Von San Pedro de Atacama, Chile, nach Salta, Argentinien

In San Pedro de Atacama wimmelt es von Touristen. Wie schon in den Ländern vorher bemerkt, sind mehr als drei Viertel von ihnen jünger als dreissig. Gibt es in Frankreich noch Franzosen? Ein paar wenige werden das Land am Laufen halten, der Rest macht in Südamerika Ferien, wie uns scheint.

Der höhere Lebensstandard von Chile gegenüber Bolivien schlägt sich in den Preisen nieder. Erst mal egal, uns läuft schon beim Lesen der Speisekarten vor den zahlreichen Restaurants das Wasser im Mund zusammen. Noch besser, wir finden ein ruhiges, bezahlbares Hostal mit Küche. Zusammen mit Valentina und Rico verwöhnen wir uns über Tage, bis die Bäuche beinahe platzen. Baguette mit Roquefort und herrliche Butter-Schokoladengipfel aus der French-Bakery, Spaghetti mit Lachs und Brokkoli, gefüllte Omeletten, Crêpes mit Caramelsauce, Fisch in Alufolie mit Kartoffelpüree, Salate, Gemüse und, und . . . Wow, sooo gut!! Der Nachholbedarf nach Bolivien und der Ochsentour entlang der Lagunen ist enorm. Velofahrer sind immer hungrig.

Entlang der Atacamawüste (Foto M. Wanning).
Entlang der Atacamawüste (Foto M. Wanning).
(Foto M. Wanning)
(Foto M. Wanning)
Nicht einfach, einen windgeschützten Zeltplatz zu finden.
Nicht einfach, einen windgeschützten Zeltplatz zu finden.

Nach fünf Tagen verlassen wir ausgeruht San Pedro Richtung Atacamawüste, in den Taschen Vorräte für ca. eine Woche. Wir haben uns die Route über den Paso Sico nach Argentinien vorgenommen (knapp die Hälfte der 530 Kilometer wird Schotterpiste sein) während Valentina und Rico über den Paso Jama nach Salta pedalen. Die Desierto de Atacama steht für eine der trockensten Regionen der Erde. In einigen zentralen Gebieten der 105'000 Quadratkilometer grossen Wüste ist seit Jahrzehnten kein Regen gefallen. Durchschnittlich fällt nur 0,5 mm Niederschlag pro Jahr.

Wir finden einen kleinen Canyon, wo wir unser Zelt vom Wind geschützt aufbauen. Ungefährlich, zur Zeit ist nicht mit Regen zu rechnen. Ja der Wind, spätestens ab Mittag bleibt er uns in den nächsten Tagen auf den Fersen. Schiebt erst aus Nordwest um irgendwann nachmittags auf Konfrontationskurs Süd zu drehen.

Aller Unkenrufe zum Trotz ist das Pedalen in der Wüste nie langweilig. Das liegt auch an den farbigen Blumenteppichen entlang der Strasse. Das Phänomen besteht im Erscheinen einer Vielfalt von Blumen zwischen September und November in Jahren mit – für eine der trockensten Wüsten der Welt – aussergewöhnlichen Niederschlägen.

Klimatisch hängt das Ereignis mit dem globalen Klimaphänomen El Niño zusammen, das eine Überhitzung der ufernahen Meeresströme bewirkt. Die Küstennebel (camanchacas), die sonst recht schnell verdunsten, enthalten dadurch ausreichend Feuchtigkeit, um über der Wüste abzuregnen. So wachsen und blühen in kurzer Zeit mehr als 200 Pflanzenarten. Blumen! Wie lange haben wir keine mehr gesehen!

Bei einem Kaffee den Sonnenuntergang geniessen. Die Atacama ist zu jeder Tageszeit ein Erlebnis.
Bei einem Kaffee den Sonnenuntergang geniessen. Die Atacama ist zu jeder Tageszeit ein Erlebnis.

Immer wieder halten wir an. Die Weite der Wüste, ihre Kargheit, die wunderschönen Pastellfarben der Vulkane rundum, Berg-Vizcachas (Hasenmäuse, der Familie der Chinchillas zugehörig), Wüstenfüchse, kleine Eidechsen, die Stille – Verkehr gibt es kaum – unsere Gefühle für diese grandiose Natur lassen sich nur schwer beschreiben. Wir saugen auf und speichern ab. Fotos sind eh nur ein billiger Abklatsch.

Im kleinen Nest Socaire stocken wir unseren Wasser- und Getränkevorrat auf, dass er für drei Tage reicht. Das wenige Gemüse hängt schlapp in den Kisten, trockene Bisquits, Büchsen-Thunfisch, ansonsten gähnende Leere im kleinen Laden. Das „Futter“ in den Taschen muss einfach reichen. Bis zum 270 km entfernten San Antonio de los Cobres in Argentinien gibt es keine Einkaufsmöglichkeit mehr, das war uns so nicht bewusst. Weiter vorne hat ein Jeep angehalten. Agenor und Sandra aus Brasilien spenden uns eine Flasche Wasser. Die kommt wie gerufen! Muchas gracias!

 

Unsere gefahrene Strecke versuchen wir so oft als möglich zu aktualisieren. Sie ist zu finden unter der Rubrik „Bereiste Länder und gefahrene Routen 2012-2017“.

Die wunderbar im gleissenden Mittagslicht leuchtende, hellblaue Laguna Salar de Talar.
Die wunderbar im gleissenden Mittagslicht leuchtende, hellblaue Laguna Salar de Talar.

Schluss mit asphaltierter Strasse. Der erste Pass, 4320 m, ist erklommen. Erst mal gibt es groben, tiefen Schotter unter die Räder, der Kraft kostet. Ab und zu heisst es schieben. Wir queren die Anden zum zweiten Mal. Abra Sico, 4458 m, Abra de Arizaro, 4310 m, Abra Chorillos, 4560 m, Abra Blanca, 4080 m. Trotz aller Mühen möchten wir in unserem Leben nie auf Berge verzichten. Die Tour ist wirklich der Hammer!

Die Chilenen bauen die Strasse bis an die Grenze neu. Reger Baustellenverkehr lässt uns auf die halbfertige, teilweise asphaltierte neue Strasse ausweichen. Zum Velofahren angenehm, trotzdem kommt Wehmut auf. Ein Fahrradklassiker in Chile/Argentinien geht weitgehend verloren.

Die Laguna Tuyaito.
Die Laguna Tuyaito.
Hier verläuft die Grenze Chile/Argentinien. Erst elf Kilometer weiter befindet sich der Grenzposten.
Hier verläuft die Grenze Chile/Argentinien. Erst elf Kilometer weiter befindet sich der Grenzposten.

Nach einer kalten Zeltnacht brechen wir früh auf. Noch lässt uns der Wind in Ruhe. Völlig unerwartet taucht sie vor uns auf, die grandioseste Lagune der bisherigen Reise, die wunderbar im gleissenden Mittagslicht leuchtende, hellblaue Laguna Salar de Talar. Genau wegen solcher Momente lohnt das Wühlen im Sand. Wir staunen sprachlos. Die Berghänge wie mit Mehl gepudert, rote Uferfelsen, weisse Boraxschichten, blaues Wasser – haben wir uns auf einen fremden Planeten gebeamt? Kalte Schauer laufen über den Rücken – einfach nur Megaschön!!

 

Nach der Laguna Tuyaito führt die Piste im Bogen nach Nordost. Auf der weiten Ebene beziehen wir ordentlich Prügel. Unser alter Freund fegt uns von den Rädern, fahren ist nicht mehr möglich. Schieben. Windhosen schmeissen uns schaufelweise Sand ins Gesicht. Wenn das so weiter geht, dann Gute Nacht.

Im Minencamp El Laco werden wir freundlich aufgenommen, trinken Tee, dürfen ein Zimmer beziehen und ein deftiges Nachtessen geniessen. Velofahrer sind hier willkommen. Herzlichen Dank, Juan-Carlos und Claudio, für eure Gastfreundschaft!