnet; irgendetwas lässt sich mit dem Gekauften sicher zubereiten.

Dank ihrem Improvisationstalent verwöhnt uns Bea mit Teigwaren an Cornet Beef-Tomatensauce, Tomatensalat und natürlich darf ein vollmundiger Malbec im Becher nicht fehlen. Wir hauen rein. In der nächsten Zeit wollen wir kräftig zulangen, das haben wir uns geschworen.

Es wird bergiger, wir fahren in der Quebrada de las Conchas (Schlucht der Muscheln). Unter uns verliert sich das wenige Wasser des Rio de la Conchas im breiten Flussbett, um uns strahlen umwerfend schön Felsen, Nagelfluh- und Sandsteinwände in den verschiedensten Farbtönen, von den Formen, die die Erosion geschaffen hat, ganz zu schweigen. Die ältesten Felsen im wilden Tal sollen über 200 Millionen Jahre alt sein.

Wegen solcher Leckerbissen lohnt sich das Velofahren durch die Sierra!

Erst kurz vor Cafayate wird die RN 68 doch noch zur Weinstrasse. Reben, Reben, Reben. Malbec, Cabernet Sauvignon, Merlot, Tannat, das sind nur ein paar Traubensorten, die hier gekeltert werden. Als Weinliebhaber geniessen wir die eine oder andere Flasche mit gutem Essen. Das grosse Angebot probieren schaffen wir nicht, haben es beim Degustieren aber zumindest versucht . . .

Noch sind die Blüten nicht offen . . .
Noch sind die Blüten nicht offen . . .
Wunderschön, die blühenden Kakteen!
Wunderschön, die blühenden Kakteen!

Das grosse „Fressen“ ist vorbei, wir backen wieder kleinere Brötchen, ganz der kargen, trockenen, mit Buschwerk und grossen Kakteen bestandenen Landschaft angepasst. Manchmal scheinen die Geraden kein Ende zu nehmen, nur vereinzelt taucht ein Auto am hitzeflimmernden Horizont auf. Dafür sehen wir Pampashasen (Grosse Mara), Wüstenfüchse, Schwärme lärmender Papageien, Greifvögel und kleine Käutze. Bis gegen Mittag lässt uns der Wind in Ruhe oder schiebt uns zumindest sanft vor sich her, darum versuchen wir in der ersten Tageshälfte so viele Kilometer wie möglich abzuspulen, bevor er uns nachmittags kräftig ins Gesicht bläst.

In Pituil gibt es keinen komunalen Zeltplatz. Wir dürfen neben dem Fussballplatz mitten im Dorf auf einer grossen Freiluftbühne, vom heftigen Wind geschützt, unser Zelt aufbauen. Einer der friedlichen streunenden Hunde hat uns Schwanz wedelnd bald ins Herz geschlossen (vielleicht waren es die verführerisch duftenden Kochtöpfe), er weicht die ganze Nacht nicht von unserem Zelt, vertreibt bellend jeden Konkurrenten. Und da es mindestens ein Dutzend davon gibt, fällt unsere Nachtruhe entsprechend aus. Noch nie ist Pit am Morgen so stürmisch begrüsst worden. Ja die Hunde . . . hier in Argentinien haben wir sie bisher als friedlich und anhänglich erlebt.

Von Chilecito sind es noch 650 Kilometer bis Mendoza. Erst mal drei Tage Pause und Wäsche waschen. Von Chilecito aus führte übrigens zu Beginn des 20. Jahrhunderts (ab 1904) die von einer deutschen Seilbahnfirma gebaute Materialseilbahn Chilecito - La Mejicana, die mit einer Länge von 35 km lange Zeit die längste Seilbahn der Welt war und auch die Seilbahn mit der am höchsten gelegenen Bergstation auf 4'600 m ü.M. Die Transportseilbahn wurde bereits 1926 stillgelegt.

Nur noch 4330 Kilometer bis Ushuaya . . .
Nur noch 4330 Kilometer bis Ushuaya . . .
Blick in die "Küche".
Blick in die "Küche".
Argentinien, Land der Pferde.
Argentinien, Land der Pferde.
Die Region ist im Sommer heiss und trocken. Fehlt ein Rind, fällt das kaum auf.
Die Region ist im Sommer heiss und trocken. Fehlt ein Rind, fällt das kaum auf.

Argentinien, unser 47. Veloreiseland

 

Wunderschöne Ruta National 51

Argentinien. Mitten in der Wüste erreichen wir die Grenze, fahren im Nationalpark Parque Provincial Los Andes auf der Ruta National 51. Erst elf Kilometer weiter dann der Grenzposten. Wir wissen von Bekannten und aus dem Internet, dass man hier kostenlos übernachten darf. Bekommen wir ein Bett? Selbstverständlich, kein Problem! Die freundlichen Grenzer geben uns ein Zimmer, wir dürfen die Küche benützen. Heute sind wir die einzigen Gäste, Platz hätte es für 25. Leider tragen nicht alle Bewohner gleich Sorge zur Einrichtung. Der Kochherd ist kaputt, die Duschen funktionieren nicht. Egal, wir haben ein Dach über dem Kopf und ein Bett.

Unsere Essensvorräte sind arg geschrumpft. Die letzten zwei Karotten und die übrig gebliebene Tomate sind Schätze geworden. Die halbe Tafel Schokolade sparen wir für morgen auf. Wie kaum vorher wird uns bewusst, wie wertvoll Lebensmittel sind, wie verwöhnt wir doch in Europa sind, wo alles fast immer und überall verfügbar ist. In den letzten Monaten ist die einseitige, gemüse- und salatlose Ernährung zum nervigen Problem für uns geworden. Kein Wunder fahren wir zur Zeit als dünne Striche durch die Landschaft. Hoffentlich wird das Lebensmittelangebot in Argentinien und Chile reichhaltiger, sonst fehlt irgendwann die Kraft zum Weiterfahren.

Hier nicht zu sehen, wie heftig der Wind versucht, uns von der Strasse zu drängen.
Hier nicht zu sehen, wie heftig der Wind versucht, uns von der Strasse zu drängen.
Boraxabbau in der Nähe von Olacapato Grande.
Boraxabbau in der Nähe von Olacapato Grande.

Abbau von Borax in Argentinien

 

Borax, auch als Natriumborat bekannt, ist ein in der Natur selten vorkommendes Mineral. Borax kommt in der Natur in kristalliner oder massiver Form ähnlich wie Gips vor, entsteht also bei der Austrocknung von Salzseen und tritt dann als Sediment auf. Daneben findet man es auch in vulkanischen Schloten.

Wasserfreier Borax wird als Zusatz für leichtschmelzende Glasuren auf niedrig gebrannter Keramik (z. B. Steingut), zur Herstellung von Borosilikatglas und bei der Emailproduktion verwendet. Seine Verwendung als Flussmittel beim Hartlöten von Metallen sowie beim Feuerschweißen beruht auf seiner oxidlösenden Wirkung.

Borax ist gelegentlich Bestandteil von Düngemitteln und wird als Zuschlagsstoff von Zement und Isolierstoffen eingesetzt. Des weiteren wirkt Borax als vorbeugendes Holzschutzmittel gegen Schimmel.

Im Haushalt und Wäschereien findet Borax Anwendung in Seife, Wasserenthärtern und Waschmitteln. Borax wird auch in Desinfektions-, Putz- und Bleichmitteln, Kosmetikprodukten sowie als Insektizid verwendet.

Borax in mächtigen Schichten.
Borax in mächtigen Schichten.

Olacapato Grande, ein Minencamp. Mitten im Dorf dröhnt ein grosses Dieselaggregat, das Strom für das Dorf produziert. Zwei kleine Läden, ein Restaurant mit Hostal, einfache Lehmhäuser, eine Schule, dahinter die Kirche. Alle Zimmer sind ausgebucht, auch der smarte Polizist kann uns nicht weiter helfen. Ein junger Typ bietet uns an, bei ihm privat zu übernachten, er sei ebenfalls Radfahrer und wohne vorübergehend im Camp. Gerne schlüpfen wir bei Diego unter, richten uns in seinem einfachen Lehmhaus ein. Toilette gibt's im Schulhaus. Diego hilft uns auch, etwas argentinische Pesos bei einem Einheimischen zu wechseln, ohne die geht hier nämlich gar nichts. Muchas gracias, Diego, und viel Erfolg mit deinem landwirtschaftlichen Projekt!

 

Unsere gefahrene Strecke versuchen wir so oft als möglich zu aktualisieren. Sie ist zu finden unter der Rubrik „Bereiste Länder und gefahrene Routen 2012-2017“.

Rosa, muchas gracias, dass wir bei dir und deiner Familie zu Gast sein durften!

San Antonio de los Cobres, eine kleine Bergbaustadt, die zunehmend vom Tourismus profitiert, liegt hinter uns. Die Landschaft verändert sich, wird mehr und mehr grün. Der Wind bläst uns buchstäblich über den Abra Blanca, den letzten Pass auf dem Weg nach Salta. Bäume! Blumen! Kleine Bäche! Weidende Pferde und Kühe! Es wird deutlich wärmer. Wir freuen uns wie Kinder über all das seit langem Vermisste, je tiefer wir entlang dem Rio Rosario rollen. Ab und zu kreuzt die Bahnlinie des bekannten Tren a las Nubes, „Zug in die Wolken“, die Strasse. Der beliebte Touristenzug fährt von Salta durch zahlreiche Tunnels und über viele Brücken und Viadukte auf 4220 m ü.M. bis nach San Antonio de los Cobres, 3775 m ü.M. 

Immer wieder sehen wir (wilde?) Esel.
Immer wieder sehen wir (wilde?) Esel.

 Wunderschön und beeindruckend die vielen meterhohen, zum Teil sehr alten Kakteen an den Berghängen, die meisten davon stehen in voller Blüte. Überhaupt ist das Tal eine Wucht. Einmal mehr staunen wir über die vielen Farbnuancen der Felsen. Für Geologen muss die Region ein Eldorado sein. Hat uns der Wind am Morgen kräftig geschoben, dreht er innerhalb von Minuten, will uns nicht nach Salta fahren lassen. Irgendwann geben wir auf, suchen im Weiler Gobernador Mauel Sola eine Möglichkeit zum Übernachten. Rosa und ihre Tochter begrüssen uns mit Kaffee und warmen, duftenden Fladen aus der Pfanne; wir bekommen ein Zimmer und geniessen die Gastfreundschaft und die Wärme nach einem anstrengenden Tag in vollen Zügen. Bestaunt wird unser Benzinkocher, als wir das Nachtessen in der Küche zubereiten; die Pasta an Tomatensauce mit Parmesan schmeckt Rosa ganz besonders. Ja, es gibt viel zu lachen an diesem Abend. Mit einer herzlichen Umarmung und guten Wünschen werden wir am nächsten Morgen verabschiedet. Schöne Momente voller Wärme, die man nirgendwo buchen kann. Muchas gracias!

 

Jetzt freuen wir uns auf einige Tage ohne Fahrradfahren, auf gutes Essen, Wärme, weniger auf das Waschen der Kleider, Schlafsäcke und das Putzen der Velos. Salta, wir kommen!