Nepal, Annapurna Base Camp, Oktober 2019
Nepal, Annapurna Base Camp, Oktober 2019

Ab 12. August

Imposant und sehr alt, der Dom von Trier.
Imposant und sehr alt, der Dom von Trier.

Prickelnd-schäumendes Frankreich

Mal nimmt uns die Mosel links mal rechts an der Hand, zwischendurch stellvertretend die zählreichen Kanäle, die der Schifffahrt den Weg erleichtern. Einige wenige Velofahrer tauchen vor und nach Ortschaften auf; Radfahrer mit Gepäck werden wir einen in Luxemburg kreuzen, bis an die Küste bei Le Havre weniger als ein halbes Dutzend. Excellent nach wie vor die Radwege und das Wetter. Wenn Engel reisen . . .

Auf dem Zeltplatz in Cornis-sur-Moselle tauchen tatsächlich - wir trauen unseren Ohren nicht - Schweizer Velofahrer in unserem Alter auf. Margaritha und Pius aus dem Appenzellischen sind nach der ersten längeren Tour auf dem Heimweg in die Schweiz. An ein gemütliches Abendessen hängern wir ein gemeinsames Morgenessen an. So schön, wieder einmal jemanden zum Quatschen zu haben! Die beiden erleben die meisten Camper auf ihrer Tour gleich wie wir. Die Plätze möglichst weit auseinander, ein knapper Gruss, wenn überhaupt, Radfahrer verkriechen sich besonders gerne in Zeltplatzecken, jeder kocht sein eigenes Süppchen. Kontakte scheinen auf den ohnehin fast leeren Zeltplätzen unerwünscht. Vor allem unsere Frauen vermissen den Austausch. Wehmütig denken wir an das lebendige Zeltplatzleben in Australien und Neuseeland zurück. Gute Heimkehr ins Appenzellerland, Margaritha und Pius!

Ja, wir lassen es uns gut gehen. Wer in Frankreich kulinarisch nicht auf seine Kosten kommt, ist selber schuld.
Ja, wir lassen es uns gut gehen. Wer in Frankreich kulinarisch nicht auf seine Kosten kommt, ist selber schuld.

Im kleinen Städtchen Schengen berühren sich Frankreich, Deutschland und Luxemburg. Unvermittelt gibts mächtig Gegenverkehr. Die Germanen sind angefressene Radfahrer, vor allem ältere Semester (mit und ohne E-Antrieb) jagen mit verbissenem Gesicht persönlichen Rekorden nach. Wir sind mehr Hindernis als Mitstreiter auf den Veloautobahnen. Aber was solls, jeder so wie er will.

Seit ein paar Tagen riecht es verdächtig nach Herbst; Morgennebel trübt die ersten Sonnenstrahlen und unser Zelt wird zum nassen Sack, innen und aussen. Nachts tauchen die Temperaturen nahe 10°C, Kondeswasser wird zum lästigen Dauerbrenner und so wirklich Spass macht das Zelttrockenreiben am Morgen nicht. Ab jetzt muss Bea abends ganz, ganz tief in ihre Tüte kriechen. Wir lieben das Zelten und draussen Kochen trotz allem wie eh und je. So schön, alle Zeit der Welt zu haben.

Bea im Element! Draussen kochen lieben wir sehr (wenn das Wetter mitmacht . . .).
Bea im Element! Draussen kochen lieben wir sehr (wenn das Wetter mitmacht . . .).
Morgennebel. Auf den Zeltplätzen campen nur noch wenige, davon nur eine Handvoll Ausländer.
Morgennebel. Auf den Zeltplätzen campen nur noch wenige, davon nur eine Handvoll Ausländer.
Witzige Ortsnamen gibt es hier häufig.
Witzige Ortsnamen gibt es hier häufig.

Weiter nach Westen

Allein die Grösse des Trierer Doms haut uns aus den Socken! Seit über 800 Jahren werden in der ältesten Bischofskirche Deutschlands Messen gehalten. Kaum jemand wird sich der Faszination des alten sakralen Baus entziehen können, auch wir nicht. Zeit, kurz innezuhalten und zu spüren, wie klein und unbedeutend wir Menschen im Universum doch eigentlich sind und nachzudenken, ob wir uns in diesen turbulenten Zeiten nicht zu wichtig nehmen und etwas mehr Gelassenheit und weniger Angst gut täten. Wir empfinden grosse Dankbarkeit und freuen uns jeden Tag, unterwegs sein zu dürfen.

Trier gefällt, trotzdem schwingen wir uns nach drei Tagen erneut in die Sättel und pedalen auf der luxembourgischen Seite der Mosel zurück nach Wasserbillig (der Ort heisst wirklich so) um auf den Sauertalradweg einzubiegen und Richtung Belgien zu treten. Deutschland passt diesmal irgendwie nicht in unser Verwöhnprogramm mit Geniessen, Kulinarischem und Kultur. Vielleicht, weil wir so gerne an Frankreich schnuppern?

Excellent die Radwege in Luxembourg, wunderschön die hügelige Landschaft und gemütlich die kleinen Orte. Im kleinen Grossherzogtum verfügen die Menschen über etwa das gleiche Einkommen wie in der Schweiz, was man auch sieht. Leider ist nach zwei Tagen gemütlichem Pedalen die Grenze zu Belgien bereits erreicht. 

Aber das Belgien, das wir fahren, hält nichts, was wir erwartet hätten. Schlechte Strassen und schmucklose, öde Dörfer, die man nach dem Eintragen auf den Landkarten irgendwann vergessen hat. 

Heftiger Gegenwind beim Treten über weite Felder macht das Vorwärtskommen zusätzlich mühsam. Gegenwind auch von Bea, die murrt, dass ich so doofe, langweilige Strecken mit ständigem Rauf und Runter einschlage. Einzig die kleine Stadt Bouillon ist hübsch, hier gibts tatsächlich Touristen. Die Abstimmung fällt eindeutig aus. Wir ändern die Pläne und steuern über Sedan dem Fluss La Meuse entlang die interessante Stadt Reims an. Nun scheint wieder die Sonne!

 

Reims, knapp 200'000 Einwohner, in der historischen Region Champagne-Ardennen gelegen, ist – Entschuldigung, dass wir uns wiederholen – eine weitere, tolle Entdeckung! 

Hier wurden in der mächtigen Kathedrale Notre-Dame 1000 Jahre lang die französischen Könige und Kaiser gekrönt. Wir zwei Velöler aus der Schweiz fühlen uns bei so viel verblichenem blauen Blut gut aufgehoben. Reims gilt als heimliche Hauptstadt der Region Champagne, hier haben die Deutschen nach verlorenem Krieg am 7. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet. Geschichte auf Schritt und Tritt.

Prickelnd-schäumendes Frankreich

Natürlich lassen wir uns die Champagne nicht entgehen, obwohl wir nicht grosse Liebhaber des prickelnd-schäumenden Getränks sind. Dem Fluss Vesle entlang bummeln wir alleine auf weiter Flur nach Epernay an die Marne und mitten hinein in die weitläufigen Weinberge, in denen die Traubenlese in vollem Gange ist. Seit dem 17. Jahrhundert wird hier Schaumwein gekeltert und nur hier darf der Schampus sich Champagner nennen. Auf sagenhaften 34'000 Hektaren reifen Trauben, bereits seit der Römerzeit. 

Epernay, Château-Thierry, Meaux – das Pedalen durch die historischen Städte und lauschigen Winzerdörfer und immer wieder ruhig der Marne entlang ist Genuss pur; die Route gehört zu den schönsten Strecken bisher. Allerdings braucht es täglich etwas Planung um zeitig Campingplätze und Einkaufsmöglichkeiten anzusteuern. Franzosen fahren oft lange Strecken um im Supermarkt den Wocheneinkauf zu erledigen. Die Infrastruktur ist auf dem Land dürftig, dazu kommt, dass die Läden von 13.00 bis ca. 14.30 Uhr schliessen. Bea hat täglich Mühe, Portionen für zwei Personen zu finden. Abends sind wir immer hungrig, aber zu zweit ein Kilogramm Kartoffelsalat verdrücken? Alles ist in den Märkten très grand. Allzu häufig auch die Franzosen selber. Wen wunderts.

Weit und breit keine anderen Camper. Das bereitet uns zwischendurch echt Mühe.
Weit und breit keine anderen Camper. Das bereitet uns zwischendurch echt Mühe.

Wer liebt sie nicht, die positiven Überraschungen. Wir bescheren uns die schönste mit Paris selber! Erst nicht vorgesehen, entscheiden wir spontan, die grandiose Weltstadt anzusteuern und im Herzen der Hauptstadt eine Pause einzulegen. 

Paris, quelle belle et intéressante ville ! Kaum je vorher haben wir eine so grosse Stadt so entspannt und ruhig erlebt, wie Paris. Sehr wenige ausländische Touristen (Asiaten fehlen völlig), wir treten uns nirgends auf den Zehen herum. Kein Gehupe auf der Strasse, die Franzosen freundlich und zuvorkommend, kulinarisch der Hammer (wir kochen meist selber in unserem kleinen Appartement) und kulturell lässt Paris sowieso nichts zu wünschen übrig. Zeitweise vergessen wir fast, dass in der ganzen Stadt Maskenpflicht gilt. Nach 42 Jahren sind wir zurück gekommen. 


Endlich wieder auf dem Velo! Jeeaahh!
Endlich wieder auf dem Velo! Jeeaahh!

Frankreich mit dem Velo entdecken

Wir erleben Frankreich auf unserer kleinen Europatour jeden Tag anders.

Wie haben wir das Veloreisen vermisst! Endlich ist es soweit, wir sitzen im Sattel, die Schweizer Grenze bei Basel liegt hinter uns, nichts kann uns zurückhalten. Das Themenloch der normalerweise sommerlichen Sauere-Gurken-Zeit in der Presse wird dieses Jahr weitgehend durch Artikel um das leidige Virus ausgefüllt, die ohnehin schon dünnen Blätter sind zur Hälfte voll davon. Die „zweite Welle“ steht als apokalyptische Drohung am Himmel. Wer mag jeden Tag so viel Negatives lesen, nicht weniges mit erhobenem Zeigefinger? Der tägliche Wahnsinn hängt uns schon lange zum Hals heraus. Luftveränderung tut dringend Not, nicht nur physisch, auch im Kopf. 

Irgendwann in den letzten Jahren ist uns das Sesshafte abhanden gekommen. Stets nach drei Monaten faulem Nichtstun fängt das Jucken an, zuerst im Nacken, wandert dann rasch in die Beine, begleitet von einem eigentümlichen Fieber. Sich dagegen wehren ist für uns zwecklos, denn wir wissen, sitzen wir im Sattel, ist der Spuk sofort vorüber. Eine eigentümliche Krankheit, mit der sich nur Reisende anstecken.

Der erzwungene Zwischenstopp in der Schweiz hat durchaus angenehme Seiten und keinesfalls möchten wir immer noch in Indien festsitzen. Aber Reisende soll man bekanntlich nicht aufhalten. Wir wollen uns in den nächsten Wochen nach der Decke strecken, auskosten was möglich ist ohne unvorsichtig zu werden aber immer pragmatisch entscheiden, so wie wir das seit Jahren tun. 

Nach dem übervollen Zeltplatz am Rheinufer in Kaiseraugst – Abstandsregeln werden hier zum belächelten Witz – geniessen wir das ruhige Fahren entlang dem Canal de Huningue, der kurz nach dem riesigen Novartiskomplex in Basel Wasser vom Rhein abzapft und träge nach Nordwesten fliesst. Der Kanal, 1828 fertig gestellt, ist Teil des Rhein-Rhone-Wasserwegs. Allerdings hat der Hünigen-Kanal seine Bedeutung als Wasserstrasse bis zum kleinen Ort Niffer weitgehend eingebüsst, was aber den Velofahrern an seinem Ufer völlig egal ist.

Heute wieder gefühlter Backofen, also deutlich über 30°C. Der neu angelegte Zeltplatz in Kembs bietet bei den heissen Temperaturen nirgends Schatten. Also überbrücken wir die Zeit bis zum Abend auf der Terrasse des kleinen Restaurants mit Weinproben, und da hat das Elsass einiges zu bieten (nicht ganz „ungefährlich“ bei Flaschenpreisen um 9 Euro). Interessant, dass es auf französischen Zeltplätzen selten nach Geschlechtern getrennte WC- und Duschanlagen gibt (niemand stört sich daran). Ebenso suchen wir gekühlte Getränke in Supermärkten vergebens. Wie unglaublich verwöhnt wir Schweizer doch sind! 

Velogenuss vom Schönsten! Bummelfahren auf dem Radweg entlang des Rhein-Rhone-Kanals; hier begegnen uns nur noch wenige andere Velofahrer, Reiseradler fallen auf. Einmal mehr zeigt sich, dass abseits der beliebten Routen entspanntes Velofahren möglich ist und man den Massen ausweichen kann. (Die Routen sind auf unserer Homepage zu finden unter „Bereiste Länder und gefahrene Routen“).

Der Radweg vom Rhein-Rhone-Kanal zur Thur, nicht zu verwechseln mit dem Schweizer Fluss im Thurgau, führt durch dichten, agenehm kühlen Wald. Dank umsichtiger Planung finden wir den Fluss rasch. Der hektische Verkehr von Mulhouse bleibt links liegen; wir geniessen das Pedalen trotz drückender Hitze. Für uns gibt es einfach nichts Schöneres, als mit dem Velo zu reisen!

„Was, ihr wollt mit dem vielen Gepäck über den Col de Bussang treten? Die Strasse ist steil und es gibt viel Verkehr.“ Die Französin auf dem Zeltplatz von Ranspach mustert uns neugierig. Wir schaffen den auf 730 m ü.M. liegenden Übergang tatsächlich, müssen grinsen, waren die Pässe in Südamerika und in Nordindien doch noch ein paar Meter höher . . .

Ein grosses Lob gehört den Auto- und Lastwagenfahrern, sie überholen uns mit grossem Abstand, nie müssen wir bangen. Für die Franzosen ist die Tour de France ein nationales Monument, daneben versuchen sich viele Freizeitsportler auf dem Rennrad. Drücken Einheimische gern mal aufs Gaspedal, gilt gegenüber Velofahrern offenbar höfliche Rücksicht. Merci, pour votre attention !

Kurz nach der Passhöhe des Col de Bussang entspringt die Mosel, hier noch ein unscheinbares Wässerchen, wird sie auf den 544 km bis zur Mündung in den Rhein ein stattlicher Fluss. Wir wollen der französischen Moselle bis nach Trier entlang fahren, in der Hoffnung, dass die wenig bekannte Strecke uns vor Zweiradinvasionen verschont.

Von Bussang bis Remiremont bummeln wir tatsächlich 54 km wie auf Schienen, wenigsten waren sie mal da. Die alte Bahnstrecke, Voie Verte des Hautes Vosges, ist über die ganze Strecke asphaltiert und Wanderern und Radfahrern vorbehalten. Kultur, Kulinarisches und Genussradeln haben wir uns für diese Tour auf die Fahne geschrieben. Passt bis jetzt alles! 

Am Canal de Jonction, kurz vor Nancy, gibt es viele Schleusen.
Am Canal de Jonction, kurz vor Nancy, gibt es viele Schleusen.
Die Radwege sind sehr informativ ausgeschildert.
Die Radwege sind sehr informativ ausgeschildert.

Und immer wieder entlang von Kanälen pedalen. Mächtige Platanen und Eichen beschatten die gut ausgebauten und beschilderten Radwege. Auf einigen Abschnitten gibt es alle zweihundert Meter Schleusen, manchmal ein Dutzend hintereinander. Der Zweiradverkehr hält sich in Grenzen, unterwegs sind wohl coronabedingt viele Familien mit Kindern die das Campingleben und die Freibäder sichtlich geniessen. Wie recht sie haben! 

Übrigens hat die Anzahl der E-Bikes am deutschen Rheinufer gegenüber der Schweiz deutlich abgenommen, hier in Frankreich sind höchstens ein Drittel der Velofahrer mit elektrischer Trethilfe unterwegs. 

Epinal, Charmes, Nancy, Metz, grössere Städte machen sich rar, gerade darum interessant, auf Entdeckungstour zu gehen, wie hier in Nancy.

In der Nähe der Stadt erlag ein alter Bekannter der alten Eidgenossenschaft nach erfolgloser Belagerung von Nancy seinen Verletzungen, nämlich Karl der Kühne, letzter Herzog von Burgund. Schon 1476 bei Grandson und wenig später bei Murten bekam er und seine Armee bekanntlich von den Eidgenossen gewaltig eins aufs Dach. 

Nancy überrascht auch 2020. In der Altstadt gibt es architektonische und kulinarische Leckerbissen zu entdecken, wie den Place Stanislas mit dem ehemaligen Palast der Herzöge von Lothringen, die alten Stadttore, die Basilique Saint-Epvre, feinste Pasteten im Marché Central, hervorragende weisse und rote Tropfen und vieles mehr. Ausländische Touristen sind wenige unterwegs, für uns angenehm aber für die Tourismusbranche der Stadt ein Debakel.

In öffentlichen Gebäuden und Läden gilt Maskenpflicht, auch sonst sind in der Stadt erstaunliche 75% der Fussgänger mit Mund-/Nasenschutz unterwegs. Nein, das brauchen wir definitiv nicht. Darum bekochen wir uns im kleinen Appartement selber – vive la France!

Mit unseren neuen Stühlen lässt sich bequem kochen.
Mit unseren neuen Stühlen lässt sich bequem kochen.