Blick zurück auf ein tolles Jahr on Tour

Auf den Tag genau ein Jahr und einen Monat waren wir bepitha`s mit dem Velo unterwegs. 14`711 Kilometer im Sattel und 84`326 Höhenmeter kamen zusammen; mit dem Rad sind wir durch 23 Länder gefahren, mussten 3x einen Platten flicken und 3x einen Hinterreifen wechseln. Zwei kleine Stürze liefen glimpflich ab, sonst gab es – zum grossen Glück – keine gesundheitlichen Probleme. Statistik, mehr nicht.

Es war ein Probejahr, für das Material, für uns. Unsere zuverlässigen Reiseräder von Aarios (www.aarios.ch) haben schlechten Strassen, Sand, Schlamm, Schnee, Eis und viel Wasser getrotzt und uns mit gut 30 kg Gepäck jeden Tag zuverlässig getragen. Wir haben Erfahrungen gesammelt beim Pedalen, Zelten, Kochen, planen der Etappen, über den Umgang mit dem Internet.

Vor allem haben wir auch viel über uns, über das Fahren und Reisen zusammen, gelernt. Ja, es gab auch Krisen. Tage, an denen nur wenige Worte gewechselt wurden, wo offen war, ob wir die Tour zusammen weiter fahren wollen. Ohne Zweifel aber haben wir viele, viele wunderschöne Reisetage genossen, waren und sind uns bewusst, dass es ein grosses Glück und ein Privileg ist, zusammen unterwegs sein zu dürfen.

Wo es uns am besten gefallen hat? Wir haben in jedem Land tolle Gegenden durchfahren und Plätze angetroffen, wo wir möglichst rasch weiter wollten. Aufgewühlt haben uns Bulgarien und Moldawien. So viel triste Armut hätten wir mitten in Europa nicht erwartet (Bulgarien ist EU Mitglied). In Schweden, Finnland und Norwegen ist die Natur absolut der Hammer, wunderschöne Länder zum Radfahren. Mühe hat uns der oft distanzierte und eher kühle Kontakt mit der Bevölkerung gemacht, ganz im Gegensatz zur Türkei, wo wir herzliche Gastfreundschaft und viele, viele schöne Begegnungen erleben durften. Ähnlich haben uns Polen, Rumänien, die Ukraine und die Länder in Ex-Jugoslawien beeindruckt und manchmal beschämt.

Immer wieder aufs Neue gefreut haben uns die vielen Mails und guten Wünsche im Gästebuch. Herzlichen Dank allen, die uns regelmässig geschrieben oder sich von Zeit zu Zeit an uns erinnert haben. Wir freuen uns, weiterhin von euch zu hören!

Bewusst haben wir Routen abseits der Touristengebiete gewählt, um unseren Reiseländern nah zu kommen. Ausser einigen agressiven Hunden in Bulgarien und Rumänien hat uns nie jemand bedrängt oder gar bestohlen; wir haben uns nie bedroht gefühlt. Die mit Abstand grösste Gefahr geht vom Strassenverkehr aus. Wenige Male mussten unsere Schutzengel entschlossen eingreifen. Ein grosses Glück, dass wir nie zu Schaden gekommen sind.

Mit vielen Eindrücken, Erlebnissen und Begegnungen geht das Tourenjahr zu Ende. Wir haben nie nur eine Minute bereut, am 29. September 2012 losgefahren zu sein.

 

 

Die Bahnreise Budapest – Zürich verläuft ohne Zwischenfälle. Nur einmal, am Bahnhof Wien-Hütteldorf, beim Umsteigen auf den reservierungspflichtigen IC nach Salzburg, floss der Schweiss nochmals in Strömen. Der Zug hält nur zwei Minuten, das Gepäck muss abgeladen, die Velos im Wagen 18 an definierten Plätzen aufgehängt werden. Unsere Sitzplätze sind in Wagen 19. Das Drehbuch steht, der Wagenplan ist intus, das Einsteigen genau besprochen damit wir und alles Gepäck rasch in den Zug kommen. Pit traut der Sache nicht. Mit Bahn und Velos gab es für uns früher oder später immer Ärger. Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, aber es kommt wie es kommen muss. Kein Wagen mit Veloabteil in Sektor C, vorher keiner, hinten keiner. Von der Zugspitze ertönt ein Pfiff, wollen die etwa ohne uns abfahren? Händeringend und hektisch werfen wir das Gepäck in den nächstbesten Wageneingang hoch, die Velos „fliegen“ hinten nach. Wieder ein Pfiff, diesmal vom Zugende. Der Schaffner ruft von weit hinten, wo wir hin wollen. Im letzten Wagen sei Platz für die Velos. Also die Räder wieder raus (das Gepäck lassen wir drin), hetzen nach hinten. Ruhig, ruhig, ich bin der Zugchef und wir fahren erst ab, wenn ICH es sage, sie haben alle Zeit, meint der Schaffner gelassen. Eine Viertelstunde später, die Velos stehen in einem grossen Gepäckabteil samt allen Taschen und Packsäcken, atmen wir schweissgebadet durch und müssen lachen; wie schnell wir doch immer noch in Hektik verfallen können.

In München dürfen wir bei Franzi und Raik zu Gast sein. Die beiden leidenschaftlichen Tourenradfahrer trafen wir im Herbst 2012 im Tirol, haben zusammen auf einer Kuhweide gezeltet. Unsere erste tolle Bekanntschaft wird so zur letzten im Tourenjahr. Herzlichen Dank euch beiden für das Weisswurst-Nachtessen und das Dach über dem Kopf. Einen besseren Schlusspunkt hätten wir uns nicht wünschen können!

 

Budapest – wir haben die grosse Hauptstadt Ungarns an der Donau gleich ins Herz geschlossen. Von unserer Bleibe im Zentrum sind die meisten Sehenswürdigkeiten gut zu Fuss zu erreichen. Und zu Fuss sind wir ausgiebig unterwegs. Stundenlang jeden Tag. Jetzt, nachdem die Billette für die Rückreise in die Schweiz organisiert sind, ist der grosse Stein, der auf unseren Nerven lag, endlich in die Donau gefallen. Die Planung war einfach: wir nehmen den Nachtzug Budapest – Zürich mit Selbstverlad der Velos. Im Schlafwagenabteil des „Wienerwalzers“ im Traum zum rhythmischen Schlagen der Räder tanzen und morgens ausgeruht in Zürich ankommen. Das war die Idee. Beim Studieren des Fahrplans machen wir grosse Augen. Es gibt da nämlich Kleingedrucktes, diskret ganz unten am Rand, das darauf hinweist, dass Velos nur bis Ende September mitgenommen werden. Auweia . . . Die blasierte Dame am Infoschalter deutet auf die Frage, ob wir uns auf Englisch unterhalten können, ein leichtes Nicken an und schliesst kurz gönnerhaft die Augen. Dann dürfen wir der Königin untertänigst unseren Wunsch vortragen, worauf sie uns wortlos einen Papierfetzen mit der Abfahrtszeit 19.10 zuschiebt. Können wir wirklich mit den Velos mitfahren? Einen Wimpernschlag später sind wir entlassen. Pit muss kräftig durchatmen und auf Zehn zählen . . . Natürlich nimmt der Nachtzug jetzt im Oktober keine Velos mehr mit, was die Beamtin am Billetschalter kurz darauf bestätigt.

Zwei Tage später, nach diversen Mails und Stunden Fahrplan studieren am Laptop, telefonieren nach Österreich und Deutschland, immer wieder auf Antwort warten und einer stündigen Velotour quer durch die Stadt zum Bahnhof haben wir sie – fast unglaublich – endlich in der Tasche: unsere Billette, Reservationen und Velokarten für die Zugfahrt Budapest - Zürich! Das Heimkommen dauert 28 Std. und 24 Minuten mit fünf Mal umsteigen und Übernachten in München. Die Reise auf die Philippinen ist fast genau gleich lang.

Hallo Schweiz, wir kommen!

An der ungarischen Grenze.
An der ungarischen Grenze.

Wehmut auf den letzten Etappen

Noch vier wenig anstrengende und kürzere Etappen trennen uns von Budapest. Wir bummeln, ja trödeln bei immer noch herrlich warmem Herbstwetter auf kleinen Nebenstrassen fast ohne Verkehr der Grenze zu. Bald geht das erste Radtourenjahr zu Ende. Irgendwie unwirklich und kaum fassbar, die Velos, unsere treuen Begleiter auf vielen tausend Kilometern, für Monate in den Keller zu stellen. Das schon fast unverschämte Wetterglück der letzten Wochen macht das Aufhören noch schwerer. Wir lassen uns gaaanz langsam auf Budapest zutragen.

Bei Sturovo fliesst die Donau träge und breit als natürliche Ländergrenze vor uns. Wieder mal haben wir die alte Bekannte erreicht, freuen uns auf unser letztes Reiseland dieses Jahr, übrigens das 23., Ungarn. Am Abend stellen wir verwundert fest, dass die Preise irgendwie nicht zum Euro passen. 2600 für ein Nachtessen, 350 für ein Bier? Von wegen Euro, Ungarn hat den Forint – haben wir glatt verbummelt.

Gemäss Wetterbericht soll es ein, zwei Tage Regen geben. Noch schlüpfen wir unter dem grauen Himmel ohne einen Tropfen durch und hoffen, dass es bis Budapest so bleibt.

Am zweitletzten Tag macht der Wetterverantwortliche ernst und giesst Eimer um Eimer Nass über uns aus. Grosse Pfützen und zunehmender Verkehr sorgen dafür, dass wir abends bis auf die Haut schön gleichmässig durchweicht sind. Wäre doch zu schön gewesen, Ungarns Hauptstadt trocken zu erreichen.

Solche kleine Staubecken gibt es rund um Banska Stiavnica einige. Sie dienten zur Versorgung der mit Wasserkraft betriebenen Pump- und Förderanlagen in den Minenstollen.
Solche kleine Staubecken gibt es rund um Banska Stiavnica einige. Sie dienten zur Versorgung der mit Wasserkraft betriebenen Pump- und Förderanlagen in den Minenstollen.

Ein paar Tourenfahrer sind noch unterwegs auf dem Donauradweg. Bei strömendem Regen und heftigem Gegenwind (wir mit Rückenwind) kommen uns drei ältere Semester, Belgier auf Tour von Istanbul (hört, hört!) nach Wien, entgegen. Beim Morgenessen am letzten Tag sitzen Nina und Jan aus Hamburg am Nebentisch. Von der Quelle in Donaueschingen bis nach Budapest sind sie am Ufer des grossen Flusses pedalt. Wir fahren uns noch mehrmals an dem Tag über den Weg, geniessen mit ihnen in Budapest ein gemütliches Nachtessen zum Tourschluss. Gute Heimreise, ihr zwei!

Wir freuen uns auf die Tage in der Stadt. Gleich morgen werden zuerst die Bahnbillette in die Schweiz besorgt. Der „Wienerwalzer“ nimmt uns in einem Schuss bis nach Zürich mit. Wenn da nur nicht die Fahrräder wären . . . Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Indian Summer in der Tatra

Gleich vorneweg: Die Tour durch die Hohe und Niedere Tatra war eine der schönsten Strecken des ganzen Reisejahres. Ab Zakopane in Polen sind es knapp 20 Kilometer angenehme Passstrasse mit moderater Steigung und wenig Verkehr bis zur slowakischen Grenze. In gemächlichem Tempo strampeln wir Kurve um Kurve in die Höhe, lassen uns von der Morgensonne den Rücken wärmen und staunen immer wieder aufs Neue. Die Weite der bewaldeten Täler, schroffe Berghänge, gurgelnde Bäche und kleine Flüsse erinnern an Kanada. Was sich da vor uns ausbreitet . . . einfach schön mit dem Velo unterwegs zu sein und Zeit zu haben. Wir pedalen noch zwei Tage auf slowakischem Boden durch den Nationalpark Hohe Tatra. Der Fremdenverkehr ist ohne Zweifel der wichtigste Arbeitgeber.

Grosse Hotelkästen und schmucke Pensionen gibt es zuhauf. Ein Bett zu finden also kein Problem.

Vor allem im Winter muss mächtig viel los sein, wie die zahlreichen Pistenschneisen und Liftanlagen vermuten lassen. Und erst die Preise! 8 Euro für eine Ski-Tageskarte, 3 Euro für ein Tagesmenu – für uns schier unglaublich. Allerdings, das muss bemerkt werden, sind die Löhne hier in der Slowakei im Vergleich zur Schweiz sehr tief. Ein Forstwart, mit dem wir am Abend ins Gespräch kommen, erzählt uns, dass ein Arbeiter um die 600 Euro im Monat verdiene. Er selber, als Maschinenführer mit einem sehr guten Gehalt, bekomme gut 1000 Euro. Wieder einmal auf unserer Reise müssen wir feststellen, wie sehr wir in der Schweiz privilegiert sind.

Eine lange Abfahrt bringt uns nach Liptovsky Hradok und gleich geht’s wieder zur Sache. Die Niedere Tatra (die höchsten Gipfel gut 2000 m hoch) lässt den Schweiss erneut fliessen. Von wegen nieder . . . Obwohl die Slowaken nicht weniger schnell Auto fahren als die Polen, erleben wir sie als rücksichtsvoll uns Radfahrern gegenüber. Einige sprechen uns an, oder versuchen es zumindest. Mit unserem Slowakisch ist das so eine Sache . . .

Die Bergketten werden niedriger, dafür dürfen wir nach Brezno einen Vulkan erklimmen. Er sei erloschen, sagt der Beschrieb. Wir sind nicht ganz sicher, bei dem vielen Schweiss der fliesst und so wie wir dampfen. Auf der Strassenkarte sind so kleine schwarze Winkel eingezeichnet. „Steigung mehr als 10%“ sagt die Zeichenerklärung. Es gibt einige von diesen harmlos aussehenden Winkel auf unserer Strecke. Pit kurbelt wie ein Wilder um möglichst wenig Druck auf seinem abgefahrenen Ritzel zu haben und schafft (fast) alle steilen Abschnitte. Hoffentlich hält das kleine wichtige Teil bis nach Budapest.

Überwältigend der Ausblick nach der Passhöhe. Weite Wiesen schmiegen sich in sanften Wellen in den offenen Talkessel, Häuser und grosse Höfe garnieren das Ganze wie Schokostreusel. Wir fahren mitten im Nationalpark Polana.

Bis nach Budapest sind es nur noch gut hundertfünfzig Kilometer. Wir haben genügend Zeit und geniessen die kurzen Bummeletappen bei angenehmem Herbstwetter. Mal sind es 70 dann wieder nur 40 Kilometer am Tag.

Um den viel befahrenen Strassen auszuweichen, schlagen wir einen Bogen nach Westen. In Banska Stiavnica (seit 1993 im Weltkulturerbe-Verzeichnis der UNESCO), einer Kleinstadt mit sehr alter Geschichte, stellen wir die Räder zwei Tage in die Ecke. Zufall, dass wir ausgerechnet hier landen. Die Stadt liegt in einem Gebiet vulkanischen Ursprungs, ist Landschaftsschutzgebiet und bereits in der Steinzeit war die Talsenke besiedelt. Die Kelten wuschen Gold und Silber aus den Bächen, später wurden die Edelmetalle in Stollen gefördert. 1735 ist in Schemnitz, heute Banska Stiavnica, die Bergakademie gegründet worden, sie gilt als älteste technische Universität weltweit. Besonders sehenswert ist die barocke Calvary Kapellenanlage (http://www.de.wikipedia.org/wiki/Calvary Chapel) auf dem Scharffenberg, einem Vulkankegel im Südosten der Stadt. Es soll die bedeutendste solche Anlage in der Slowakei, wenn nicht gar in Europa sein.

Eine interessante Kleinstadt also und für unsere Pausentage wie geschaffen.

Endlich weg von der grossen Strasse acht Kilometer nach Krakau.
Endlich weg von der grossen Strasse acht Kilometer nach Krakau.

Von Krakau in die Hohe Tatra

Für die 135 Kilometer bis in das grösste Wintersportzentrum Polens, Zakopane, setzen wir drei Tage im Tourenplan ein. Sicher, es ginge auch kürzer, aber erstens haben wir Zeit, zweitens geht’s in die Berge und drittens sind die Temperaturen stark gefallen. Das Pedalen auf und neben den 4- und 6-spurigen Ausfallstrassen Krakaus ist Pflichtarbeit, die wir flüssig hinter uns bringen. Die Landschaft hat sich markant verändert. Die vorerst sanften Hügel werden zunehmend höher, bald zeigen sich Berge am Horizont, die Hohe Tatra und damit unser nächstes Zwischenziel schiebt sich aus dem Dunst. Wären da nicht die teilweise unaussprechlichen Ortsnamen (für uns), wir würden meinen durch das farbig-herbstliche Emmental oder Appenzell zu fahren. Gefällige Holzhäuser, sauber gemähte Wiesen, tolle Strassen und wieder mal – sehr viel Verkehr.

Die Tage sind kalt und die Nächte eisig (bis 4 Grad minus) geworden. In Chabowka nehmen wir uns Zeit, eine alte Holzkirche aus dem 17. Jh. und das interessante regionale Volkskundemuseum im innern zu besuchen. Überraschend treffen wir am zweiten Tag einen weitgereisten Tourenfahrer, die erste solche Begegnung seit vielen Wochen. Der Norweger schmunzelt als er erfährt, dass wir ein Jahr unterwegs sind. Er ist mit kleinen Unterbrüchen seit 1996 on Tour, hat Europa, Malaysia, Papua Neuguinea, China, Laos, Vietnam und Kambodscha mit dem Rad erkundet, Australien umrundet und will nun über die Türkei, den Iran und Pakistan nach Indien. Wir wünschen ihm gute Fahrt und träumen die nächste Stunde von weit entfernten Ländern, einsamen Strassen, fremden Kulturen . . .

Nach den happigen Steigungen der letzten Tage ist die Schlussetappe nach Zakopane ein Klacks.

 

Nach einem Jahr unterwegs erschien am 3. Oktober 2013 ein Bericht über unsere Reise im Bieler Tagblatt.

Bieler Tagblatt 3.10.2013.pdf
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Zakopane

Mit 28`000 Einwohnern ist der Sommer- und Wintersportort im südlichsten Teil Polens, nahe der slowakischen Grenze, recht gross. In der Hochsaison muss der Rummel im 850 m ü.M. gelegenen Ort enorm sein. Wie man uns erzählt, sind Gäste aus der ganzen Welt anzutreffen. Russen, Engländer, Spanier, Amerikaner und zunehmend Europäer wählen die Region für den Urlaub. Den Boom der letzten Jahre hat begünstigt, dass viele die hohen Preise in den klassischen Wintersportorten, bedingt durch wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Europa, nicht mehr bezahlen können oder wollen und daher hierher ausweichen. Die Preise sind moderat oder gar günstig, die Qualität der Pensionen, Hotels und Appartements sehr gut. Mit Englisch oder Deutsch kommt man fast überall durch, selbst der Kutscher kann mit ein paar Brocken Englisch den Weg erklären. Wir fühlen uns trotz der vielen Touristen wohl. Ist ja nur für drei Tage.

Das Wetter ist absolut der Hammer. Der herbstliche Wald lässt keine Farbvariante zwischen Dunkelrot und Hellgelb aus. Tagsüber ca. 12 Grad, nachts bis -6 Grad und kalter Wind lassen uns die warmen Socken, Handschuhe und Mützen aus den Taschen kramen. Den Nationalpark Hohe Tatra erreichen wir zu Fuss in zehn Minuten, für uns Wandervögel und Bergfans eine Einladung, das Velo in die Ecke zu stellen und die eine oder andere Tour zu machen. Wolf und Bär sind im Park heimisch, Bären kommen mitunter bis nach Zakopane, wie uns unser Gastgeber am niedergedrückten Zaun zeigt. Wir erkunden nur einen kleinen Teil des 211 km2 grossen UNESCO-Biosphärenreservats und sind begeistert.

Der Ausflug mit der Seilbahn auf den 1986 m hohen Kasprowy Wierch war besonders speziell. Geschlagene zwei Stunden anstehen – für uns eine echte Geduldsprobe und absolute Ausnahme. Die Kasse wird genau für 30 Personen geöffnet, dann wieder warten, bis die nächste Gondel kommt. Noch mehr staunen wir, dass die Kabine eigentlich für 60 Pers. ausgelegt ist, also halbvoll bergwärts fährt! Wer eine Rückfahrkarte kauft (wir wandern), darf erst nach zwei Stunden talwärts fahren, Fahrkarten können nur unmittelbar vor der Fahrt gelöst werden. Geduldig, ruhig, ohne Gedränge und Schimpfen stehen die Polen an. Wie wir ungeduldigen Eidgenossen wohl eine solche Organisation in der Schweiz kommentieren würden? Abends löst sich unser Rätsel auf. Wir erfahren, dass mit diesen Einschränkungen die Besucherzahl im Park und damit die Störungen der Natur geregelt werden. 180 Pers./Std. soll die Bahn maximal auf den Berg befördern. Alles klar, also alles halb so wild.