Peru: 31'100'000 Einwohner

Hauptstadt: Lima

 

19. Mai bis 30. August 2017

2'982 km und 39'884 Höhenmeter mit dem Fahrrad gefahren.

Ab 21.8.2017

Peru liegt hinter uns. Ein tolles Land mit grandioser Natur und fantastischen Routen zum Velofahren. Peru hat uns weit abseits der Dörfer und Städte am besten gefallen.

Der Titicacasee ist 17x grösser als der Bodensee.
Der Titicacasee ist 17x grösser als der Bodensee.
Noch ein Tag bis Bolivien.
Noch ein Tag bis Bolivien.

Ab 5.8.2017

Grosses Hallo! Radfahrer sind im Dorf! Immer wieder schöne Momente.
Grosses Hallo! Radfahrer sind im Dorf! Immer wieder schöne Momente.

Cusco

Barcelona? Madrid? Paris? Sind wir wirklich noch in Peru? Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus, sind irritiert, uns fallen beinahe die Augen aus dem Kopf. Saubere Strassen, nirgends Müll, alle Häuser der Innenstadt haben ein Dach, die alten aus der Kolonialzeit sind schön renoviert, gepflegte Grünanlagen und Parks, Kaffees und Restaurants, die den Namen auch verdienen und wo die Gäste auf Terrassen im Freien (!) die Sonne geniessen können. In Hotelzimmern sorgt bei Bedarf ein elektrischer Heizkörper (!) für Behaglichkeit und wir staunen nicht schlecht, dass an Hotelrezeptionen, in Restaurants und bei Tourenanbietern Englisch gesprochen wird. Peruaner können tatsächlich geschäftstüchtig sein!

Es gibt sogar einen McDonald’s an der Plaza des Armas (den ersten, den wir in Peru sehen) und eine Strasse weiter bietet ein Restaurant Käsefondue und Fondue Chinoise an. Nie vorher waren wir in so sauberen Markthallen. Die Marktfrauen in weissen Schürzen, keine stinkenden, überquellenden Mülltonnen, keine Hundemeute, die die Essensstände und Fleischertheken belagert. Hunde? Wo sind die ganzen Hunde geblieben?! Die Innenstadt ist praktisch hundefrei! Die vielen Touristen dürfen die Strassen ruhig überqueren, ohne dass sie gnadenlos weggehupt werden, ja die Autos halten an den Fussgängerstreifen sogar an!

Den Touristen gefällt Cusco. Was für ein Bild von Peru nehmen die vielen hunderttausend Reisenden, die über Lima nach Cusco jetten, Machu Picchu überschwemmen (allein eine Million im Jahr), einen mehrtägigen Urwaldtrip buchen und einen Abstecher zum Titicacasee machen, im Kopf mit nach Hause? Viel, viel Geld und westliche Gewohnheiten versetzen hier tatsächlich Berge. Wir staunen, was in Peru möglich ist (oder wäre).

Inkaweg nach Lamay.
Inkaweg nach Lamay.

Als ideales Kontrastprogramm zu Machu Picchu bietet sich die ca. 9-stündige Wanderung von Tambomachay, einem Wasserheiligtum der Inkas ein paar Kilometer nördlich von Cusco, nach Lamay an. Die geführte Wanderung wurde wegen mangelnder Nachfrage aus den Programmen gestrichen, sie ist in keiner der offiziellen Karten bei den Tourenveranstaltern verzeichnet.

Wir marschieren früh los und werden kurz später angehalten. Je 70 Soles (ca. 50 US$ für zwei Eintrittskarten, die zum Besuch von vier Ruinenstätten der Inkas in zwei Tagen berechtigen) wollen sie uns abknöpfen, nur weil der Weg durch die Inkaruinen führt. Wandervögel sind nicht vorgesehen. Wir umgehen das Heiligturm durch das Dorf und sind bald allein unterwegs. Der Pfad führt über weite Grasflächen und entlang tief eingeschnittener Täler auf 4350 m ü.M. Nach dem Rummel der Stadt legt sich die absolute Ruhe wie Watte auf unsere Ohren. Neugierige Lamas, Andengänse und Enten an malerischen Lagunen, zwei, drei Hirten, ansonsten sind wir den ganzen Tag allein unterwegs.

An vielen Berghängen sind die Spuren ehemaliger Äcker zu erkennen, einige sind wohl sehr alt. Noch heute pflanzen Bauern Kartoffeln an, bis auf 4300 m ü.M.! Interessant sind die Hügelgräber am Weg. Was es mit den Grabstätten, die bis heute benutzt werden, auf sich hat, haben wir nicht herausgefunden.

Eine wunderschöne Genusswanderung! Vor Lamay führt der Inkaweg durch eine enge Schlucht, vorbei an den Inkaruinen von Huchuy Qosqo steil ins Tal nach Lamay. „Bitte die Tickets vorweisen“, unvermittelt steht ein Aufseher vor uns. Nein, wir kaufen auch hier keine, setzen unseren Weg fort, während er mit Vorgesetzten (oder der Polizei?) telefoniert. Ohne weitere Scherereien bringt uns ein Collectivo (Minibustaxi) von Lamay zurück nach Cusco.

Wir können die 25 km lange Wanderung (mit Einschränkung betr. der Tickets) sehr empfehlen. Wer auf GPS zurückgreifen kann, sollte das tun. Der Pfad ist nicht markiert und auf einigen Abschnitten führen viele Spuren nach Lamay.

Ruhige Zeltnacht an der Laguna Aqupiya Qucha.
Ruhige Zeltnacht an der Laguna Aqupiya Qucha.

Lagunen und viel, viel wunderschönes Nichts

Neunzig Kilometer mühen wir uns nach Cusco mit dem Verkehr auf der Panamericana ab, dann endlich geht’s scharf rechts Richtung Laguna Pomacanchi. Unsere Wiener Radlerfreunde haben vor einem Jahr die gleiche Richtung eingeschlagen und waren begeistert.

Die 200 km bis Ayaviri sind wirklich eine Wucht! Malerisch reihen sich die vier Lagunen aneinander, Verkehr gibt es hier so gut wie keinen. Die anmutigen Andenflamingos lassen sich von uns nicht stören. Nach einer ruhigen Zeltnacht an der Laguna Aqupiya Qucha geniessen wir noch eine Weile Asphalt, dann gibt’s 160 km Piste.

Für einen Schwatz, soweit das mit unseren bescheidenen Spanischkenntnissen möglich ist, nehmen wir uns gerne Zeit.
Für einen Schwatz, soweit das mit unseren bescheidenen Spanischkenntnissen möglich ist, nehmen wir uns gerne Zeit.
Die Weite der Landschaft hat etwas Berauschendes. Weit und breit kein Dorf, keine Stadt.
Die Weite der Landschaft hat etwas Berauschendes. Weit und breit kein Dorf, keine Stadt.

Die weite Landschaft, unterbrochen von Bergen die wie Hügel aussehen, könnte eine angenehme Meereshöhe vortäuschen, wären da nicht die kalten Nächte und die Kurzatmigkeit der gut 4000 m ü.M.

„Hörst du das?“, „nein, ich höre nichts“. Eben. So viel schönes Nichts, so viel absolute Ruhe ist eine spezielle Erfahrung für uns Schweizer aus dem engen, dicht besiedelten Mitteleuropa. Manchmal ist bis zum Horizont kein Haus, nicht ein Bauernhof zu sehen.Kurz nach Yanaoca verdunkelt sich der Himmel unvermittelt, heftige Windböhen machen das Fahren fast unmöglich. Gibt es etwa Regen? So hat das Weiterfahren keinen Sinn. Mit Mühe finden wir einen einigermassen geschützten Zeltplatz, erste Tropfen fallen. Komisch schleifende Geräusche lassen Pit in den frühen Morgenstunden auffahren. Es schneit! Schwer drückt nasser Schnee auf das Zelt. Eine weisse Decke hat sich am Morgen über Zelt und Fahrräder gelegt. Zum Glück hält sich die weisse Pracht nicht lange und wir müssen nicht umkehren.

 

Wie ein Hammer trifft uns die laute, hupende Realität in Ayaviri. Heute verliert Cerro de Pasco unser Label als schmutzigste Stadt in Peru; wir überreichen die Auszeichnung Juliaca. Grauenhaft. Rasch weiter nach Puno am Titicacasee. Endlich Pausentage in einem schönen Hotel am See. Wir haben sie mehr als nötig.

 

Unsere gefahrene Strecke versuchen wir so oft als möglich zu aktualisieren. Sie ist zu finden unter der Rubrik „Bereiste Länder und gefahrene Routen 2012-2017“.

Ab 23.7.2017

Die alte Brücke in Izuchaca am Rio Mantaro.
Die alte Brücke in Izuchaca am Rio Mantaro.
150 Meter über eine stillgelegte Bahntrasse, das ist die einzige Zufahrt zum "Hotel".
150 Meter über eine stillgelegte Bahntrasse, das ist die einzige Zufahrt zum "Hotel".

Entlang dem Rio Mantaro

Wir bleiben auf der mässig befahrenen, gut ausgebauten Carretera Central Sur, pedalen noch eine Weile bei schönstem Wetter auf gut 4000 m. Nur gemächlich rollen wir bis Huancayo auf 3200 m hinunter um dann nochmals einen langen Anstieg zum 3900 m hohen Abra Imperial unter die Räder zu nehmen, und dann, endlich, geht es hinunter zum Rio Mantaro, dem wir während der nächsten zwei Tage folgen.

Ein wildes, urtümliches Tal, das der Fluss über Millionen Jahre gegraben hat. Fantastisch die mächtigen Felsformationen und Schichtungen in den verschiedensten Grün-, Blau- und Rottönen. Dort, wo der Rio Mantaro breite, fruchtbare Flussterrassen zurückgelassen hat, haben Bauern neben Maisfeldern und Gemüsekulturen grosse Avocado-Haine angelegt. Die Früchte werden u.a. auch nach Europa exportiert. Das satte Grün der Bäume und Felder bildet einen starken Kontrast zu den trockenen, mit Kakteen bewachsenen Berghängen. Nach und nach wird es (endlich) wärmer – wie guuut das tut!

Früh los an einem Montagmorgen.
Früh los an einem Montagmorgen.

Die oft schlechte Strasse schleicht an einigen Stellen haarscharf am Abgrund entlang. Zahlreiche Kreuze am Strassenrand hindern die Autofahrer nicht, wie die Wilden durch die zahlreichen, unübersichtlichen Kurven zu jagen, inklusive Dauergehupe, versteht sich. Gemäss Höhenprofil sollte die Strasse abwärts führen, allerdings scheint sie Wasser nicht zu mögen, welchen Grund gäbe es sonst, zwei Radfahrer immer wieder die Berghänge hochzujagen? Trotzdem, wir geniessen das Fahren auf der abwechslungsreichen Route. Vermutlich liegen die interessantesten Strecken von Peru nun hinter uns.

Das Fahren entlang dem Rio Mantaro war das Schönste auf dem Weg nach Ayacucho. Das Andere lassen wir weg.

Interessant, die verschiedenen Farbnuancen der Berghänge.
Interessant, die verschiedenen Farbnuancen der Berghänge.

So werden wir in Ayacucho empfangen. Auf zwei Kilometern zum Himmel stinkender Müll beidseits der Strasse. Diese „Visitenkarte“ hat Ayacucho nicht verdient, ihr Verantwortlichen der Stadtregierung!

Von uns beobachtet: in Kolumbien und Myanmar haben Dorfbewohner in einer gemeinsamen Samstagsaktion ihre Dörfer sauber gefegt.

Ab 9.7.2017

Auf dem Altiplano nach Cerro de Pasco gibt es sehr viele Vicuñas. Sie sind scheu und trotzdem neugierig. Stehen bleiben oder flüchten?
Auf dem Altiplano nach Cerro de Pasco gibt es sehr viele Vicuñas. Sie sind scheu und trotzdem neugierig. Stehen bleiben oder flüchten?
Abwechslungsreiche Strasse nach Huallanca.
Abwechslungsreiche Strasse nach Huallanca.

Von grossen Höhen, Durchfall und Rücksichtslosigkeit auf vier Rädern

Unglaublich, wie ruhig die Velos auf der gut ausgebauten Strasse vom 4720 Meter hohen Abra Yanashalla abwärts rollen! Leise schnurren die Räder, dafür nerven die bellend hinter uns her jagenden Köter, nur dass wir für einmal schneller sind, als sie. Nach einer angenehmen Hotelnacht in der kleinen Bergbaustadt Huallanca pedalen wir auf der zunehmend schlechter werdenden, schmalen Strasse nach La Union weiter talwärts, hier ist dann Schluss mit Asphalt. Bei jedem Auto, das uns kreuzt, geraten wir in einen veritablen Wirbelsturm. Wie kleine Hosenscheisser im Sandkasten schlucken wir auf den nächsten 70 Kilometern bis zum 4000 m hohen Corona del Inka Händevoll Dreck. Von Abhärten kann bei uns keine Rede mehr sein. Rücksichtslosigkeit, Ignoranz und Dummheit auf vier Rädern, einmal mehr. Nur 15 Sekunden weg vom Gas wäre für uns schon fast das Paradies. Zum Glück liegt unser Zeltplatz am Fluss genügend weit abseits der Strasse.

Corona del Inka (Inkakrone), das Wahrzeichen des gleichnamigen, 4000 m hohen Passes.
Corona del Inka (Inkakrone), das Wahrzeichen des gleichnamigen, 4000 m hohen Passes.
Es war eine bitterkalte Nacht. Das Innenzelt ist mit Eiskristallen überzogen. Erst um 8 Uhr überwinden wir uns, aus den Schlafsäcken zu kriechen.
Es war eine bitterkalte Nacht. Das Innenzelt ist mit Eiskristallen überzogen. Erst um 8 Uhr überwinden wir uns, aus den Schlafsäcken zu kriechen.

Peruaner und Autofahren - eine delikate Kombination. Man muss auf den Strassen stets mit allem rechnen. Der Kopf des peruanischen Autofahrers ist eine riesengrosse Autohupe, von der er immer und überall Gebrauch macht, meist ohne triftigen Grund, z.B. morgens um halb Sechs vor dem Hotel, wenn er einen Kollegen abholt und zu faul ist, aus dem Auto zu steigen. Da kennen die Indianer nichts. Das kann manchmal zu lustigen (für uns) Situationen führen, wenn z.B. zwei Autos auf eine unübersichtliche Kurve zurasen, beide Fahrer hupen, in der Meinung, dass der Entgegenkommende ausweicht und sie dann nach einem heftigen Bremsmanöver Kühlerhaube an Kühlerhaube im Staub dastehen. Claro, wie kann man den Kopf gebrauchen, wenn man keinen hat?

Ein peruanisches Hotel, wie oft anzutreffen. Die meisten Zimmer haben keine Fenster oder nur kleine Oberlichter.  Enge Treppenhäuser, sowieso nie einen Lift.
Ein peruanisches Hotel, wie oft anzutreffen. Die meisten Zimmer haben keine Fenster oder nur kleine Oberlichter. Enge Treppenhäuser, sowieso nie einen Lift.

„Hello Peter“ tönt es unvermittelt von hinten, kurz vor der Passhöhe holen uns Rico und Valentina, die wir von Pallasca her kennen, ein. Wir freuen uns sehr über das Wiedersehen, rollen gemeinsam die kurvenreiche, nur teilweise asphaltierte Strasse hinunter nach Huànuco (1900 m ü.M.). Zeit für Pausentage. Wir sind müde, schlapp, Bea plagen erneut Bauchschmerzen und heftiger Durchfall, mit Unterbrüchen muss sie seit fast drei Wochen unten durch. Woher nimmt sie die Kraft für die hohen Pässe?

Recherchen im Internet lassen uns vermuten, dass die Magenprobleme mit den rasch wechselnden grossen Höhenunterschieden in kurzer Zeit – zuletzt von 4870 m auf 2000 m - zu tun haben könnten. Viel, viel trinken kann Abhilfe schaffen. Weil infolge des geringeren Sauerstoffanteils in der Luft kurzfristig zu wenig rote Blutkörperchen vorhanden sind, greift der Körper zu einem Trick und dickt das Blut in grosser Höhe ein, indem er den Wasseranteil verringert. Das Wasser wird mit dem Urin und über den Darm ausgeschieden, u.a. als wässriger Durchfall. Wieder etwas gelernt. Wir werden das in Zukunft genau beobachten und entsprechend vorbeugen.

 

Cerro de Pasco, eine der höchstgelegenen Städte der Welt.
Cerro de Pasco, eine der höchstgelegenen Städte der Welt.

Cerro de Pasco

Viel Lastwagenverkehr, jede Menge Müll am Strassenrand und eine eher langweilige Route – die rote 3N nach Cerro de Pasco auf 4340 m ü.M. bietet wenig Beschauliches. Die 70'000 Einwohner-Bergbaustadt gilt als eine der höchstgelegenen Städte der Welt (abgebaut wird Gold, Silber, Blei, Zink, früher auch Kupfer). Nach einer bitterkalten Zeltnacht auf gut viertausend Metern – wir meinen, es war für uns die bisher kälteste im Zelt – ist Cerro de Pasco erklommen. Die Höhe macht zu schaffen. Bea meint, sie fühle sich atemlos wie Helene Fischer.

Wir verlassen die dreckige Minenstadt nach einer Hotelnacht ohne Wehmut. Die Einwohner werfen ihren Hausmüll an Sammelplätzen auf stinkende Haufen, ein Eldorado für die vielen streunenden Hunde in der Stadt. Wir sind ja einiges gewohnt, aber so zu leben . . . Vorbeugend gegen etwelche „Käfer“ kaufen wir eine kleine Flasche Ruhm, was nicht so einfach ist, da der kleine Peruaner im Laden meint, er könne Bea keinen Schnaps verkaufen, da die Flasche zu weit oben im Regal stünde(!?). Pit erledigt das mit einem Handgriff vor dem verblüfften Verkäufer. So geht Marktwirtschaft!

Reserva nacional de Junín
Reserva nacional de Junín

Reserva nacional de Junín

 Nach Cerro de Pasco fahren wir in einem anderen Peru, in einer anderen Welt. Vor uns erstreckt sich eine weite, topfebene Grassteppe, ein dunkler Strich in der Ferne lässt den Lago Chinchaycocha vermuten. Wir wählen wegen des penetranten Verkehrs die Strasse rechts am See vorbei. Bis Vicco ist sie asphaltiert, dann gibt’s groben Schotter und Staub, alles wie gehabt. Ab und zu ein Auto, dafür beäugen uns scheu aber doch neugierig Dutzende Alpakas aus sicherem Abstand. Sonst sind wir allein, geniessen die Ruhe. Selbst Pit fährt heute entgegen seiner Vorliebe in lang, hat sogar die warmen Handschuhe und das Stirnband montiert. Trotz Sonnenschein ist es auf 4100 m ü.M. ungemütlich kalt.

Ausser an der Sonne und im Hotelbett/Schlafsack gibt es für uns in Peru keine Möglichkeit, die Kälte aus den Gliedern zu schütteln. Die Türen der Restaurants stehen meist weit offen, gekocht, serviert und verkauft wird in Daunenjacke und Wollmütze. Wohnhäuser, Beizen und Hotels besitzen keine Heizung. Schlecht schliessende Fenster mit Einfachverglasung, Türen ohne Dichtungen, eiskalte Steinböden und lauwarmes Duschwasser (ab und zu gibt es nur einen Wasserhahnen . . .) machen die Räume zu ungemütlich kalten Löchern. Die Peruaner sind hart im Nehmen.

Der Lago Chinchaycocha und sein Kilometer breiter Sumpfgürtel sind ein grossartiges, faszinierendes Vogelparadies, kein Wunder wurde das 25 km2 grosse Gebiet bereits 1974 zum Reserva nacional de Junín.

Besonders angetan haben es uns die unzähligen rosaroten Anden-Flamingos. Wir nehmen uns viel Zeit um die schlanken, zarten Vögel zu beobachten und die weite Landschaft zu geniessen. Auf dieser Seeseite gibt es nur zwei Dörfer, ab und zu kreuzt uns ein Auto, ansonsten gehören die 80 km Schotterstrasse uns allein. Einmal mehr hat sich jeder erkeuchte Höhenmeter gelohnt. Grandios, da sein zu dürfen.

Ab 5.7.2017

Eine der seltensten Pflanzen der Erde, die Puya raimondii (Riesenbromelie), der gleichen Familie wie die Ananas zugehörig. Die riesige Kerze wächst in Peru, Bolivien und Chile an wenigen Orten zwischen 3500 und 4500 m ü.M., wird bis zu 10 m hoch und besitzt mit bis

zu 8 m den längsten Blütenstand der Welt mit tausenden von Einzelblüten.    

Parque Nacional Del Huascaran

Das Fahren auf der 3N nach Huaraz Richtung Süden ist bis auf die grandiosen Ausblicke in die Cordillera Blanca unspektakulär. Die weisse Bergkette wird ihrem Namen absolut gerecht. Nach jeder Strassenbiegung geht ein neues, grandioses Schaufenster auf. Rund um den 5947 m hohen Alpamayo, mit seiner fast perfekten Eispyramide gilt er als einer der schönsten Berge der Welt, buhlen über 50 mehr als 5700 m hohe, weisse vergletscherte Gipfel um Aufmerksamkeit. Der Fotoapparat steht im Dauereinsatz. Wir kommen, ihr glänzenden Riesen!

Der wenige Verkehr ist für uns schon zu viel, insbesondere die Kleinbusfahrer nerven zeitweise durch ihre blöde Fahrweise gewaltig. Fluchen und Zeichensprache wie gehabt? Nein, das kann es nicht sein, wieder in alte Gewohnheiten zurückzufallen. Immerhin gleichen wir unser schlechtes Benehmen durch eine 8-Soles-Spende für eine neue Kirchentüre bei einem Essensstand wieder etwas aus.

Hier sprudeln Quellen tief aus dem Untergrund.
Hier sprudeln Quellen tief aus dem Untergrund.

Sechs Kilometer hinter Catac biegen wir auf die unbefestigte Carretera a Pastoruri ab und sind unvermittelt allein in einem weiten Bergtal. Auf dieser abgelegenen Schotterstrasse im Süden des Parque National Del Huascaran begegnen uns in den nächsten drei Tagen nur eine Handvoll Autos und Kleinbusse. Wir wollen diesmal hoch hinaus, wissen nicht, ob und wie wir die Herausforderungen, die wir uns eingebrockt haben, auslöffeln. Für drei Tage sind Lebensmittel gebunkert, der Wasserfilter sollte funktionieren, die warmen Kleider liegen griffbereit oben in den Taschen. „Nur“ 55 km sind es bis zur Passhöhe des Janas Halla (4720 m). Was nach einer lockeren Tagesetappe aussieht, wird uns mit Bestimmtheit länger zu kauen geben.

Am Nachmittag überfahren wir die 4000 m-Höhenkurve. Ausser zähes Gras, kleine Kakteen und wenige niedrige Büsche wächst hier oben nichts mehr – meint man, bis sie unvermittelt am Berghang auftaucht, eine der seltensten Pflanzen der Erde, die Puya raimondii (Riesenbromelie), der gleichen Familie wie die Ananas zugehörig. Die riesige Kerze wächst in Peru, Bolivien und Chile an wenigen Orten zwischen 3500 und 4500 m ü.M., wird bis zu 10 m hoch und besitzt mit bis zu 8 m den längsten Blütenstand der Welt mit tausenden von Einzelblüten. Obwohl die Pflanze über 100 Jahre alt werden kann, blüht sie nur ein einziges Mal mehrere Monate und stirbt dann langsam ab. Hunderte dieser riesigen Bromelien stehen wie einsame Wächter an den Berghängen. Wir nehmen uns viel Zeit für diese seltenen, skurrilen Pflanzen, die so gar nicht in diese Hochgebirgslandschaft passen wollen. Einmal mehr faszinierende Natur!

Die Puya raimondii lässt tausende von Blüten erblühen. Nur einmal schafft sie diesen Kraftakt, dann stirbt sie langsam ab.
Die Puya raimondii lässt tausende von Blüten erblühen. Nur einmal schafft sie diesen Kraftakt, dann stirbt sie langsam ab.

Bis zum Eingang des Nationalparks lässt sich der Schotterweg gut fahren. Wir registrieren uns, bezahlen den Eintritt und finden wenig später einen geschützten Zeltplatz auf 4180 m ü.M. Nach den letzten Sonnenstrahlen wird es bitterkalt. Wir verkriechen uns früh mit Daunenjacken, Mütze und warmen Socken in die Schlafsäcke. Unser Zelt ist am Morgen innen und aussen mit einer feinen Eisschicht überzogen, das Trinkwasser in den Petflaschen gefroren. Das wiederholt sich in den folgenden Nächten auf 4400 m und 4680 m. Überraschend ist, dass wir trotz der grossen Höhe gut schlafen, selbst unser Benzinkocher funktioniert einwandfrei.

4874 m ü.M., unser persönlicher Rekord! Nie vorher waren wir zu Fuss, geschweige denn mit dem Velo so hoch unterwegs.
4874 m ü.M., unser persönlicher Rekord! Nie vorher waren wir zu Fuss, geschweige denn mit dem Velo so hoch unterwegs.
Sehnsüchtig erwartet, die ersten Sonnenstrahlen am Morgen.
Sehnsüchtig erwartet, die ersten Sonnenstrahlen am Morgen.

Die Landschaft ist in ihrer Abgeschiedenheit und Ruhe überwältigend schön. Auf weiten Talweiden grasen da und dort Kühe, Schafe und ein paar Pferde, die Hirten hausen in einfachen Grashütten. Wir sind ihnen nah gerückt, den vereisten Gipfeln und mächtigen Hängegletschern. Nach der Abzweigung zum Pastorurigletscher sind wir endgültig allein unterwegs. Bis zum Gletscher lassen sich die wenigen Touris in Kleinbussen fahren, der Rest scheint nicht interessant. Uns ist das mehr als recht.

Nur unser Keuchen unterbricht die Stille. Die Höhe macht uns zu schaffen. Das Zelt aufbauen oder das Velo beladen wird zur Schwerarbeit. Je höher wir klettern, je mehr schieben wir die Räder, machen immer wieder kurze Pausen. 4873 m ü.M., unser persönlicher Rekord! Nie vorher waren wir zu Fuss, geschweige denn mit dem Velo so hoch unterwegs.

Wir schmunzeln: Vor drei Jahren haben wir uns nicht an den Pamir Highway mit seinen 4000er Pässen gewagt. Nun treten wir hier in den Anden auf fast 5000 m ü.M.

Ja, wir haben das Eingebrockte ausgelöffelt und in die Glücksgefühle mischt sich etwas Stolz. Wir sind ja nicht mehr Mitte Zwanzig. Vier grandiose Tage mit Fleisch am Knochen liegen hinter uns. Wunderschön war sie, diese Tour!

Um 19 Uhr liegen wir dick vermummt in den Schlafsäcken. Wir geniessen das Lesen an der Wärme und die Ruhe im Hochgebirge.
Um 19 Uhr liegen wir dick vermummt in den Schlafsäcken. Wir geniessen das Lesen an der Wärme und die Ruhe im Hochgebirge.

Ab 14.6.2017

Alle wollen mit auf's Bild. Übernachten im kleinen Dorf Cachicadan.
Alle wollen mit auf's Bild. Übernachten im kleinen Dorf Cachicadan.
Hier ist die südamerikanische Machowelt noch in Ordnung.
Hier ist die südamerikanische Machowelt noch in Ordnung.

Weitere Leckerbissen bis Caraz

Nach Pausentagen und versorgt mit feinem Käse(!), Trockenfrüchten und Nüssen (findet man tatsächlich auf dem Markt) verlassen wir Cajamarca; wie Pit mit Blick auf die Strassenkarte meint, werden die nächsten Tage weniger anstrengend. Bea hätte wetten mögen, dass dem nicht so sein wird.

Das Pedalen unterscheidet sich tatsächlich kaum von den Tagen vorher. Kleine Strassen fast ohne Verkehr, eine wunderschöne Landschaft, rauf und runter wie gehabt. Einmal mehr irritiert uns, wie armselig die Indigenas in ihren dreckigen Siedlungen hausen. Kochen über dem offenen Feuer, Abfall, viele Hunde, Schweine, Hühner, Esel und Kühe auf den Strassen. Hygiene? Ein sehr weiter Begriff. Bauern pflügen ihre Felder mit Ochsen und Holzpflug, schneiden den Weizen mit der Sichel und dreschen ihn mit im Kreis trabenden Pferden. Dafür gibt es in jedem Dorf mindestens einen Handyladen und alle, bis auf ganz wenige Ausnahmen (Pit gehört als Gringo dazu), haben ein solches Gerät in der Tasche. Moderne Pick-Ups und Motorräder beherrschen neben Eseln das Strassenbild. Mittelalter trifft auf 21. Jahrhundert, grösser könnten Gegensätze kaum sein.

Laguna Sausacocha
Laguna Sausacocha

Dann liegt sie unvermittelt vor uns, die malerische Laguna Sausacocha. Hmm, gebratene Forellen – eine sehr feine Abwechslung zu Pollo und Arroz.

10 km nach Huamachuco erneuern wir das Abonnement auf die ersten drei Fahrradgänge. Die folgenden 110 Kilometer Naturstrassen haben es in sich. Wir geniessen die ganze Palette: von gut zu fahren bis kilometerweit durch grobes Geröll schieben, ist alles drin. Erinnerungen an Australien werden wach, da heissen Velos absolut treffend Pushbikes. Dafür kein Verkehr, dann und wann ein paar Häuser, mit Glück eine Bodega um den Getränkevorrat aufzufüllen, viel Ruhe und grandiose Natur. Vor allem Pit mag solche Abschnitte irgendwo am A der Welt sehr.

Friedhof an einer Strassenkreuzung auf gut 3000 m ü.M. Weit und breit kein Dorf.
Friedhof an einer Strassenkreuzung auf gut 3000 m ü.M. Weit und breit kein Dorf.
"Villa" ist doch ziemlich übertrieben.
"Villa" ist doch ziemlich übertrieben.

Von Cjamarca bis Huaraz am Fusse der Cordillera Blanca gibt es keine durchgehend asphaltierte Strasse wenn man in den Anden bleiben will. Kleine und kleinste Strassen bieten sich zum Treten an, Velofahren haben die Qual der Wahl, was dann und wann für Überraschungen sorgt. Diverse Radfahrer weichen daher für einige hundert Kilometer an die Küste aus.

 

Im kleinen Nest Cachicadan dürfen wir in einem Raum im Schulhaus übernachten – wenn die Direktorin endlich mit dem Schlüssel auftauchen würde. Immer wieder vertröstet man uns auf später. Beim Eindunkeln wird es uns zu blöd, wir bauen unser Zelt hinter dem Schulhaus in einer windgeschützten Ecke auf. Anstelle der Schulvorsteherin taucht dann ein Lehrer mit einer Schaar Schulkinder im Schlepptau auf und bietet uns an, in der Schulküche zu kochen. Gemeint ist ein Anbau mit offener Feuerstelle, einem Tisch, einem Stuhl und zwanzig grossen Tassen. Dankbar verziehen wir uns in den Raum. Die Nächte auf 3000 m ü.M. sind kalt.

Eine Tremola wie sie schöner nicht sein könnte!
Eine Tremola wie sie schöner nicht sein könnte!
In Kurven abwärts und drüben wieder in Kurven hoch.
In Kurven abwärts und drüben wieder in Kurven hoch.
Blick zurück nach Mollepata.
Blick zurück nach Mollepata.

20 Kilometer spektakuläre Abfahrt zum Rio Tablachaca, dann ebenso viele Kilometer bergauf nach Pallasca um dann von dort zurück zum Fluss wieder 1200 Höhenmeter mit heissen Bremsen auf ausgesetzten Strassen abwärts zu rollen. Peru bietet solche Spässe. Verrückt, auf was wir uns inzwischen einlassen! Knöcheltiefer, feiner Staub in den steilen Kurven und Geröll erfordern höchste Aufmerksamkeit. Bea hat zwei kleine Abflieger ohne ernsthafte Folgen hinter sich, hier, in den steilen Berghängen, können wir uns keine Ausrutscher leisten.

In Pallasca wird zu Ehren des regionalen Schutzpatrons San Juan Bautista zehn Tage lang gefeiert. Ein Zimmer finden ist unmöglich. Dank der Hilfe von Valentina und Rico, einem jungen französischen Radfahrerpärchen das auf La Réunion lebt und ebenfalls Richtung Süden unterwegs ist und fliessend Spanisch spricht, bietet uns David, ein Peruaner der in Madrid lebt und zum grossen Fest seine Heimatgemeinde besucht, in seinem Haus einen Platz an. Wir dürfen im Salon unsere Schlafsäcke ausrollen und die Velos sicher abstellen. Aber erst, nachdem die erste Bierkiste auf der zentralen Plaza leergetrunken ist. Nach peruanischem Brauch lassen wir einen Becher kreisen. Wir mögen Bier, aber irgendwann ist genug . . . Stundenlang umkreisen diverse Blaskapellen den Platz, Wagemutige reizen junge Stiere, die dann auf die laut kreischenden Zuschauer losstürmen, Betrunkene spritzen sich mit Bier ab und klopfen sich später – Pallasca im Ausnahmezustand. Geschickte Hände haben über Tage höhe Türme und Figuren aus Bambus und Feuerwerkskörpern gebaut. Die Nacht ist bitterkalt; wir streichen gegen ein Uhr völlig durchgefroren die Segel. Das Feuerwerk steigt erst gegen zwei Uhr morgens, ohne uns.

Die Bergflanken sind extrem instabil. Überall liegen Steine auf der Strasse.
Die Bergflanken sind extrem instabil. Überall liegen Steine auf der Strasse.

Wir wiederholen uns gerne: grandios und überwältigend ist das Velofahren entlang des Rio Tablachaca und Rio Santa! Die Flüsse dürfen ihr Bett suchen, wo und so breit wie sie wollen. Die Täler sind sehr trocken, haben etwas Wünstenähliches, vor allem die verschiedenen Kakteenarten faszinieren. Bei den wenigen Siedlungen wachsen vorwiegend Zitrusfrüchte auf schmalen, sandigen, mit ausgeklügelten Grabensystemen bewässerten Landstreifen entlang der Flüsse.

Zu unserer Überraschung ist die schmale Strasse asphaltiert, wenn auch an vielen Stellen durch Hangrutsche mit Geröll verschüttet oder durch Steinschlag weggebrochen. Überhaupt sind Felswände und Berghänge äusserst instabil, überall liegen Steine auf der Fahrbahn. Nicht zu viel nachdenken und zügig weiterfahren. Ja, wir sind nur kleine Würmer inmitten mächtiger, grandioser Natur, das wird uns hier besonders deutlich vor Augen geführt.

 

Unsere gefahrene Strecke versuchen wir so oft als möglich zu aktualisieren. Sie ist zu finden unter der Rubrik „Bereiste Länder und gefahrene Routen 2012-2017“.

Nur kleine, unbedeutende Würmer in gewaltiger Natur.
Nur kleine, unbedeutende Würmer in gewaltiger Natur.
Noch 52 km bis Caraz, dann gibt es endlich Pausentage.
Noch 52 km bis Caraz, dann gibt es endlich Pausentage.

Ab 2.6.2017

Blick vom Calla Calla Pass.
Blick vom Calla Calla Pass.

Immer wieder das Gleiche

Einen Tag Pause in Leymebamba bevor wir die Cordillera Central über fünf Pässe queren, der niedrigste 3050 m, der höchste 3750 m hoch. Freunde von uns sind die Strecke in dreieinhalb Tagen pedalt, wir werden einen Tag mehr brauchen.

Erst mal hängen wir einen Tag länger in Leymebamba herum weil sich ein mieser Regentag eingeschlichen hat. Die Tour nach Balsas am Rio Maranon über die ersten zwei Pässe muss sehr schön sein, darum bleibt nur das Hoffen auf gutes Wetter und tolle Fernsicht. Abends geniessen wir eine Pizza, wie in allen Restaurants auch hier lästige bettelnde Hunde unter und neben den Tischen. Da hebt doch einer sein Bein bei der Kühltruhe . . . ich springe mit einem Fluch auf, mein Fuss verfehlt in knapp. Die Wirtin stürzt wegen des Lärms aus der Küche. Ich gebe ihr mit Worten und Gesten zu verstehen, was los ist. Sie setzt ein entschuldigendes Lächeln auf und verschwindet erneut in der Küche. Da ist sie wieder, diese lächelnd-schulterzuckende Gleichgültigkeit die einem gewaltig auf den Geist geht. Wir wollen keine Köter an den Waden und schon gar nicht beim Essen in der Beiz und in der Küche! Einfach gruusig!

Da braucht es keine Worte!
Da braucht es keine Worte!
Dr füdleblutt Wahnsinn! (der nackte Wahnsinn)
Dr füdleblutt Wahnsinn! (der nackte Wahnsinn)

Das Mumien-Museum in Leymebamba

Zwei Kilometer ausserhalb von Leymebamba gibt es ein spezielles Museum das man unbedingt besuchen sollte. 1996 entdeckten Indios bei der Laguna de los Condores beim Roden des Nebelwaldes eine alte Grabstätte der Chachapoyas. Verursacht durch Besitzstreitigkeiten erfuhr der deutsche Archäologe Peter Lerche davon, er organisierte in kürzester Zeit eine Expedition um die Grabstätte zu erforschen und vor Grabräubern zu schützen. 120 m oberhalb des Sees fanden die Wissenschaftler in einem steilen Hang, verborgen hinter einem Wasserfall, sechs doppelstöckige Totenhäuser der Chachapoyas mit 185 Mumienbündeln und den Gebeinen von weiteren 150 Menschen.

Die gut erhaltenen Mumien und Grabbeigaben wurden geborgen und befinden sich heute im besagten Museum. Wieder einmal haben wir Glück und bekommen eine private Führung in der klimatisierten Totenkammer. Aus leeren Augenhöhlen scheinen uns die längst Verstorbenen stumm zu mustern. Faszinierend und schaurig zugleich, was die Forscher über die Mumien herausgefunden haben.

Ein interessantes Museum mit nur wenigen Besuchern.

Dr füdleblutt Wahnsinn!

Die Strasse windet sich in vielen engen Schlaufen stetig aufwärts, wechselt über einen Bach die Talseite. Nur selten begegnet uns ein Auto. Wir sind überrascht, dass die Strasse so einen guten Belag aufweist. Nach 35 km ist er geschafft (wir sind es auch!), der 3600 m hohe Calla Calla Pass. Eiskalt treibt der Wind Nebelschwaden vor sich her. Wir frieren. Nicht gemütlich hier oben. Noch ungemütlicher wird es, als zwei grosse Hunde von einer Baustelle auf der Passhöhe zähnefletschend auf uns zustürmen. Nur mit Mühe kann der Besitzer(?) sie zurückrufen. Wir waren gewarnt, drei Tage zuvor ist ein junges Radfahrerpaar aus den USA attackiert worden, Tara wurde gebissen, so dass die beiden von Las Balsas aus den Bus nach Celendin nehmen mussten.

Nur rasch weg. Dafür dann ein paar hundert Meter weiter – dr füdleblutt Wahnsinn!! Der Rundblick verschlägt einem den Atem. Das Licht- und Schattenspiel der Sonne auf den Berghängen bekommt durch den feinen Nebelschleier, den der Wind über den Berggipfeln auftürmt, eine unglaubliche Faszination. Nur schon für diesen Augenblick hat sich die stundenlange Schinderei gelohnt. Berge und Täler soweit das Auge reicht, und wir ganz klein mittendrin – das Leben ist schön!

Wir müssen uns beeilen, es wird rasch dunkel. Las Balsas liegt unten am Fluss.
Wir müssen uns beeilen, es wird rasch dunkel. Las Balsas liegt unten am Fluss.

Und dann die 60 km(!) Abfahrt bis nach Las Balsas. Alleine auf der schmalen Strasse abwärts sausen, kein Verkehr an diesem späten Nachmittag, nur vor den Kurven kurz bremsen. Die schmale Strasse, manchmal nur ein Auto breit, wagt sich einige Male nah an den Abgrund. Wir können uns nicht satt sehen an den zerklüfteten, kargen, in vielen Rottönen in der Abendsonne leuchtenden Felsen, müssen immer wieder fotografieren, vergessen die Zeit. Rasch versinkt plötzlich die Sonne, jetzt heisst es Gas geben. Es ist dunkel, als wir Las Balsas, nur noch auf 800 m ü.M. liegend, endlich erreichen. Sagenhafte 2800 Höhenmeter tiefer sind wir uns einig: das war etwas vom Grandiosesten was wir beide in den letzten viereinhalb Jahren fahren und erleben durften! Ein schöneres Geburtstagsgeschenk hätte Pit sich nicht wünschen können!

Eine wunderschöne Strecke vom Rio Maranon aufwärts nach Celendin.
Eine wunderschöne Strecke vom Rio Maranon aufwärts nach Celendin.
In langen Schlaufen den Berg hoch. Schon weit unten ahnen wir die Passhöhe, noch Stunden entfernt. Das Pedalen ist ein Genuss!
In langen Schlaufen den Berg hoch. Schon weit unten ahnen wir die Passhöhe, noch Stunden entfernt. Das Pedalen ist ein Genuss!

Von Las Balsas bis nach Celendin sind es gemäss Karte 62 km, allerdings geht es erneut hoch auf 3050 m, also für uns 2250 Höhenmeter an einem Stück. In einem breiten Talkessel pedalen wir in vielen Schlaufen aufwärts, schon früh brennt die Sonne heiss, kaum ein Lüftchen das kühlt. Die Strasse mit angenehmer Steigung, so wie wir Velöler das mögen. Das Strassenbauen haben die Peruaner besser im Griff als die Kolumbianer und Ecuadorianer. Bea läuft es heute nicht gut, der Magen rebelliert und vermutlich hat der gestrige, anstrengende lange Tag Spuren hinterlassen.

Am Mittag werfen wir das Handtuch. Etwas unterhalb von El Limon dürfen wir bei der hochschwangeren Violetta, sie erwartet ihr viertes Kind und hofft sehr auf ein Mädchen, und ihren drei Söhnen eine Nacht im neuen Lehmhaus verbringen. Als Leonardo, Tarak und Angelo von der Schule kommen gibt es grosse Augen. Schüchtern schlüpfen sie ins Haus . . . und machen mit einem erschrocken Blick zu uns einen Schritt rückwärts als sie das Gepäck sehen. Da haben sich tatsächlich zwei Gringos in ihrem Haus eingenistet!? Nach und nach tauen die drei auf, verfolgen neugierig was wir tun und wie wir auf unserem Kocher Spaghetti zubereiten. „Mama, Mama, komm rasch schauen, die Gringos kochen mit Benzin!“

Die Familie wohnt sehr einfach in einem Raum. Gestampfter Lehmboden, zwei Betten, in einer Ecke ein Gas-Rechaud, ein paar Kochtöpfe, Teller, unter dem kleinen Tisch Karotten und Kartoffeln auf einem Haufen. Strom von einem Solarpanel, kein TV, Wasser draussen am Brunnen. Wir dürfen uns am Boden mit unseren Luftmatratzen einrichten, Violetta schläft mit dem Jüngsten in einem Bett, die beiden älteren Buben teilen sich das andere. Am Morgen steckt die Mama heimlich jedem rasch den Schokoladenriegel in den Schulrucksack, den wir ihr für die Jungs gegeben haben. Ein nicht alltäglicher Luxus. Wir erinnern uns beschämt, wie wir am Vorabend den kleinen Rest Spaghetti den Hunden geben wollten und Violetta rasch mit einem Teller erschien und deutetet, sie wolle probieren. Ein Löffel Spaghetti, bereits kalt, an einer einfachen Tomatensauce.

Wir verabschieden und herzlich, danken für die grosse Gastfreundschaft und sind um Erfahrungen reicher. Ja, wie wohlhabend wir doch im Vergleich sind.

 

Unsere gefahrene Strecke versuchen wir so oft als möglich zu aktualisieren. Sie ist zu finden unter der Rubrik „Bereiste Länder und gefahrene Routen 2012-2017“.    

Erst am späteren Nachmittag ist der 3150 m hohe Passübergang erklommen. Viele Stunden hatten wir die kilometerweit ausholende Strasse weit, weit oben vor der Nase, nun ist es geschafft. Bis Celendin, eine Kleinstadt, ist es noch ein Katzensprung.

Zwei Pässe stehen uns bis Cajamarca noch im Weg. Der letzte, der 3745 m hohen Abra Comullca ist für uns der bisher höchste in Südamerika. Nach einer letzten Nacht im kleinen Poloc – das Kaff war zweifellos das schäbigste, dreckigste Dorf auf der Reise bisher, im „Hotel“ ging es zu wie im Hölzernen Himmel – geniessen wir nun eine der schönsten, ruhigsten Unterkünfte der Reise mitten in Cajamarca.

Das ist das Angenehme für uns am Reisen, wir müssen nirgends bleiben, dürfen immer weiter ziehen.

Für uns DIE Adresse in Cajamarca: Hospedaje Los Jazmines, Amazonas 775 (zentral in der Stadt gelegen, nahe der Plaza des Armes, im Hospedaje arbeiten Gehörlose und alleinerziehende Mütter), grosser Innenhof mit Garten, sehr ruhig, freundliches Personal, bezahlbar. 

Celendin, ein nettes kleines Städtchen. (Nach langem Herumrennen finden wir endlich kaltes Bier. Nach der langen Tour warmes Bier? Definitiv unmöglich!)
Celendin, ein nettes kleines Städtchen. (Nach langem Herumrennen finden wir endlich kaltes Bier. Nach der langen Tour warmes Bier? Definitiv unmöglich!)

Ab 31.5.2017

Seit März 2017 bringt die Besucher eine moderne Gondelbahn nach Kuélap.
Seit März 2017 bringt die Besucher eine moderne Gondelbahn nach Kuélap.

Kuélap

Auch das ist Peru: Oberhalb von Tingo Nuevo bringt die seit März 2017 in Betrieb stehende moderne Gondelbahn Besucher auf 3000 m ü.M. nach Kuélap, einer 1500 Jahre alten Festungsstadt, die erst 1843 wieder entdeckt wurde. Die Anlage auf einem Bergrücken in einem Oval angelegt, ist 600 m lang und misst an der breitesten Stelle 110 m. Eine bis zu 20 Meter hohe Blocksteinmauer schützte vor Feinden, die drei Zugänge sind sehr schmal und steil angelegt, was eine Verteidigung einfach machte. Erbaut wurde die imposante Anlage vom Volk der Chachapoyas über mehrere Jahrhunderte (das Volk wurde im 14. Jahrhundert von den Inkas unterworfen); man nimmt heute an, dass die Stadt mit ca. 3500 Einwohnern religiösen Zwecken diente. 1948 begann das Schweizer Ehepaar Reichlen mit den ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen. In mehreren Etappen wird die alte Stadt mit ihren mehr als 400 runden Häusern seither ausgegraben und teilweise renoviert.

Man erhofft sich natürlich einen touristischen Aufschwung der Region, nicht zuletzt durch den Ausbau des kleinen Flughafens von Chachapoyas in der Nähe. Noch sind nur wenige Touris unterwegs nach Kuélap. Wir geniessen die Ruhe und den grandiosen Ausblick über die Berge und Täler rundum. Wie es wohl in zehn Jahren hier oben zugeht? Ein zweites Machu Pichu?

Kuélap wird in mehreren Etappen freigelegt.
Kuélap wird in mehreren Etappen freigelegt.

Ab 19.5.2017

Peru

Berge gibt es im schönen Peru so viele wie in Ecuador und sie sollen nicht minder anstrengend zum Fahren sein, wie wir von Freunden hören. Vor Cajamarca werden wir über fünf hohe Pässe nacheinander die Cordillera Central queren. Wir sind gespannt, was uns erwartet.

Ab Namballe schuften wir geschlagene 40 km bergauf. Trotzdem, wie angenehm die geteerte Strasse zu fahren ist, die in weiten Serpentinen dem Berghang entlang führt, steile Stellen gibt es nur selten. San Ignacio, ein kleines 10'000 Seelen Städtchen, bietet wenig Beschauliches, trotzdem legen wir nach einem Hotelwechsel weg von der lärmigen Strasse drei Pausentage ein. Wie könnte es anders sein, auch die netten, offenen Peruaner lieben den Lärm, malträtieren unsere Ohren mit Latinoschnulzen bis in die Nacht. In Tamborapa platzt Pit am späten Abend der Kragen. Der Typ in der hintersten Zelle – in der Schweiz würde Amnesty International protestieren, wären Häftlinge so untergebracht wie wir hier (für uns kein Problem, die Nacht kostet ja nur Fr. 3.20 pro Schlag) – veranstaltet seine private Disko, als wäre er allein im Haus. Irgendwann hat alles seine Grenzen.

Der internationale Grenzübergang La Balsa.
Der internationale Grenzübergang La Balsa.
Kaffeebohnen trocknen auf der Strasse. Bei so wenig Verkehr kein Problem.
Kaffeebohnen trocknen auf der Strasse. Bei so wenig Verkehr kein Problem.

Hier im Norden von Peru gibt es deutlich weniger Autoverkehr als in Ecuador. Die Miet-Pickups und Taxis der Kooperativen, in Ecuador zu hunderten unterwegs, fehlen weitgehend, dafür sind viele dreirädrige Motorradtaxis unterwegs, die in den Ortschaften ein lärmendes, hupendes Hin und Her bis in die Nacht veranstalten, schlimmer als in Bangkok. Alles wird mit den billigen Dreirädern transportiert, vom fetten Schwein bis zum gesamten Hausrat samt Bett und Schrank.

Kulinarisch ist das Angebot in den Restaurants nicht überragend, aber vielseitiger als in Ecuador, was keine Kunst ist. Mit Reis, Bohnen und Huhn zum Frühstück können wir uns trotzdem nicht anfreunden. Nicht immer gibt es als Alternative Eier und bekommt man in Ecuador stets einen Fruchtsaft zum Frühstück heisst das hier in Peru nicht selten „nein, haben wir nicht“.

Unterwegs auf der fruchtbaren Ebene vor Jaen.
Unterwegs auf der fruchtbaren Ebene vor Jaen.
Übernachten in Jaen.
Übernachten in Jaen.

Echt schwierig gestaltet sich das Einkaufen von Esswaren in den kleinen Läden und Kiosks mit sehr beschränktem Angebot. Dosenfisch, mit Glück etwas Schokolade, vielleicht trockene Biskuits, Süssigkeiten, ein paar Früchte. Rasch gewöhnen wir uns an, zu essen und einzukaufen wann immer sich eine Gelegenheit bietet. Besser um elf Uhr etwas Warmes im Magen als bis abends nichts mehr zu futtern finden. Alles halb so wild und nicht neu für uns.

 

Vor Jaen könnten wir links abbiegen und bei Bellavista ein Motorboot über den breiten Rio Maranon nehmen und so die Strecke um 35 km abkürzen, wie das die meisten Radfahrer machen. Uns genügt ein Blick auf die unbefestigte Piste, oder was sich unter grossen Pfützen und Morast verbirgt, um ohne anzuhalten Jaen anzusteuern. Nein, nach so viel Nass und beschissenem Wetter können wir auf diese Schlammschlacht verzichten.

Die Landschaft hat sich merklich verändert. Sie ist karger, den vielen Kakteen nach zu schliessen, auch trockener geworden (schön wär’s!). Bananen, Ananas, Orangen und andere tropische Früchte wachsen nur noch entlang der Flüsse, wo genügend Feuchtigkeit vorhanden ist.

Das Hinterrad von Beas Velo verliert seit längerem Luft. In Bagua Grande muss Pit mit seinem Rad ebenfalls eine Tankstelle ansteuern und nachpumpen. Am andern Morgen dann der grosse Paukenschlag: Pits Fahrrad komplett ohne Luft, Beas Rad hinten flach! Drei Patschen an einem Morgen! Fluchen bringt uns nicht weiter. Alle Taschen zurück ins Zimmer, eine Nacht länger buchen und erst mal Frühstücken. Natürlich ahnen wir nicht, dass wir am nächsten Morgen vor dem Abfahren den Schlauch an Beas Fahrrad hinten nochmals wechseln müssen. Diese elenden Dreckstrassen in den Ortschaften machen uns das Leben schwer, echt zum Kotzen!!

Wir fahren durch ein Gebiet mit vielen archäologischen Ausgrabungsstätten.
Wir fahren durch ein Gebiet mit vielen archäologischen Ausgrabungsstätten.

Ab Bagua Grande hat sich die Strasse mit dem Rio Utcubamba verbrüdert, die zwei weichen sich für die nächsten 165 km nicht von der Seite, was uns ein einmalig schönes Fahrvergnügen beschert. Immer näher rücken die Berghänge zusammen, die sich grasbewachsen und sehr steil mehr als tausend Meter links und rechts über uns auftürmen. Der Rio Utcubamba führt viel Wasser, das tosend und braun schäumend dem fernen Rio Maranon zuschiesst. Neben dem Getöse des Flusses hört man ab und zu Papageien im Schwarm kreischen, alle paar Minuten überholt ein Auto ansonsten sind wir mit dem gewaltigen Bergpanorama allein, geniessen die Ruhe. Hier Velofahren ist etwas vom Schönsten, was Südamerika uns bisher geboten hat.

Am frühen Morgen hinter Pedro Ruiz.
Am frühen Morgen hinter Pedro Ruiz.

Noch gesteigert wird das Fahrvergnügen ab der Abzweigung nach Chachapoyas, die Strasse wird schmaler, manchmal nur einspurig führt sie uns immer nah am Wasser tiefer in das Labyrinth aus grünen Tälern, Schluchten, weit abseits liegenden Weilern und Bergen, die sich uns schier endlos in den Weg stellen. Stellenweise müssen sich die in die Felsen gehauene Strasse und der Fluss knapp 50 m teilen. Wir schlüpfen durch die Nadelöhre, begeistert von der grandiosen Natur und bekommen einmal mehr bestätigt, dass das Velofahren in der Cordillera Central hart und schweisstreibend aber etwas unvergleichlich Schönes ist!