Die Dardanellen liegen vor uns
Die Dardanellen liegen vor uns
Grosses Hallo und Händeschütteln auf einer Strassenbaustelle. Solche Exoten kommen nicht alle Tage vorbei
Grosses Hallo und Händeschütteln auf einer Strassenbaustelle. Solche Exoten kommen nicht alle Tage vorbei

 

Routenänderung – wir sind am Marmarameer!
Dass die Strasse Edirne – Istanbul eintönig und fast immer geradeaus führt und für Velofahrer nicht das Gelbe vom Ei ist, wussten wir vorher. Aber Erfahrungen muss man selber machen. Nach einem Tag langweiligem Auf und Ab und Gegenwind haben wir die Nase voll. In Babaeski wird am Abend Kriegsrat gehalten und beschlossen, die Route kurzfristig Richtung Marmarameer zu ändern. Zudem haben wir (dank Beziehungen) eine tolle Bleibe für ein paar Wochen in Istanbul gefunden, in einem alten Quartier, mit Blick auf den Bosporus, allerdings erst ab 10. Dezember bezugsbereit. Es bleiben zehn Tage Zeit zum Velofahren, auf die wir uns freuen.


Die gelbe Strasse nach Tekirdag soll abwechslungsreich sein und durch kleine Dörfer führen. Die Nähe zu den Menschen fehlt uns. Zudem lernen wir auch die türkischen Hunde kennen (sie uns aber auch!! ) Bea kann zwischen Trinkflasche zum Wasser spritzen und Tazzer als Hundeabwehr wählen. Einmal sind fast ein Dutzend Köter bellend über uns „hergefallen“ – Wasser verwirrt sie, sie bleiben stehen und der Tazzer hält die Viecher auf Distanz.
Die Etappe hält, was sie verspricht. Allerdings treffen wir auch auf den ärgsten Feind der Velofahrer, und das mit voller Wucht. Heftiger Gegenwind, mal frontal, mal listig von der Seite, lässt uns an diesem Tag vor allem in den kleinen Gängen fahren. Beim Eindunkeln dann endlich: das Marmarameer!

Herzlichen Dank für die grosse Hilfe bei der Zimmersuche, beim Finden einer Beiz, um einen Fax zu schicken und Sehenswürdikeiten zu erkunden!
Herzlichen Dank für die grosse Hilfe bei der Zimmersuche, beim Finden einer Beiz, um einen Fax zu schicken und Sehenswürdikeiten zu erkunden!

Bis Gelibolu verläuft die Strasse über weite Strecken am Meer, traumhaft . . . und sehr, sehr anstrengend. Richtig bergig ist die Küste und weil es zu einfach wäre, die Strasse direkt am Wasser entlang zu führen, windet sie sich mal unverschämt steil hoch um dann gegen das Meer abzufallen und nach der nächsten Biegung wieder den nächsten Hügelrücken zu erklimmen. Wir trainieren unsere Armmuskulatur und schieben die steilsten Stellen, keine Chance für uns zu fahren. Übrigens haben wir vergessen zu erwähnen, dass das Fahren bei 20°C im Hemd richtig angenehm ist (in der Schweiz soll es eisig kalt sein und Schnee liegen . . .).
Vor uns liegen die Dardanellen in gleissender Sonne, die Meerenge zwischen Marmarameer/Schwarzem Meer und Ägäis. Diese sehr wichtige Meeresstrasse, bis zu 80`000 Schiffe befahren sie jährlich, war und ist auch strategisch von grosser Bedeutung. Im 1. Weltkrieg fielen in einem neunmonatigen grauenhaften Stellungskrieg bis zu 250`000 Soldaten. Diverse Denkmäler und Gedenkstätten erinnern daran. Das erklärt auch, warum in Canakkale viele Touristen aus Neuseeland und Australien anzutreffen sind (ANZACS = Australia and New Zealand Army Corps. Sie haben an der Seite der Briten und Franzosen auf der Halbinsel Gallipoli gekämpft).

Das Wetter wird wechselhaft und beschert uns eineinhalb Tage heftigen Regen und Wind. Wegen technischer Probleme mit dem Navi und verspätetem Start (eigene Schuld, Pit) pedalen wir am Freitagabend im Finsteren gegen Regen und Scheinwerferlicht des Gegenverkehrs an. Unangenehmes kommt selten allein. Ein Zimmer finden wir erst nach einigem Fragen, leider gibt es kein Wasser wegen des Unwetters (Duschen fällt aus, zwei Flaschen Wasser müssen für das Nötigste genügen, inkl. Toilette . .), kein WC-Papier, nicht einen Kleiderbügel für die nassen Sachen, keine Handtücher. Die Bettwäsche ist vermutlich nicht frisch – wir rollen die Schlafsäcke aus. Die Angestellten bemühen sich trotzdem nach Kräften, uns zu helfen.
Das Hotel bleibt die grosse Ausnahme in der Türkei (bis jetzt). Jeden Tag erfahren wir grosse Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft. Es gefällt uns sehr in diesem muslimischen Land. Und was auch einmal gesagt werden muss: Bis jetzt mussten wir noch in keinem, wirklich keinem der acht Länder auf unserer bisherigen Tour, beim Servieren eines Getränks auf der Terrasse gleich bezahlen (im Gegensatz zur Schweiz). Ist die Schweiz ein Land von Zechprellern? Und eine weitere Besonderheit, bei der die Schweiz Nachholbedarf hat: In allen bisherigen Reiseländern ist freier, kostenloser Internetzugang (wlan) in Hotelzimmern Standard . Selbst in einfachsten Hotels in Bulgarien und Serbien war das so. Die Türken reagieren gar beleidigt, wenn man nach wlan fragt.

Am Samstag giesst es wie aus Kübeln und zudem blitzt und donnert es über Stunden, das haben wir noch nie erlebt. Bleiben die Wetteraussichten unbeständig, wie es z.Z. aussieht, bleibt uns nichts anders übrig, als die nächsten Etappen anzupassen. Vorgesehen ist, von Canakkale aus (wo wir jetzt einen Tag Pause einlegen) der Küste auf der asiatischen Seite entlang nach Istanbul zu fahren. Mal sehen, vielleicht gibt’s eine Abkürzung mit der Fähre. Wir sind frei, haben Zeit und können jeden Tag neu entscheiden – der grösste Reichtum für uns!

Lange Geraden gibt`s ab und zu, sind trotzdem nie langweilig zu fahren
Lange Geraden gibt`s ab und zu, sind trotzdem nie langweilig zu fahren

Canakkale – Istanbul
5.12.-10.12.2012
Das Wetter hat sich leider den Wettervorhersagen angepasst und uns auf den vier Tagesetappen bis Bandirma, an der südlichen Küste des Marmarameers, tiefhängende Wolken und Regen beschert. Wir einigen uns auf den Kompromiss, wenn schon Velofahren (es gäbe auch eine Busverbindung . . .), dann nur kurze Tagestouren um die 50 km, eine grössere Steigung mit einem Abstecher nach Gönen umfahren und in Bandirma die Fähre nach Istanbul nehmen. Ein Tag Reserve bleibt. Mal schauen, vielleicht gibt’s eine Tagestour von Bandirma auf die Halbinsel Kapadagi Yarimadasi mit leichtem Gepäck.
Auf die Frage „Können wir das Velo auf die Personenfähre nach Istanbul nehmen?“ erklärt der Sicherheitsmann bei der Gepäckkontrolle „Absolut kein Problem! Kommen Sie am Montagmorgen, wir fahren um 07.30, die Fahrt dauert ca. 2 Std.“. Super, das klappt ja prima. Es geht nichts über eine gute Vorbereitung, darum werden wir morgen Sonntag schon mal die Fahrscheine besorgen. Am Sonntagmorgen dann – wir haben den Tagestripp wegen Regen abgeblasen – dann die lapidare Auskunft „You have a problem, we don`t take bicycles on the passenger-ferry, you must take the car-ferry in the evening“ . . . das gibt’s doch nicht, so eine Schei . . .!! Die Personenfähre nimmt keine Velos mit. Jetzt müssen wir also heute Abend auf die Autofähre (18.30). Zum Glück bleibt Zeit zum Packen und Auschecken im Hotel. Eine Hotelnacht in den Sand gesetzt und mit dem Meer- und Schiffeschauen wird auch nichts. Zu allem Übel dürfen wir dann bei der Sicherheitsschleuse noch das Gepäck von den Rädern nehmen und röntgen lassen, müssen zum Glück aber nichts auspacken, das hätte noch gefehlt! (Gäll Bea, der Schwarzmaler hat so eine Ahnung gehabt . . . ).

Istanbul
Der Ärger ist schnell vergessen – wir sind in Istanbul! Nach 10 Wochen, 3093 gefahrenen Velokilometern und 19954 Höhenmetern ist das erste Ziel geschafft. Mit vielen Erlebnissen im Gepäck und ohne Pannen (Holz alänge!!) finden wir im Stadteil Üskündar, auf der asiatischen Seite des Bosporus, unsere neue Bleibe für die nächsten Wochen, ohne lange zu suchen. Der Ausblick auf die Bogazici Köprüsü (Bosporus Hängebrücke) ist malerisch und das Quartier mit seinen Holzhäusern, steilen Gassen, dem vielen Grün, den Lädeli und Ateliers gefällt uns auf Anhieb sehr – wir sind Glückspilze. Liebe Fidan, herzlichen Dank, dass wir während deiner Abwesenheit in deinem gemütlichen Heim wohnen dürfen! Miriam, Halis und Tuna: Ihr habt uns äusserst liebenswürdig empfangen, dies und das erklärt und uns geholfen, Tritt zu fassen. Ein ganz grosses Dankeschön!
A propos „steile Gassen“: steil ist leicht untertrieben. Pit musste gleich nach Ankunft zum Werkzeug greifen und die Cleats (Plättli an den Veloschuhen für die Klickpedale) demontieren. Das Auf und Ab auf den Quartierstrassen mit Plättli war fast wie eine Gletschertour ohne Steigeisen. Oder wie die Schweizer sagen: „ . . . so steil, man muss sogar die Hühner mit Eisen beschlagen“. Nein, echt, man kommt gehörig ins Schnaufen! Gut für unsere Fitness.
Bis ca. Mitte Februar geniessen wir Üskündar und Istanbul mit allem drum und dran und planen die Weiterreise im Frühling.
Herzlichen Dank allen „Mitreisenden“ für die guten Wünsche, aufmunternden Mails und Einträge im Gästebuch. Wir melden uns von Zeit zu Zeit und halten euch auf dem Laufenden.

  Liebe Verwandte, Freunde, Bekannte, Mitreisende

Wir wünschen euch besinnliche Festtage im Kreis der Familie

 und Zeit zum Erholen und Geniessen.

Zum Jahreswechsel ein Prosit,

verbunden mit den allerbesten Wünschen!

 

Herzliche Grüsse von Bea und Pit, momentan in Istanbul

   

Folge dem Traum, der dich ins Weite führt,
folge dem Lichstspiel der Sonne,
folge dem Klang fremder Lieder,
bis du ans Tor gelangst:
WILLKOMMEN in der Welt.
aus Kirgisien

Drei Wochen Istanbul – täglich fasziniert uns der Bosporus mit seinem nie abreissenden Strom an Frachtschiffen, Fähren und grossen Tankern. Im Viertelstundentakt, Tag und Nacht, gleiten sie an unserem Schaufenster vorüber; die grosse Hängebrücke überspannt das Wasser als eindrucksvoller Hintergrund. Nachts zieht sie alle Register, funkelt, flackert, imitiert fallenden Schnee, und das in sämtlichen (für uns) kitschigen Farben, eben so, wie die Türken es lieben. Wir vermuten in der Schweiz würde ein solches Spektakel nicht bewilligt, die Autofahrer wären zu sehr abgelenkt, die Unfallgefahr zu gross. Uns gefällt der Lichterregen sehr – willkommen am Bosporus!
Inzwischen kommen wir schon gut zurecht in Kuzguncuk. Pit hat einen neuen Haarschnitt verpasst bekommen (Fr. 10.-) und gelernt, dass hier die Haare nach dem Schneiden gewaschen werden (er wollte gleich nach dem Schneiden auf und davon . . .). Im kleinen Dorfladen an der Hauptstrasse begrüsst man uns bereits als gute Kunden. Weniger der grossen Einkäufe wegen, sondern weil uns das türkische Rotweinsortiment gefällt. Wir machen laufend neue Entdeckungen diesbezüglich und sind froh, eine alte Gewohnheit mit ins neue Leben nehmen zu können. Cay (Tee) trinken wir viel und gern. Als Ausgleich, sozusagen. Überhaupt ist Einkaufen jederzeit möglich, da die Läden sieben Tage offen haben, die kleinen Lebensmittelshops meist bis 22 Uhr. Und nicht zu vergessen die fantastischen Märkte in Istanbul und Üsküdar. Gemüse, Obst, Fisch, Fleisch – wir langen kräftig zu (vor allem Gemüse) und hoffen so, das Gewicht zu halten.


Nächste Woche werden unsere Räder geputzt, sofern uns nicht die Finger abfrieren. Einen Fahrradladen gibt es auf der europäischen Seite des Bosporus, da wollen wir neue Ketten montieren lassen. Die alten sind in den zweieinhalb Jahren lang und länger geworden und lassen sich nicht mehr richtig spannen.
Wenn alles gut geht, uns Winter und Wetter nicht zu viel Schnee und Regen in den Wege legen, dann wollen wir am 18. Februar zu neuen Ufern aufbrechen. Es kribbelt bereits in den Waden und im Bauch. Das tägliche Strampeln fehlt uns . . .

 

Alles Gute für das neue Jahr – Prosit 2013!

 

 

Wir haben einen ersten kleinen Filmversuch auf die Homepage gestellt. Zu finden unter der neuen Rubrik VIDEOS.

Pit will auf der weiteren Reise die GoPro Helmkamera vermehrt in die Hand nehmen. Mit etwas Routine wird dabei (hoffentlich) ab und zu etwas Schlaues heraus kommen.