Indien

 

Wenn Velofahrer fliegen

Delhi, Indira Gandhi International Airport. Missmutig und ratlos stehen wir mit all unserem Krempel bei den Taxiständen herum. Bis nach Delhi hat alles prima geklappt, die Immigration ging unbürokratisch schnell, das ganze Gepäck ist angekommen. Auf keiner Flugreise vorher kamen die Kartonschachteln mit den Velos in so einem guten Zustand an, hilfsbereite Hände überall. Und nun das. Entgegen der Zusicherung von Finnair, dass das Gepäck bis Leh im Norden Indiens durchgereicht wird, müssen wir hier alles auschecken, ins Hotel nahe beim Flughafen transportieren und morgen spätestens um 05.30 Uhr wieder alles einchecken. Genau das wollten wir bei der Buchung vermeiden! Bereits heute bei der indischen Fluggesellschaft Vistara einchecken? Fehlanzeige, vor morgen früh geht gar nichts. Vorschrift ist Vorschrift.

Was nun folgt, macht richtig Freude – nicht zum ersten Mal: Wie findet man ein Taxi, das die beiden grossen Veloschachteln, das umfangreiche Gepäck und irgendwo dazwischen gequetscht uns zwei transportieren kann? Ein kleiner Inder mit grossem Kombi erbarmt sich. Die Schachteln mit den Velos sind etwas zu lang, „no problem“, die Heckklappe bleibt offen. Was solls, aber dass er das Gepäck aufs Dach wuchtet und treuherzig meint, eine Sicherung sei nicht nötig, er fahre sehr vorsichtig, gefällt uns überhaupt nicht. Der Schweiss fliesst in Strömen, nicht nur wegen der unbarmherzigen Hitze. Tempi passati. Es klappt, nichts fliegt.

Nach viel Palaver, einigem hin und her – der Taxifahrer hat es nicht eilig, dafür sitzen wir auf Kohlen - und dem obligaten „no problem“ checken wir zügig ein (die Velos reisen gratis!), geniessen den tollen Flug über den verschneiten Himalaya und landen eine gute Stunde später im kleinen Städchen Leh. Die Bergflanken zogen nach einer steilen Linkskurve beim Landeanflug bedrohlich nah am Flieger vorbei (wohl nur für uns); yeah, nach fast zwei Tagen ist die Flugreise (endlich) zu Ende! Einfach grandios, hier sein zu dürfen, aber viel, viel grösser ist die Vorfreude auf das Velofahren durch den bis zum Himmel reichenden Himalaya.

Landeanflug. Leh liegt in einem Talkessel auf 3500 m ü.M.
Landeanflug. Leh liegt in einem Talkessel auf 3500 m ü.M.
Bummeln in Leh. Uns gefällt die Kleinstadt in äussersten Norden von Indien.
Bummeln in Leh. Uns gefällt die Kleinstadt in äussersten Norden von Indien.

Leh liegt im Bundesstaat Jammu und Kashmir. Der indische Bundesstaat ist Teil der zwischen der Volksrepublik China, Indien und Pakistanumstrittenen Region Kaschmir. Der von Indien kontrollierte Teil hat ca. 13 Millionen Einwohner.

Die indische Verfassung räumte Jammu und Kashmir unter den indischen Bundesstaaten eine Sonderstellung mit weitreichender innerer Autonomie ein. Am 5. August 2019 wurde dieser Passus aus der Verfassung gestrichen. Gleichzeitig erklärte die indische Regierung ihre Absicht, den Bundesstaat auflösen und in zwei Unionsterritorien aufteilen zu wollen.

 

Ein völlig anderes Indien erwartet uns. Nach dem vermüllten, düsteren, nach Armut stinkenden Stadtteil nahe des Flughafens Delhi mit seinen vielfach offenen Abwassergräben, dem lauten Verkehrschaos mit ohrenbetäubendem Gehupe – nach Europa wie ein Schlag in die Magengrube - sind wir hier in Ladakh in einer anderen Welt gelandet. 

Mit schönen Schnitzereien verzierte Häuser, saubere Strassen, farbige Märkte, kleine Gassen, viele Restaurants mit leckerem Essen, kaum Abfall, freundliche Bewohner und ein erträglicher Touristenstrom. Dass uns anfangs Kopfschmerzen plagen – Leh liegt auf 3500 m ü.M. - ist dem raschen Anstieg ins Gebirge geschuldet. Jetzt heisst es erst mal viel trinken (Alkohol ist gestrichen!) und die nächsten Tage abhängen. Akklimatisieren braucht Zeit, kein Problem bei der Bergkulisse . . . und dem, was hier in Ladakh auf den Tisch kommt!

 

Leh, ca. 30'000 Einwohner, ist Verwaltungssitz des gleichnamigen Distrikts und Hauptort der Region Ladakh und gehört zu den höchstgelegenen ständig bewohnten Städten der Erde. Bei der Flutkatastrophe im Sommer 2010 wurden weite Teile der Stadt verwüstet. Es herrscht ein raues Wüstenklima. Die jährliche Niederschlagsmenge beträgt nur etwa 103 mm. Die Jahresdurchschnitts-temperatur liegt bei 5,3°C. Im Winter wird es bis −20°C, im Sommer bis 24°C. Die Sommer sind kurz und die Winter lang und kalt.

Einfach himmlisch! Momos, mit allem Möglichen gefüllte Teigtaschen und scharfe Sauce.
Einfach himmlisch! Momos, mit allem Möglichen gefüllte Teigtaschen und scharfe Sauce.
Kloster oberhalb Leh.
Kloster oberhalb Leh.

Von unserem kleinen Hotel haben wir einen grandiosen Blick auf die verschneiten 6000er-Gipfel rundum. Nach zwei Tagen Pissewetter mit miesen 8°C tagsüber und kalten Nächten nahe am Gefrierpunkt (Geheiztes Zimmer? Vergiss es!) lassen wir uns die Sonne gefallen, ja es ist geradezu heiss. Leh gefällt, von Tag zu Tag fühlen wir uns besser. Pit entwickelt geradezu ungeahnte Kräfte. Beim Montieren der Lenkerstange – der Lenker muss für den Flugtransport demontiert werden – zieht er die Schrauben zu fest an, die Aluplatte bricht. Ersatz zu finden, kann man hier vergessen. Im kleinen Hier-findest-du-alles-Laden in der Altstadt kaufen wir zwei Metallbrieden und reparieren notdürftig. Mit der nötigen Vorsicht sollte das Gebastel bis Nepal halten, dort erwarten wir mit Glück Ersatz. Fluchen und sich nerven bringt wenig, sowieso, wenn man den Mist selber verbockt hat. Trotzdem, Schei . . . !!

Einmal auf dem Höchsten stehen - Ausflug zum Khardung La

Man kann Gebirgspässe erwandern, mit dem Velo schweisstreibend erklimmen oder ganz bequem und unspektakulär motorisiert erobern. Für den auf ca. 5360 m ü.M. liegenden Khardung La, 39 km nördlich von Leh, buchen wir einen Touri-Jeep-Trip zu zweit, eigentlich nicht nach unserem Geschmack, aber irgendwie vernünftig, wie wir meinen. Vielleicht ist es auch Respekt vor den Strapazen, die uns auf dem Manali-Leh-Highway erwarten und ein Test, wie gut wir mit so grossen Höhen klar kommen. Was auch immer, die Tour hat unheimlich Spass gemacht und die Vorfreude auf das Kommende noch erhöht!

Über weite Schlaufen windet sich die staubige Passstrasse zum Khardung La. Heute sind viele Armeelastwagen unterwegs.
Über weite Schlaufen windet sich die staubige Passstrasse zum Khardung La. Heute sind viele Armeelastwagen unterwegs.
Blick vom Khardung La Richtung Pakistan. Hinten schneebedeckt das Karakorum-Gebirge.
Blick vom Khardung La Richtung Pakistan. Hinten schneebedeckt das Karakorum-Gebirge.
Weit unten im Talkessel liegt Leh. Unsere Strecke nächste Woche führt irgendwo links durchs Gebirge.
Weit unten im Talkessel liegt Leh. Unsere Strecke nächste Woche führt irgendwo links durchs Gebirge.

Der Khardung La gehört zu den höchsten befahrbaren Gebirgspässen der Erde und ist darum sowohl bei Touristen als auch bei Einheimischen als Tagesausflugsziel sehr beliebt. Auf den letzten Kilometern ist die meist einspurige Strasse nicht asphaltiert und in einem sehr schlechten Zustand. Felsbrocken und tiefe Löcher fordern die Fahrer und mehrmals ziehen wir beim Kreuzen mit LKWs instinktiv den Kopf ein – näher gehts nimmer. Heute begegnen uns zudem Dutzende verwegene Royal Enfield-Reiter, eingehüllt in Staubwolken. Auf Töfffreeks muss der hohe Pass eine besondere Anziehung ausüben, wie es scheint.

 

Aus strategischen Gründen – die pakistanische Grenze ist nur 180 Autokilometer entfernt - versucht die indische Armee den Passübergang ganzjährig offen zu halten. Die Strasse ist oft auch im Sommer durch Schneefälle und wegen der schlechten Bereifung der Fahrzeuge schwer passierbar.

 

Übrigens wird die Passhöhe offiziell mit 5602 m angegeben, was gemäss unabhängigen Messungen zufolge nicht stimmt. Das kümmert die Inder wenig, wer lässt sich schon gerne den welthöchsten befahrbaren Gebirgspass wegnehmen?!

Jede kleinste Anstrengung wird zur Schwerarbeit. Gegenüber Meereshöhe ist hier die Leistungsfähigkeit nur noch halb so gross.
Jede kleinste Anstrengung wird zur Schwerarbeit. Gegenüber Meereshöhe ist hier die Leistungsfähigkeit nur noch halb so gross.